Vogelwild steht er vor mir. Luigi. Himmelwärts ragende, blonde Haare. Tätowierungen. Cowboystiefel mit Union Jack. Markante Sonnenbrille mit gelben Gläsern. Verwegener noch als sein Outfit ist seine Lebensgeschichte. Geboren in Mannheim. Als „Kanakenkind“. So hat er seine Biographie überschrieben. Gastarbeiterfamilie aus Sizilien. Familiäre Gewalt. Absturz in den Drogensumpf. Kriminalität. Heroin. Kurz vor dem Exitus.
Dann eine Begegnung. Mit „einem Juden, den wir alle kennen“. So erzählt er ganz locker. „Jesus von Nazareth“. Dieser „Jesus“, den Namen trägt er tätowiert auf der Haut, habe ihm die Kraft gegeben, sein Leben zu drehen. Jesus und – eine Kamera. Er beginnt zu fotografieren. Gibt den Unsichtbaren ein Gesicht. Menschen im nahegelegenen Flüchtlingsheim. Zunächst.
Dann das Projekt, mit dem er sich international einen Namen gemacht hat: „Gegen das Vergessen“. Luigi Toscano wird zum Fotografen der Holocaustüberlebenden. Ohne Drogen. Mit Kamera. Und heißem Herzen.
„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Der Satz des Philosophen George Santayana wird für ihn wegweisend. Über 600 Überlebende der Shoah fotografiert er. Erfährt ihre Geschichten. Die Dunkelheit. Das Grauen. Nicht selten zum ersten Mal erzählt. Ihm. Dem Vogelwilden mit der Kamera. Und damit auch uns.
Er brennt das Menschheitsverbrechen, das geschehen ist, fast paradox filigran mit seinen Bildern auf unsere Netzhaut. Wer seine Bilder gesehen hat, kann die Vergangenheit nicht vergessen. Das ist Luigis großartiger Beitrag dazu, dass ein solches Grauen hoffentlich nicht wieder geschieht. Die UNESCO hat ihn 2021 dafür als ersten Fotografen überhaupt zum „Artist for Peace“ ernannt.
Wie wichtig ist diese Erinnerung gerade heute. Wie dankbar bin ich, ihn getroffen zu haben. Jesus und eine Kamera haben es möglich gemacht. Es gibt noch Wunder in unseren Tagen.