Kolumne Mai 2026

Der Geist ist kein Download

Simon Döbrich

Pfingsten hat es schwer.

Weihnachten hat Kerzen. Ostern hat Eier. Erntedank hat Kürbisse. Sogar der Buß- und Bettag hat immerhin einen Namen, bei dem man sofort merkt: Jetzt wird es ernst.

Pfingsten dagegen?
Ein langes Wochenende. Vielleicht ein Ausflug. Vielleicht Stau Richtung Berge. Vielleicht Wind über dem Starnberger See. Der Heilige Geist kommt, und wir suchen erst einmal den Sonnenschirm.

Das ist menschlich.
Und vielleicht gar nicht so falsch.

Denn Geist ist Wind. Atem. Bewegung. Etwas, das man spürt, aber nicht festhält. Man kann ihn nicht in die Tasche stecken. Nicht in eine Sitzungsvorlage. Nicht einmal in eine App. Der Heilige Geist ist kein Download. Auch wenn das der Kirche manches erleichtern würde.

Einmal klicken.
Installieren.
Neustart der Gemeinde.

So einfach ist es nicht. Leider. Oder Gott sei Dank.

Die Bibel erzählt Pfingsten anders. Nicht als kirchliches Optimierungsprogramm. Nicht als große Motivationsveranstaltung mit anschließender Auswertung. Sondern als Ereignis. Menschen sitzen beieinander. Sie warten. Sie wissen nicht genau, worauf. Dann kommt ein Brausen. Feuer. Sprache. Und plötzlich verstehen Menschen einander, die vorher getrennt waren.

Das ist das Wunder. Nicht, dass alle gleich werden. Sondern dass sie einander hören.

Wir brauchen das. Sehr.

Unsere Gegenwart ist nicht geistlos. Sie ist übervoll. Da ist der Geist der Angst. Er flüstert: Mach zu. Da ist der Geist der Empörung. Er ruft: Schlag zurück. Da ist der Geist der Eile. Er sagt: Du hast keine Zeit. Da ist der Geist der Selbstoptimierung. Er sagt: Du bist noch nicht fertig. Da ist der Geist der digitalen Erregung. Er sagt: Lies nur die Überschrift, aber empöre dich bitte vollständig.

Manchmal reicht ein Handybildschirm, und die Seele hat Gegenwind.

Pfingsten fragt deshalb politisch. Aber nicht parteipolitisch. Dafür ist der Heilige Geist zu unhandlich. Er passt in kein Wahlprogramm und schon gar nicht in eine Kommentarspalte. Pfingsten fragt tiefer: Welcher Geist bestimmt unser Reden? Unser Streiten? Unser Schweigen? Wem hören wir zu? Wen übersehen wir? Wo wird Wahrheit gesucht — und wo nur Bestätigung?

Das ist keine kleine Frage. Es ist die Frage nach dem Klima einer Gesellschaft. Und manchmal auch nach dem Klima in einer Gemeinde. Auch dort weht nicht immer nur der Geist von Taizé.

Theologisch gesagt: Der Pfingstgeist ist der Geist Jesu Christi. Nicht irgendeine religiöse Energie. Nicht das gute Gefühl, wenn der Kaffee nach dem Gottesdienst reicht. Er ist der Geist des auferstandenen Gekreuzigten. Das heißt: Er kommt nicht an der Wunde vorbei. Er kommt durch sie hindurch.

Er macht Christus gegenwärtig.
Nicht laut.
Nicht billig.
Aber wirklich.

Darum ist Pfingsten kein Fest der Flucht aus der Welt. Es ist das Gegenteil. Der Geist führt hinaus. Zu den Menschen. Zu den Konflikten. Zu den Fragen, die man lieber vertagt. Zu denen, die nicht vorkommen. Zu den Armen. Den Einsamen. Den Fremden. Den Müden. Denen, die keine schönen Sätze mehr haben.

Kirche wird dort pfingstlich, wo sie nicht nur über Menschen spricht, sondern mit ihnen. Wo sie zuhört, bevor sie urteilt. Wo sie Trost nicht mit Vertröstung verwechselt. Wo sie widerspricht, ohne zu verachten. Wo sie Humor behält, weil Humor eine kleine Schwester der Hoffnung ist.

Damals, in Jerusalem, begann es mit Wind.

Nicht mit einem Konzeptpapier.
Nicht mit einer perfekten Struktur.
Nicht mit einem starken Auftritt.

Mit Wind.

Vielleicht reicht das als Anfang. Für eine Gemeinde. Für eine Stadt. Für eine Kirche am See. Für einen Menschen, der morgens die Nachrichten liest und abends trotzdem nicht zynisch geworden sein will.

Komm, Heiliger Geist.
Nicht als App.
Nicht als Schlagwort.
Nicht als Besitz.

Komm als Atem.
Als Wahrheit.
Als Geduld.
Als Mut.

Autor/in

Simon Döbrich

Pfarrer
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