Logo und Losung für das Jahr 2021 der Evangl. Kirche Starnberg

Tageslosung vom 20.10.2021
Der HERR sprach: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und erzieht uns, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben.

Philosophie für heute

Thiemes Zettelkasten:

Die Zettel sammeln sich, die Zettel werden mehr und mehr – heraus kommen interessante und auf ihre Weise aktuelle, philosophische Gedanken und Betrachtungen von Dr. Christian Thieme. Zugleich lohnt es sich, diese Beiträge auch im Rückblick zu lesen, denn sie sind zeitlos. Bis heute erschienen und hier zu lesen sind:

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre
Ihr
Pfarrer Dr. Stefan Koch


Reaktion erwünscht!

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Dr. Christian Thieme

Der geborene Niederpöckinger, studierter Mathematiker und Informatiker samt epidemiologischer Promotion war lange als Geschäftsführer einer Körperschaft im Gesundheitswesen tätig, Thieme kann aber auch den Abschluss in alten Sprachen und ein Studium der Philosophie vorweisen.
Besonders aus letzteren Quellen schöpft der Humanist Jahrgang 1952 für „Thiemes Zettelkasten“, den er auf unserer Homepage immer weiter füllen wird.


Soeben erschienen:
Christian Thieme, Opas Zettelkasten – Band I

Wenn ein Ehemann, Papa und Opa anfängt, immer weitere Zettel vollzukritzeln und ständig hinter die Klappe seines Laptop abzutauchen, statt wie gewohnt am familiären Diskurs teilzunehmen, bleiben die Nachfragen nicht aus. Was schreibst du denn da die ganze Zeit? – Och…. mal sehen … Nein, so billig kom-me ich nicht davon. Also, ich schreibe über Erfahrungen, die ich in meinem Le-ben gesammelt habe, und verdichte sie zu lesbaren Texten – Also deine Autobi-ografie? – Nein, um Himmels willen. Wen würde die denn interessieren! – Aphorismen? – Nein, Texte – Ja, was denn dann für welche?
Thema meines Buches sind die Beziehungen zwischen Menschen, insbesondere die Beziehungen innerhalb der Familie. Der jetzt erschienene Band I widmet sich den Herausforderungen der ersten Lebenshälfte. Selber (noch) wachsen, andere (schon) wachsen lassen und beides miteinander zu verzahnen: Geht so etwas eigentlich? Die Antwort ist einfach: Es muss gehen, weil es dazu keine Alterna-tive gibt. Wollten wir mit allem abwarten, bis wir selbst „fertig“ sind, dann gäbe es bald keine Familien und keine Kinder mehr. So einfach ist das, und doch so schwer.

Das Buch ist erschienen im Fromm-Verlag, ISBN 978-613-8-37493-0, und kostet 25,90 €.


Thiemes Zettel vom 28.09.2021

Dr. Christian Thieme

Entscheiden

Ehrlich währt am längsten. Darum will ich mit einem Geständnis beginnen: Ich bin unfähig, einen Laptop oder ein Handy zu kaufen. Meistens schadet mir das nichts, weil sich ein barmherziges Mitglied meiner Familie meiner erbarmt und das Problem für mich löst. Beim vorletzten Laptop jedoch war ich wild entschlossen, die Schwäche zu überwinden. Ich lief ins nächstbeste Fachgeschäft in der Innenstadt, ließ mir kurz ein paar Brocken hinwerfen und kaufte ein vollkommen ungeeignetes Gerät, das ich nach kürzester Zeit ausmustern musste: Lehrgeld. Ich kann auch erklären, woher das bei mir kommt. Ich empfinde eine herzliche Abneigung dagegen, meine Zeit mit dem Studium von Testberichten und Produktbeschreibungen zu verbringen. Andererseits aber drückt mich die dumpfe Empfindung, dass in dem ganzen Wust von Begriffen und Rezensionen doch ein paar Brocken verborgen sein könnten, die für mich wichtig wären. Die "Lösung" ist allzu oft so, dass ich notwendige Dinge einfach gar nicht kaufe und so der Entscheidung aus dem Weg gehe. Oder: Verzweiflungstat, siehe oben. Manchmal ist es vielleicht sowieso keine schlechte Idee, auf ein Konsumgut erst einmal gänzlich zu verzichten, aber damit will ich meine Schwäche nicht schönreden.

Entscheider

Insgesamt ist "entscheiden" mehr als die Wahl zwischen Konsumgütern. Entscheiden ist ein Vorgang, der weit in die Persönlichkeit hineinreicht. In größeren Unternehmen ist klar geregelt, wer welche Entscheidungen treffen darf (und dann auch muss). Männer und Frauen, die die größten, folgenreichsten Entscheidungen treffen, heißen "Entscheider". Das ist Wirtschaft. Im echten Leben ist jeder Mensch sein eigener Entscheider, jeden Tag. Darauf kommt es mir jetzt an. Die einführenden Beispiele verlege ich nur deshalb teilweise ins Wirtschaftsleben, weil dann niemand denken muss "Au Backe, genau! Das wäre es gewesen! Und wie schlecht habe ich das neulich gemacht"…

Beispiel 1: Eine umstrittene Ausschreibung aus einem schwierigen Land ist eingegangen. Soll unser Unternehmen auf sie reagieren und ein Angebot abgeben, ja oder nein? Was alles gehört dazu, um diese Entscheidung zu treffen: Zum Beispiel Unternehmensstrategie, Gewinnerwartung, Risiken, Arbeitsplätze, Menschenrechtslage im Land des Auftraggebers, Umweltschutz – ganz unterschiedliche Kriterien können zusammenfließen. Die Entscheidung will gut vorbereitet sein, so gut, wie die verfügbare Zeit und die Ressourcen es gestatten, aber dann muss der Daumen hoch oder runter. Und wenn wir bis zum Termin nicht reagieren, ist das Thema automatisch durch.

Beispiel 2: Soll einem "notleidenden" Projekt mehr Personal zur Verfügung gestellt werden, oder soll der Umfang reduziert werden, oder schieben wir den Termin, ober wollen wir es einfach darauf ankommen lassen, oder vertagen wir die Entscheidung noch einmal? Oder finden wir eine Mischung aus all dem? Schnell zerfließt die vermeintlich "eine" Entscheidung in eine Kaskade von kleinen Einzeldingen.

Beispiel 3: Die Entscheidung von vor einem Monat hat sich nicht bewährt – bis jetzt. Sollen wir sie komplett rückgängig machen, sie ändern, oder wollen wir unsere beschlossene Linie unverändert weiterverfolgen?

Mit dem letzten Beispiel haben wir eine weitere Dimension dazu bekommen: Manche Entscheidungen der Vergangenheit sind in Stein gemeißelt (ein abgebrochenes Haus ist abgebrochen), andere nicht. Auch am Umgang mit früheren Entscheidungen scheiden sich die Charaktere.

Im Alltag ist alles eine Schuhnummer kleiner – scheinbar!!!

Die wenigsten Menschen gehen einem Beruf nach, der sie zum "Entscheider" macht. Aber darauf kommt es herzlich wenig an! Im realen Leben ist jeder von uns ein Entscheider, immer wieder. Und es geht wahrlich nicht um wenig. Unser eigenes Leben ist es, für das wir immer wieder neue Entscheidungen treffen müssen. Ist es nicht widersinnig, wenn wir den Chef oder die Chefin einer Schuhkartonfabrik voller Respekt als Entscheider betrachten, vor uns selber aber sorgsam darauf achten, dass unser Entscheiden möglichst nicht auffallen möge, häufig nicht einmal uns selbst? "Ich muss noch die Küche aufräumen, bevor wir gehen" statt "ich will ….", da fängt die Fehlhaltung schon an. Und sie zieht sich durch, vom ganz Kleinen bis – manchmal! – zu den größten Fragen. Vor sich selber vermeintliche Zwänge konstruieren, Dinge treiben lassen, statt sie bewusst in die Hand zu nehmen, und so fort. Die Folge ist, dass viele von uns ihr eigenes Leben auf dem Rücksitz verbringen, während an Steuer irgendwer oder irgendetwas sitzt, sei es eine andere Person oder schlicht der täglich wechselnde Zufall. Die Gründe sind vielschichtig. Sehen wir uns ein paar davon an.

Wann treffe ich denn eine Entscheidung? Realisiere ich es überhaupt?

"Ich kann das jetzt nicht entscheiden", den Satz hat vielleicht jeder schon gehört oder selbst gesprochen. Was aber bedeutet er? Genauer gesagt, was bedeutet er wann?

Noch zwei Minuten bis Hannover. Der vordere Teil des ICE fährt gleich weiter nach Hamburg, der hintere nach Bremen. Dort sitzt ein Fahrgast, Zeitung lesend und abwesend. Kommt der Schaffner vorbei und fragt ihn: Wollen sie nach Hamburg oder nach Bremen? Oh, schreckt er auf, muss ich das jetzt wissen? – Ja, nach Hamburg müssten Sie gleich in den vorderen Zugteil umsteigen. Wir halten in einer Minute. Äh, sagt der Fahrgast, das kann ich jetzt so schnell nicht entscheiden, und bleibt sitzen. Er tut so, als träfe er nur dann eine Entscheidung, wenn er aktiv in den natürlichen Lauf der Dinge eingreift. Sitzen zu bleiben und nach Bremen gefahren zu werden, sieht er einfach nicht als Entscheidung an. Umzusteigen und weiterzufahren nach Hamburg dagegen schon.

Das Beispiel ist irgendwie dämlich, aber einprägsam. Gehen wir ein paar Absätze zurück zum Fallbeispiel 1. Wenn die Angebotsfrist abläuft, ohne dass der "Entscheider" sichtbar und hörbar eine Entscheidung getroffen hat, haben wir exakt den ICE-Fall. Vielleicht hat ihn seine Sekretärin vor Ablauf der Frist sogar täglich daran erinnert, und er hat sie jedes Mal brummig weggeschickt? Jetzt klingt die Geschichte schon nicht mehr so konstruiert. Würden wir uns jedes Mal darüber Rechenschaft geben, wenn wir eine Angelegenheit durch Nichtstun entscheiden, also den Entscheidungsbedarf ignorieren, statt die Sache kraftvoll in die Hand zu nehmen, würden manche Dinge vielleicht anders laufen, besser?

Das "passionierte Nicht-Entscheiden" kennt zudem eine weitere Spielart, die auf den ersten Blick das genaue Gegenteil zu sein scheint: Ich nehme den anstehenden Entscheidungsbedarf, jeden Entscheidungsbedarf, so ernst, dass ich jeden, der mir gerade über den Weg läuft, mit meinem Problem beschäftige und um Rat frage: "Wie würdest DU dich denn entscheiden". Der andere gibt sich redlich Mühe, dem Ratsuchenden eine gute Empfehlung zu geben, bis er eines Tages gewahr wird, dass sein Rat nur ein Pflasterstein auf einem grenzenlos langen Weg war: Der Weg als Ziel. Und wenn das Ziel darin besteht, kein Ziel zu sein, muss der Weg einfach nur grenzenlos lang werden. Irgendwann erledigt sich die Sache auch auf diese Weise.

Ich bin ein "Ich" – weiß ich das?

Warum aber will ich mich vor Entscheidungen drücken? Ist es Gleichgültigkeit? Unsicherheit? Fehlender Mut? Oder ist es vielleicht die prinzipielle Schwierigkeit mit dem Anspruch, ein ICH zu sein? Wie gerne sagen wir "Man fühlt sich dabei unwohl" oder andere Sätze dieser Art, obwohl die einzige Person auf der ganzen Welt, auf die dieses "man" gerade anwendbar ist, ich selber bin! Warum also nicht: "ICH fühle mich unwohl"? Manchmal mag es höfliche Zurückhaltung sein. Aber ist es das immer? Steckt dahinter nicht viel zu oft die Scheu, sich mit der eigenen Person, mit der eigenen Subjektivität sichtbar zu machen und das Statement abzugeben. Bequemer ist es, mit dem "man" den Eindruck zu erwecken, als referiere man hier nur einen allgemeingültigen Sachverhalt. Einmal so eingeübt, verschwindet das "ich" immer weiter aus meiner Rede. Auch aus meinem Denken?

Entscheiden hat stets etwas mit "ich" zu tun. Der Satz "Man würde an dieser Stelle wohl die Alternative A wählen" ist keine Antwort auf die Frage, wie ich es haben möchte. Bei "Geben Sie mir den roten" kann ich das "ich nehme" noch vermeiden, und manchmal sind solche Formulierungen in der Situation einfach freundlicher. Generell aber gehören das "Ich" und die Entscheidung zusammen. Die gute Nachricht: "Ich" zu sein, lässt sich üben.

Begründen können

Der Entscheider aus dem Fallbeispiel 1 hatte im schwachen Ich vielleicht sein Motiv, den Termin stillschweigend verstreichen zu lassen. Hätte er seine Entscheidung nicht durch Liegenlassen getroffen, sondern explizit, so hätte er vielleicht ziemlich kritische Fragen aushalten müssen. Vielleicht war es ihm angenehmer, sich hinter dem zu vollen Terminkalender und anderen solchen Ausflüchten zu verstecken, ganz so als hätte ihn nur die Ungunst des Alltags an einer kraftvollen Entscheidung gehindert. Was zwar offensichtlich ein schlimmes Zeichen von (Führungs-)Schwäche gewesen wäre, für ihn in seiner Not aber eventuell immer noch das kleinere Übel.

Nun sind Unternehmen nicht unbedingt Muster an Demokratie und Transparenz: Ich denke gerade an Sprüche wie "Winterkorn pflegte Führerkult wie in Nordkorea", gefunden in der "Zippert zappt"-Satire vom 30.10.2015 (Die Welt). In einem solchen Umfeld braucht keine Entscheidung eine Begründung. Im persönlichen Leben ist das anders, zumal, wenn auch andere Menschen mit betroffen sind, was bei wichtigen Angelegenheiten die Regel ist. Mag sein, ich schildere gerade die Unternehmen zu grau und Familien zu rosa – gebe ich gern zu… – egal. Wichtig scheint mir, dass jede bedeutende Entscheidung eine Begründung fordert, egal ob hier oder dort.

Allein der Vorsatz, Entscheidungen, beispielsweise in Erziehungsfragen, begründbar zu halten, was nicht bedeutet, sie einem Mehrheitsvotum o.ä. anheimzustellen oder an Einstimmigkeit zu binden (manchmal freilich ist Konsens der beste Weg, auch wenn er anfangs mühsam ist) – zurück zum Satzanfang: Allein dieser Vorsatz kann dazu beitragen, besser zu entscheiden. Und sei es nur darum, weil er dazu zwingt, den anderen vorher zuzuhören, um ihre Voten oder Gedanken später in der Begründung der eigenen Entscheidung zu berücksichtigen. Und vielleicht führt das Zuhören sogar zu einer besseren Entscheidung? – könnte ja sein, immerhin….

Einmal entschieden, und dann?

Ich sagte eingangs, dass die Art, mit Entscheidungen umzugehen, tief im inneren der Persönlichkeit wurzelt. Falls das bisher nicht ausreichend transparent wurde, dann sicherlich jetzt. Es geht um die Frage, wie jemand später mit der einmal getroffenen Entscheidung umgeht. Es gibt im Spektrum der Verhaltensweisen eine, die sicher nicht glücklich macht, weder den Entscheider noch die weiteren Betroffenen: Unter allen Umständen an jeder einmal getroffenen Entscheidung festzuhalten – an jeder. Und nicht weniger unglücklich macht das andere Extrem. Wer jederzeit bereit ist, jede zuvor getroffene Entscheidung beim ersten Anzeichen eines Hindernisses prompt zur Disposition zu stellen oder abzuändern, obwohl die Sache zuvor reiflich überlegt war, wird damit ebenfalls nicht glücklich werden.

Wo also ist der optimale Punkt? Kann man ihn denn allgemein festlegen? Man kann es nicht. Mut, Kraft, Leidensfähigkeit, Selbstvertrauen, speziell auch das mehr oder weniger große Vertrauen in die Qualität der eigenen Entscheidungsfähigkeit gehören dazu, und dazu je nachdem weitere Ingredienzen.

Ich treffe eine Entscheidung

Fahren wir nochmals im ICE. Diesmal sitzt unser Passagier von München bis kurz vor Hannover im Abteil mit einer Frau und deren kleiner Tochter. Zwei Stunden lang hört er ihr zu, wie sie die Tochter tröstet. Irgendwie muss gerade die Beziehung zerbrochen sein, nun sind sie auf dem Weg nach Bremen, zur Oma. Hinter dem Trost hört und sieht er die verzweifelte Ratlosigkeit. Er spricht sie an, sie reden. Schnell wird die Unterhaltung persönlich, Zuneigung entsteht, der berühmte "erste Blick" scheint zu wirken. Die Frau weiß, dass sie umsteigen muss, und schiebt es hinaus bis zur letzten Möglichkeit, Hannover. Dann verlässt sie das Abteil – "Alles Gute und viel Glück für Sie", sagt er. Der Zug hält, die beiden sind fort. Im letzten Moment packt der Mann seine zwei Taschen, rennt den Gang entlang und steigt aus. Die beiden sind schon außer Sicht, eingestiegen in den anderen Zugteil. Er wird sie finden. Sein Bewerbungsgespräch in Hamburg spielt plötzlich keine Rolle mehr.

Das war keine Entscheidung zwischen Alternativen. Es war ein Entschluss. Die Entscheidung, etwas zu tun, das überhaupt nicht zur Entscheidung stand. Von hier aus öffnet sich ein ganzer Kosmos: Ich verweigere einen Befehl, weil ich erkenne, dass ich so nicht weitermachen darf. Ich rette ein Kind vor dem Ertrinken, obwohl dreißig Umstehende es auch hätten tun können. Der Zufall stellt mich vor eine Situation, und ich entscheide mich, sie anzunehmen.

Das Glück liegt im Konjunktiv Plusquamperfekt?

Tut es natürlich nicht, im Gegenteil. Der Konjunktiv Plusquamperfekt, das ist der "Hätte"-Modus. Ach, hätte ich damals doch …

Dieser "Hätte"-Modus ist unsinnig, weil unfair. Was soll ich mit meiner damaligen Entscheidung auf der Basis des heutigen Wissens rechten? Soll ich mir vorwerfen, dass ich die 6 Richtigen, die am Montag in jeder Zeitung stehen, nicht einfach am Freitag auf dem Tippschein angekreuzt habe? – so in etwa ist das.

Dieser "Hätte"-Modus ist zweitens unsinnig, weil er nur unglücklich macht. Selbst wenn meine damalige Entscheidung strohdumm war, kann ich doch nur nach vorne lernen. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr richten. Und alle Zeit und seelische Energie, die ich verbrauche, um im "Hätte" zu leben, fehlen mir in der Gegenwart. So programmiere ich gleich den nächsten Bockmist. Will ich das?

Hätte ich doch nicht jenen blöden, dysfunktionalen, langsamen und viel zu kleinen Laptop gekauft! Nein, "hätte" ist nicht mein Ding. Ich habe die Erfahrung gemacht, habe verstanden, was ich falsch gemacht habe – das war nicht schwer –, und es danach besser gemacht. Gerade jetzt, wo ich auf dem neuen Teil arbeite, fällt es mir ein, und ich bin mit mir zufrieden.

 

Von Dr. Christian Thieme

 

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Thiemes Zettel vom 29.08.2021

Dr. Christian Thieme

Mit_Verantwortung

Vor etlichen Wochen jährte sich der Todestag einer britischen Soul- und Jazzkünstlerin, die vor zehn Jahren jung verstorben war. Die Floskel „viel zu jung“ will mir nicht über die Lippen: Erweckt denn ein solches Wort nicht unterschwellig den Eindruck, als ginge das Sterben irgendwann in Ordnung, wenn ein Mensch eventuell zwar noch jung ist, zu jung, aber eben nicht mehr viel zu jung? Wann „geht es denn in Ordnung“, wenn ein Mensch stirbt? Alter, Gesundheit, vielleicht die Lebensweise: Wir bewerten das Schicksal und vergeben Attribute wie tragisch, oder zu erwarten, oder auch gnädig. Wir sind wahlweise betroffen, wirklich betroffen oder betroffen in unserer Rolle, wir nehmen kurz Anteil, registrieren am Rande, gehen darüber hinweg und warten auf die Fußballübertragung, wir zählen Statistiken, wir ignorieren, wir blenden aus.

Jene jung verstorbene Künstlerin ist eine aus der Zahl derer, bei denen sich das Geflecht aus Erfolg, Euphorie, Leere, Sucht und Ausgebeutet-Sein nachträglich kaum entwirren lässt. Nachträglich. Vorher mag es vielleicht Anzeichen gegeben haben. Sicherlich hat es welche gegeben. Es ist sicher, dass es welche gegeben hat. Die hätten sich besser um sie kümmern müssen! – wer ist das aber, jene die. Kann mir doch egal sein, wer die sind, das sollen sie unter sich ausmachen? Ist das so?

Who killed Davey Moore

In den Sinn kommt mir die Ballade vom Boxer Davey Moore, der im Ring verstirbt, sozusagen totgeschlagen. Bob Dylan, der geniale Liedermacher, mittlerweile von Stockholm auch als Literat geadelt, schrieb sie, und Pete Seeger hat sie groß gemacht. Der Boxer liegt tot im Ring, und Dylan lässt sie alle aufmarschieren, wie sie reihum die Verantwortung weg von sich und irgendwo anders hinschieben: Der Schiedsrichter verweist aufs gierige Publikum, das aber geltend macht, dass boxen eine normale Angelegenheit sei und die Zuschauer keine Schuld treffe. Und der Manager glaubte, dass sein „Schützling“ gesund sei – er hätte doch nur was sagen müssen… Dazu die qualmende Zigarre als Symbol seiner Interessenlage. Auch den Kunden im Wettbüro trifft keine Verantwortung, natürlich nicht! Oder hat er ihn denn erschlagen? – Eine derartige Sünde: Niemals! Und der Reporter, der mit seiner Schreibmaschine die Medien füttert (wir befinden uns in den 1960-ern!), natürlich auch er nicht. Und sein Gegner im Ring? – er hat schließlich nur seinen Job gemacht. Soll er sich dafür Vorwürfe gefallen lassen?

Der Text handelt vom Boxen, aber nicht nur. Im weiteren Sinn geht es um den komplexen Zusammenhang von Ursache, Verantwortung und Schuld. Die „Institution Publikum“ ist ursächlich für den Tod. Denn ohne zahlendes Publikum gäbe es keinen Profisport. Ist nun aber das Publikum an diesem speziellen Tag mehr ursächlich als das Publikum gestern, wo alles gutgegangen war? Und wie steht es mit den einzelnen Personen? Was ist mit dem Herrn mit der blauen Baseballkappe dort drüben links in der dritten Reihe neben dem Ausgang? Er hatte vielleicht gerade noch das letzte Ticket ergattert, während der Teenager nach ihm in der Schlange leer ausging. Besteht zwischen beiden ein Unterschied? Hängt die Mitverantwortung vom Zufall ab?

Das Publikum als Ursache. Aber schon die Unterscheidung von Ursache und Verantwortung wirft Fragen auf. Das Wort Ursache habe ich für die Struktur benutzt, für die Institution des zahlenden Publikums schlechthin, dessen Macht und Einfluss seit damals weiter gewachsen sind. Sobald ich die Übertragung einschalte, gehöre ich anonym dazu. Konkrete Verantwortung kommt erst später ins Spiel, wenn Individuen individuelle Entscheidungen treffen. Um den Übergang zur Schuld dingfest zu machen, wären danach noch weitere, ausführliche  Überlegungen erforderlich, auf die es mir jetzt nicht ankommen soll, ebenso wenig wie auf eine wirkliche Differenzierung zwischen Ursache und Verantwortung. Mein Fokus ist ein anderer: Es kommt mir einzig auf das breite Spektrum unterschiedlicher Situationen an, in denen ich mir ein mehr oder weniger hohes Maß an Mit_Verantwortung zurechnen lassen muss.

 

Mit-Verantwortung oder Schuld bist Du

Verantwortung und Verantwortungslosigkeit

Sich zurechnen lassen: Das Problem sind in der Tat nicht allein die Situationen oder Strukturen, in denen ich „freiwillig“ Verantwortung übernehme. Ich entscheide mich für Elternschaft und weiß von diesem Moment an, dass ich ab jetzt für Jahre und Jahrzehnte in der Verantwortung stehen werde – oder sollte es wissen. Ich übernehme eine Leitungsfunktion in meiner Firma und weiß, dass ich ab jetzt in manchen kritischen Situationen die Letztverantwortung für das Wohl und Wehe meines Ladens und manchmal sogar auch der Menschen in ihm tragen werde. Die Verantwortung wird mich immer wieder auch in Situationen verfolgen, aus denen ich vielleicht viel lieber weglaufen würde, oder gar nie in sie hineingeraten, anstatt etwas tun oder entscheiden zu müssen: You can’t win, you can’t break even, you can’t leave the game: Weglaufen kann ich nicht, und ungeschoren davon komme ich auch nicht.Dass ich in diese Position kommen musste, mag die Folge früherer Entscheidungen sein – ich hätte z.B. eine bestimmte Position nicht anzunehmen brauchen –, kann aber auch „einfach so“ auf mich zugekommen sein, ohne dass mich das Schicksal auch nur eine Sekunde lang um mein Einverständnis gebeten hätte.

Nebenbei bemerkt ist die Sache mit der Verantwortung derer ganz oben bei weitem nicht so einfach, wie sie aussieht. Ich denke an die merkwürdige Gesetzlichkeit, dass sich gerade die brisanten Vorgänge –je brisanter, desto lieber! – weit entfernt vom eigentlich Verantwortlichen entwickeln, weit unten in der Hierarchie, angeblich. Genau gesagt jeweils gerade so weit unten, dass das strahlende Weiß der nichtwissenden Unschuld an der Spitze politisch und/oder juristisch nicht gefährdet wird. Große Konzerne und honorige Ministerien als Sumpfblüten der organisierten Verantwortungslosigkeit ? – keine schöne Vorstellung ist das.

Das ist Politik, die uns nicht zwingend interessieren muss. Die Sache mit der übernommenen Verantwortung ist aber auch aus einem viel wichtigeren, sehr realen Grund komplex, und der betrifft viele von uns immer wieder. Nehmen wir beispielhaft die Elternrolle. Als Elternteil eines Kleinkinds bin ich für „alles“ verantwortlich, was mit dem Kind geschieht. Allmählich jedoch wächst mein Kind in seine Eigenverantwortung hinein. Von Tag zu Tag spüre ich da zwar keine Veränderung. Wenn ich aber in größeren Intervallen denke, dann schon. Welche Verantwortung muss ich mir am sechsten, zehnten, zwanzigsten oder am vierzigsten Geburtstag des Kindes zuschreiben? Klar ist, dass mein eigener Anteil an der gemeinsamen Verantwortung immer kleiner wird. Aber wie schnell und wie klein genau? Wann verändert das Sichverantwortlich-Fühlen für das eigene Kind seinen Charakter? Wann schlägt meine Initiative von Hilfe um in Aufdringlichkeit, wenn ich sie nicht rechtzeitig eindämme? Und wann ducke ich mich andererseits unangemessen weg, aus purer Feigheit und mit dem Vorwand, ich wollte nicht aufdringlich sein? Eine Formel dafür gibt es nicht, nur den Dialog der Beteiligten und das eigene Gewissen.

Nach und nach dreht sich die Situation sogar komplett um! Eltern werden alt, und eines Tages stehen sie hilfsbedürftig vor ihren Kindern, die nun beginnen müssen, ihrerseits Verantwortung zu übernehmen, sagen wir: zurückzugeben. Ihr seid gute Eltern zu mir, äh, …. : So sprach mich mein hochbetagter Vater tatsächlich eines Tages an, ohne groß zu reflektieren. Natürlich konnte er Sekunden später darüber lachen, aber der spontane Impuls war doch bemerkenswert.

Undefinierte Verantwortung

Mit der Welt bin ich durch viele Fäden verbunden, durch mehr Fäden, als ich zählen kann. Viel zu viele, um jeden auch nur vage zu erkennen. Und mit jeder Bewegung in meinem Leben ziehe ich an etlichen davon und erzeuge Wirkungen, wenn auch manchmal mikroskopisch kleine. Zum Beispiel der „ökologische Fußabdruck“. Ich esse ein Schnitzel, oder eine Avocado, oder was auch immer, und schon haben ich… –  wie groß ist meine Verantwortung für den Regenwald? Die Frage ist nicht rhetorisch. Und kompliziert ist sie obendrein.

Cogito, ergo sum – ich denke, also bin ich. Müssen wir heute gelegentlich nicht ein Wörtchen anhängen und sagen: cogito, ergo sum tentus – ich denke, also bin ich verantwortlich? Für was aber bin ich verantwortlich, oder mitverantwortlich? Für das, was ich weiß, oder wissen müsste, oder was ich glaube zu wissen, oder was mir weisgemacht wird? Und auch für das, was mit vorenthalten wird? Ich könnte es ja in Erfahrung bringen! Was genau muss ich etwa über die Batterie in meinem e-Auto wissen? Die Ökobilanz? Die sozialen Kosten? Die Rohstoffbilanz? Endet meine Verantwortung dort, wo ich einer demokratisch legitimierten Policy vertraue, oder muss ich weiterdenken und anders denken? Bis zum Befehlsnotstand müssen wir gar nicht gehen, die Wirklichkeit ist schon so desolat genug.

Verantwortung in diesem grüblerischen Sinn ist weder rechtlich noch politisch fassbar. Sie ist eine moralische Kategorie, an der ich mich ganz persönlich, wie jeder andere Mensch, täglich messen muss. Freilich eine seltsame Kategorie, wenn die Kriterien des Messens täglich wechseln, mit jeder neuen Analyse, jedem neuen Hintergrundbericht, und sich hin und wieder sogar ins Gegenteil verkehren? Moralische Kategorie: Damit schrammen wir so dicht an Kants kategorischem Imperativ (KI) vorbei, dass sich die Kollision kaum verhindern lässt. Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann. Neben dieser Fassung hat Kant für den KI weitere Formulierungen gefunden. Diese hier jedoch demonstriert das Problem am besten. Sie suggeriert nämlich, dass es für alle moralischen Fragen eine Norm geben müsse, die nicht von meiner subjektiven Wahrnehmung abhängt (die sich selbst … zum allgemeinen Gesetze machen kann), und dass ich diese obendrein erkennen kann. Sonst könnte ich ja nicht nach ihr handeln. Der Komplexität, in der ich als Weltbürger des Jahres 2021 entscheiden und handeln muss, wird dieser Ansatz nicht gerecht.

Als Argument, Kants KI komplett über Bord zu werfen, reicht diese Kritik wohl trotzdem nicht aus. Die Welt ist ja nicht in allen Belangen so komplex. Aber es zeigt sich, wie unendlich schwierig es geworden ist, um nicht zu sagen unmöglich, in einer immer komplexeren und damit für mich als einzelnem immer undurchschaubareren Welt so etwas wie einen moralischen Goldstandard zu verfolgen. Ich möchte sogar so weit gehen, dass ich sage: Hüten wir uns vor denen, die meinen, ihn zu besitzen, die sich im esoterischen Nebel einer allumfassenden Achtsamkeit verloren haben, und die dort von hoch oben und frei von Anfechtungen ihr moralisch gutes Leben führen und auf alle anderen Daseinsformen von oben herunter tadelnd oder mitleidsvoll herunterschauen.

Der Grat ist so schmal. Niemand möge diese kleine Polemik missverstehen als den Zynismus von einem, der sich um nichts kümmert, weil es doch sowieso für alles ein Gegenargument gibt, der mit seinem Rennwagen durch die Wälder brettert und der …. (usw.). Und auch nicht als leichten Spott über all jene, die sich tagtäglich ihre Gedanken darüber machen, was sie vielleicht ab heute besser machen können – ich selbst gehöre doch auch zu ihnen. Jedenfalls möchte ich mich gern so sehen. Das Gift steckt allein im Hochmut, im Wissen um die eigene Unfehlbarkeit, in der Intoleranz, die anderen nicht andere Gedanken zubilligt, sondern unterstellt, sie hätten gar keine.

Mit_Verantwortung, konkret

So aussichtslos es wäre, allein durch heroische taten die Welt retten zu wollen, so verführerisch ist der Gedanke dennoch. Ich muss eben mal noch die Welt retten ist ein aktueller Songtext, der dieser Tage gelegentlich über den Sender geht. Resignation, Ironie oder versteckte Sehnsucht? – schwer zu beurteilen. Bemerkenswert finde ich daran, dass das Thema Welt retten mittlerweile zwanglos Eingang in den Alltagsdiskurs gefunden hat. Das war nach meiner Wahrnehmung vor 20 Jahren noch anders.

Eben sprach ich über die Arroganz des Weltretters, die übrigens doch wiederum viel älter ist als 20 Jahre. Schon aus den 1980-er Jahren erinnere ich mich an die Aufkleber „Freiwillig 80, dem Wald zuliebe“, prangend an einem Fahrzeug mit einem derart hohen Verbrauch, wie wir ihn für uns nicht hätten tolerieren wollen. Genau da ist bei mir vielleicht erstmals die Vorstellung entstanden, dass gutes Wollen und Überheblichkeit durchaus Hand in Hand gehen können. „Welt“ war damals übrigens noch keineswegs das Thema, es ging zuerst und lange allein um „Wald“, unseren Wald.

Jung zu sein, bedeutet, die großen Lösungen zu suchen. Gottlob gibt es genügend Junge, denn wir brauchen die großen Lösungen. Und daneben brauchen wir, wie in allen Jahren und Jahrhunderten vor uns, weiterhin den Blick für das Kleine, für das, was uns vor die Haustür gelegt ist. Wenn ich etwas Derartiges erklären will, gehe ich gern in der Welt der guten Songtexte spazieren. Und finde diesmal die anrührenden Geschichten aus den Streets of London, kleine Vignetten, in denen Ralph McTell die triste Rückseite des hellen Lebens im Wohlstand ausleuchtet. Wer ab und zu Radio hört, hat den Song unweigerlich schon gehört.

Have you seen the old gal who walks the streets of London, dirt in her hair and her clothes in rags, she's no time for talkin, she just keeps right on walkin, carryin her home in two big shopping bags …..

Die obdachlose Frau in Lumpen, deren Habseligkeiten in zwei Plastikbeuteln Platz haben, die unter die Räder Gekommenen, die vergessenen Helden einer Welt, die an keinem Schicksal anteilnimmt. Gewöhnliches Alltagselend ist das, in schlichten Pinselstrichen unpathetisch dargeboten. Und zwischen den Szenen der wiederkehrende Appell

How can you tell me you're lonely, and say, for you, that the sun don't shine! Let me take you by the hand and lead you through the streets of London! I'll show you something to make you change your mind.

Wie kannst du jammern, sagt der Refrain, über dein eigenes Schicksal, dein Unglück, deine Einsamkeit. Schau dich doch um in den Straßen von London und sieh all jene, denen es viel schlimmer ergeht…

Das aber ist nur die eine Seite der Medaille. Natürlich ist es sinnvoll und kann auch trösten, dorthin zu sehen, wo es Menschen schlechter geht als mir, statt weiter zu jammern. Aber ist es nur das? Der Blick in Londons Straßen zeigt mir die Welt, die an keinem Schicksal anteilnimmt. Und warum nicht? Sie nimmt nicht Anteil, weil ICH nicht anteilnehme. Mitverantwortung hat viele Ebenen, und die Straßen von London sind überall.

Post Scriptum:

Als das Drama um Afghanistan Mitte des Monats in sein finales Stadium trat, stand dieser Text schon in der Warteschlange zur Veröffentlichung. Wahrscheinlich war es insgesamt keine gute Idee, gerade in dieser politisch brisanten Zeit etwas über Verantwortung schreiben zu wollen, auch wenn ich die Verantwortung der Politik nicht in den Mittelpunkt stehen wollte. Mit dem furchtbaren Drama in Kabul wurde nun allerdings ein bekanntes Phänomen besonders schmerzlich sichtbar: Die abstrakte und unverbindliche "politische Verantwortung" hat nichts mit einer konkreten Verantwortung im ethisch-intuitiven Sinn zu tun. Es ist, als bestünde zwischen ersterer und dem handelnden Individuum eine undurchlässige Membran, und teilweise ist das sogar zu begründen (vgl. den Zettel über Machiavelli und Erasmus vom 3.3.2021). Die Frage, ab welchem Maß von Verstrickung diese Membran durchlässig werden muss, so dass politische in persönliche Verantwortung übergeht, lässt sich nicht allgemein beantworten. In dieser Woche jedoch, so denke ich, hätten etliche Spitzenpolitiker dies schmerzhafte Frage an sich herankommen lassen müssen, schonungslos und parteiübergreifend, statt die jeweilige persönliche Verantwortung floskelhaftroutiniert mit kollektiven Bekenntnissen zu vernebeln und im selben Atemzug durch Zuweisungen an andere endgültig zu versenken. Wobei die parlamentarische Erfahrung, dass Opposition noch niemals einen jener Fehler begangen hätte, die sie der Regierung hinterher ankreidet, nicht immer ausreicht, um die Regierung zu entlasten. Auf Deutsch: Manchmal sollte sich die Regierung schämen, obwohl die Opposition sie auffordert, sich zu schämen.

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat die persönliche Betroffenheit am 17.8. vorbehaltlos auf den Punkt gebracht, nach meiner Wahrnehmung bis dato als einziger: "Die Bilder der Verzweiflung am Flughafen Kabul sind beschämend für den politischen Westen" und "Wir erleben in diesen Tagen eine menschliche Tragödie, für die wir Mitverantwortung tragen". Nicht die bloße Wortwahl beeindruckt mich, sondern das Fehlen von relativierenden Nebensätzen.

Das waren meine Eindrücke der ersten Tage. Inzwischen verändert sich das Bild: Diejenigen, deren Versäumnisse die beschämende Lage mit herbeigeführt haben, verwenden sich jetzt und bis auf weiteres, statt über Konsequenzen für die eigene Person nachzudenken, nach Kräften dafür, die Folgen zu lindern. Pragmatisch wird das sinnvoll sein. Doch weder ihr verspätetes Bemühen noch die Kurzatmigkeit des politischen Erinnerns wird sie von der Frage der Moral entlasten.

 

Von Dr. Christian Thieme

 

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Thiemes Zettel vom 05.08.2021

Dr. Christian Thieme

Bleiben Sie utopisch!

In seinen Kindergeschichten erzählt Peter Bichsel von dem Mann, der nicht so einfach alles glauben wollte, was man ihm erzählt. Zum Beispiel, dass die Erde rund sei. Es wirklich zu bezweifeln, lag gar nicht in seiner Absicht, aber gerade deswegen wollte er Gewissheit. Wenn ich, so sagte er sich, hier von meinem Haus aus immer nach Osten gehe, und wenn die Erde tatsächlich rund ist, so müsste ich am Ende der Wanderung dort drüben von Westen her genau wieder an meinem Haus ankommen! Ganz einfach! Und das, so nahm er sich vor, wollte er probieren. Nun musste er aber, als er sich anschickte, seine Erdumwanderung zu planen, schnell erkennen, dass die einfachsten Dinge anscheinend nur so lange einfach sind, wie man sie in Ruhe lässt und sich nicht zu sehr mit ihnen beschäftigt: Denn dort drüben stand ja gleich schon das Nachbarhaus im Weg, da musste er drüber, sonst blieb er ja nicht geradlinig, und dazu brauchte er eine Leiter. Wir können seinen Gedankengang abkürzen: Ein Schiff, einen Kran (dafür keine Leiter mehr), einen zweiten Kran für den ersten, jede Menge Leute und Ausrüstung, weitere Schiffe,… – am Ende entstehen Wort- und Gedankenmonster wie der Kranschiffwagenzieherkleiderwagenzieher und weitere in dieser Art. Nach all dem nahm der Mann seine Leiter und lief einfach los.

Bleiben Sie utopisch!

Uns abgeklärten Lesern ist natürlich sofort klar, dass die Mission scheitern müsse. Wir finden den Mann, der das trotz all seiner Planungen nicht einsehen will, halsstarrig. Das ist kein gutes Wort, dieses halsstarrig. Wer so genannt wird, macht anscheinend ziemlich viel falsch im Leben. Macht er? Oder haben wir in all unserer erwachsenen, desillusionierten Abgeklärtheit vielleicht eine wichtige Kleinigkeit übersehen, und unser Mann ist vielleicht gar nicht halsstarrig, sondern hartnäckig? Damit mutierte er vom halsstarrigen Verlierer schlagartig zu einem Siegertypen, der im Leben ziemlich viel richtig macht?

Zweimal liefert der Hals bzw. Nacken das Motiv für die Bildersprache, die Bilder ganz eng beieinander, und doch Welten zwischen den Bedeutungen. Die Sprache verlangt uns die Entscheidung ab: Held oder Idiot! Dazwischen will sie keine Unschärfe. Und das Leben? Ist das Leben auch so? – natürlich nicht! Das Leben hält genau in der Mitte von beiden etwas Wundervolles für uns bereit: die Utopie.

Thomas Morus und sein Utopia

Utopien gibt es wahrscheinlich so lange, wie Menschen denken. Zu schön ist es doch, neben die täglich erlebte, harte, unwirtliche, langweilige, ungerechte, gefährliche, brutale, hässliche Welt etwas zu stellen, das weniger langweilig, das schöner, friedvoller, gerechter oder wie auch immer aufregender und anders ist. Utopien sind keine Mythen. Die merkwürdigen Wesen, mit denen es Odysseus auf seiner Irrfahrt zu tun hatte, sind keine Utopien, denn sie wurden ja "geglaubt", wenn auch vielleicht mit einem Augenzwinkern. Somit gehörten sie zur Wirklichkeit. Utopie dagegen erhebt definitiv nicht den Anspruch, Wirklichkeit zu sein. Aber auch nicht den Anspruch, Wirklichkeit werden zu können? Das genau ist der springende Punkt. Nehmen wir den ewigen Traum vom Fliegen: vom antiken Mythos und Märchen über den utopischen Reisebericht von Lukian im zweiten Jahrhundert, hin zu den "konkreten Utopien" der frühen Pioniere, die dafür Kopf und Kragen riskierten, und von dort weiter bis zum Kurzstreckenflug heute – mit dem utopischen (?) Traum, den Himmel wieder etwas leerer statt immer noch voller zu bekommen.

Thomas Morus, geb. 1478, ein Zeitgenosse und Freund von Erasmus, hat viel nachgedacht über die Unordnung und Ungerechtigkeit in der Welt und darüber, wie man eine bessere Welt denken könnte, eine utopische, eine mit rationaler Gesetzgebung, Abschaffung von Privateigentum und einer an der Friedenssicherung orientierten Außenpolitik. Die hat er dann aufgeschrieben, als Utopie, und sie in manchen Punkten so verfremdet, dass sie als Roman durchgehen konnte und nicht zwingend als politisches Manifest gelesen werden musste. Und ganz nebenbei hat er zum Text gleich noch den Begriff geliefert, der den Text längst überlebt hat: UTOPIA. Sein damaliges Utopia war freilich etwas anderes als das, was wir daraus abgeleitet haben und seither benutzen. Es war die kürzest mögliche Form einer contradictio in adiecto, also einer Vorstellung, die sich selber vom Tisch nimmt, sobald sie dort hingelegt wird, wie schwarzer Schimmel. Bei Utopia nämlich passiert dieser Selbstwiderspruch in einem einzigen Wort. In ihm stecken zunächst die griechische Verneinung "U" und der Ort ("Topos"), zusammen also der Nicht-Ort. Dazu aber, und das ist der Clou daran, mit der Endung -ia der Hinweis, dass es sich um eine konkrete Örtlichkeit oder Region handle, so wie bei z.B. Gallia oder Germania: Utopia ist der real existierende Ort, der keinen Ort besitzt. Und so kommt auch die Handlung der Geschichte daher: Einerseits real, ohne jedoch örtlich identifizierbar zu sein. Und ganz nebenbei ergab sich für anglophone Ohren noch der Gleichklang von U- als Verneinung und Eu- mit der Bedeutung gut, so dass aus dem Nicht-Ort akustisch ein glücklicher Ort werden konnte. Ganz schön raffiniert gemacht von diesem Thomas Morus! Zumindest für den Moment hatte er sich dadurch auch größeren Ärger erspart. Doch feige war er trotzdem nicht: Als es später politisch eng wurde, blieb er standhaft und nahm für seine Unbeugsamkeit auch die Hinrichtung in Kauf (1535 durch Heinrich VIII). Wobei übrigens der Weg von Thomas Morus zurück zu Lukian, dem originellen Satiriker und Fabulierer der Spätantike, nicht lang ist. Thomas Morus und Erasmus von Rotterdam und waren gemeinsam große Freunde jenes hintergründigen und hinterlistigen Spaßvogels. Wie Thomas Morus, der selber Texte von Lukian übersetzt hat, war nämlich auch sein Freund Erasmus der Satire nicht abgeneigt. Mit seinem gegen alle Institutionen Stände völlig respektlosen Lob der Narrheit hat er es höchst vergnüglich unter Beweis gestellt. Zugleich war er dem Pazifismus "utopisch" verpflichtet. Seine wichtigste pazifistische Schrift ist die Klage des Friedens, und auch in seinem Fürstenspiegel (vgl. Zettel Nr. 8) ließ er an seiner pazifistischen Haltung keinen Zweifel.

Walden und die Folgen

Henry David Thoreau (1817 bis 1862) war wirkmächtiger, als der eher geringe Bekanntheitsgrad seines Namens vermuten lässt. Immerhin findet sein Hauptwerk Walden, in welchem er sein zwei Jahre dauerndes, spartanisches Leben am Walden-Teich essayistisch aufbereitet hat, bis heute begeisterte Leser. Manche gehen so weit, in Thoreau neben Karl Marx den zweiten Urheber einer weltweiten Sozialutopie zu sehen, der man freilich, um den Anspruch zu begründen, von der Flower Power Bewegung bis zu Mahatma Gandhi ein buntes Spektrum von Inkarnationen zuordnen müsste. Trotzdem, etwas Verbindendes ist da: Die konkrete Utopie. Thoreau ging ihr nach, vor allem in seinen Schriften, während seine Handlungen eher symbolisch blieben – eine Nacht im Gefängnis, die ihm viel Resonanz bescherte. Könnte es nicht eine Regierung geben, schrieb er um 1848, in der nicht die Mehrheit über falsch und richtig befindet, sondern das Gewissen? – in der die Mehrheit nur solche Fragen entscheidet, für die das Gebot der Nützlichkeit gilt? Muss der Bürger auch nur einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn dann jeder Mensch ein Gewissen? Triebfeder für ihn war vor allem die legale Sklavenhaltung, durch die er den Staat moralisch diskreditiert sah. Utopie? Damals ja, aber die Zeiten wandeln sich – zum Glück! Gandhi, inspiriert von Thoreau, verfolgte seine Utopie "fundamentaler", mit einem unmittelbareren Anspruch und mit mehr unmittelbarer Wirksamkeit. Wenn irgendein Irdischer je der Utopie, dass Frieden möglich wäre, ein Gesicht gegeben hat, dann war es der kleine Mann, der sich halb nackt den englischen Besatzern entgegenstellte und der noch im hohen Alter die allmählich in gegenseitige Feindschaft versinkenden Inder und Pakistanis durch sein bloßes Fasten zum Frieden "zwang", eine Zeitlang wenigstens – Utopie eben.

Utopie, der Pfahl im Fleisch der "Realität"

Fliegen können, weltweit friedlich zusammenleben, den Rhythmus der Natur wieder fühlen, ein Perpetuum Mobile bauen, Gold aus der Retorte – einige der großen Menschheits-Utopien, so unterschiedlich wie das Leben und die Geschichte. Utopie, wenn sie wirklich eine ist, ist ergebnisoffen und sehr geduldig. Beim Flugzeugbau und in der Frage des Perpetuum Mobile sind die Dinge entschieden. Wer hier noch von Utopie spräche, müsste ein paar Jahrhunderte Wissenschaftsgeschichte verschlafen haben. Und beim Frieden? Es wird sehr schwer werden, und die Chancen gehen gegen null. Aber: Wo stünde die Welt, wenn es nicht immer Menschen gäbe, die von der Utopie Frieden beseelt zumindest kleine Inseln schaffen, auf Zeit, wie alles Irdische auf Zeit angelegt ist?!

Sowohl im Politischen als auch in den kleinen Dingen des Alltags verkommt Utopie manchmal zum Totschlagwort, zum Ideenvernichter, zum Mutnehmer. Die offene Frage ist jeweils nur: Wann trifft diese Kritik zu, und wann nicht? Das führt zurück zu den anfänglichen Überlegungen. Ist Peter Bichsels Mann, der es genau wissen wollte, wie sich das mit der Erde nun verhält, ob sie wirklich rund ist, oder vielleicht doch nicht rund – ist dieser Mann halsstarrig oder hartnäckig, dumm oder heldenhaft? Eine wirkliche Utopie zu verfolgen bedeutet, ein Dasein in der undefinierten Mitte zwischen den beiden Attributen zu ertragen, sich intellektuell und vor allem auch sozial in der Grauzone aufzuhalten, an jenem zwielichtigen Ort, für den wir kaum eine adäquate Bezeichnung finden. Aber hie und da gehe ich vor das Haus und schaue nach Westen, sagt Peter Bichsel, und ich würde mich doch freuen, wenn er eines Tages aus dem Wald träte, müde und langsam, aber lächelnd, wenn er auf mich zukäme und sagte: "Jetzt glaube ich es, die Erde ist rund".

Wie stünden wir Menschen da ohne die großen Geister vieler Jahrhunderte, die sich nicht scheuten, ihr gesamtes Dasein in dieser Grauzone zu fristen, aus der sie vielleicht erst lange postum, vielleicht erst nach Jahrhunderten, befreit wurden? Für sie alle war die Utopie eine Freundin der Sehnsucht. Ohne die ganz große Inspiration, ohne Sehnsucht und Selbstvertrauen ist in der Sahelzone des Denkens kein Leben möglich. Und immer schwingt die ewig gleiche Frage mit: Wo hört das Genie auf, wo beginnt der Sonderling und Spinner? Wir können uns vorstellen, dass ein gewisser Anteil unter allen heutigen "Spinnern", sagen wir ein, zwei oder fünf Prozent, wie in allen Zeiten davor einer genialen Idee folgen, die nur (noch) niemand verstehen kann oder will. In Antoine de Saint-Exupérys Geschichte vom kleinen Prinzen tritt der orientalische Wissenschaftler auf, der allein aufgrund der Kleidung zum Spinner erklärt wird und ein Jahr später mit einem anderen, "passenden", westlichen Outfit den schon vorher verdienten Beifall erntet. Was auch immer die jeweiligen Mechanismen sind: Die entscheidende Frage ist doch: Wie finden wir jene ein, zwei oder fünf Prozent? Wie können wir es erreichen, dass wir kurz innehalten, bevor wir einen Gedanken mit einem wegwerfenden Utopie!!! zertreten? – Augenblicke, in denen wir uns fragen, ob jene Idee nicht doch ein wenig Offenheit verdiente? Zwar vielleicht nur kurz, denn 95 Prozent verdienen es ja am Ende doch nicht, ernstgenommen zu werden, aber trotzdem offenen und ehrlichen Herzens. Und könnten wir dann nicht auch mit unseren eigenen Träumen, Sehnsüchten und Utopien etwas milder umgehen, uns selbst offener begegnen und nicht gleich ärgerlich abwinken, wenn uns ein Gedanke schräg von der Seite anspringt oder uns gar frontal ins Visier nimmt, völlig unbeeindruckt von der bisher so unumstößlich scheinenden Lebensplanung?

Alles nur ein Traum, eine Utopie? Meta-Utopie möchte ich dazu sagen, weil es eine Utopie ist, die ihrerseits Träume und Utopien zum Gegenstand hat.

Von Dr. Christian Thieme

 

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Thiemes Zettel vom 15.07.2021

Dr. Christian Thieme

Was soll eigentlich mal aus dir werden?

Was soll eigentlich mal aus dir werden? Erste Vorbemerkung: Wäre dies ein Buch, so würde sein erster Satz lauten: Dieses Buch ist kein Kochbuch. Und nun ist es aber gar kein Buch geworden, sondern nur eine Kolumne. Die könnte ja aber immerhin ein oder zwei Rezepte enthalten, wie mit diesem Tag, an dem sich sogar der jeweils amtierende Kultusminister genötigt sieht, die jährlich gleichen Tipps aus der Schublade zu ziehen und über das Radio auszustreuen --- ja, was ich als Eltern an diesem Tag am besten tun oder lassen soll.

Mir geht es heute nicht um jenen Teil der Erziehung, der zum Zweck hat, in sein Kind was reinzutun, damit am Ende was rauskommt – dazu mögen die Pädagogen statt meiner ihre Tipps und Empfehlungen geben. Für mich ist das nur der eine Teil der Erziehung, der einfachere. Eben wie beim Kochbuch. Nicht jeder wird ein Meisterkoch, aber ein leidliches Essen zu zaubern kann jeder lernen. Rezept würde also bedeuten: ich verändere das Objekt, also das Kind. Mir hier geht es um das Subjekt, um mich selbst. Heraus kommt: Erziehung als eine Haltung zu mir, zum Leben und damit zu anderen Menschen.

Zweite Vorbemerkung: Der Zeugnistag ist eigentlich ein recht unsinniger Tag, um sich vertiefte Gedanken über schulische Leistungen und Nicht-Leistungen zu machen, wo doch gerade alles "gelaufen" ist. Aber wenn es denn alle an diesem Tag tun …

Es steckt ja auch eine herrliche Ambivalenz da drin. Herrlich ist sie, weil doch die Mehrzahl der Zeugnisse etwas zum Loben enthält, und die Kinder haben es auch wirklich verdient und erwarten es zu Recht, dass sie für die Arbeit eines ganzen Jahres Anerkennung und Lob erfahren.

Ambivalent ist die Ambivalenz, weil halt eben doch nicht alle Zeugnisse so sind, und weil sich manche Familien wirklich Sorgen machen, vielleicht an diesem Tag auch traurig sind, weil sie doch die günstigere Note erwartet hatten, oder wenigstens erhofft – und dann das.

Das Wichtigste, was Eltern an diesem Tag tun können, ist es, da zu sein, präsent zu sein. Für die glücklichen oder zufriedenen Kinder als Spiegel, aus dem nämlich deren eigene Freude auf sie zurückstrahlt. SIE, die Kinder, haben es geschafft, sagt der Spiegel, für SICH SELBST, und DARÜBER freuen sich die Eltern. Der Satz ist so simpel, und hat doch eine so gewaltige Auswirkung! Er nimmt den Stolz, die Erwartungen und die Pläne der Eltern ein Stück weit aus dem Zentrum und schafft dadurch Raum für die Phantasien, Visionen und später Pläne der Kinder!

Und wenn es wirklich schlecht oder unglücklich gelaufen ist, sind die Eltern gerade kein Spiegel, aus dem die Traurigkeit und Verzweiflung der Kinder gnadenlos auf sie zurückfällt, sondern ein Baum, an dem sie sich festhalten können, der nicht umfällt, der niemals umfällt. Oder ein Regenschirm. Oder … Es gibt viele Bilder dafür, wie Familien damit umgehen können. Eltern haben an diesem Tag aus Kindersicht alles, was den Kindern selbst noch fehlt: Sie haben Erfahrung, sind stark im Leben, strahlen Vertrauen aus, Geborgenheit. Auch dann, wenn es ihnen selbst gar nicht so zumute ist.

Dritte Vorbemerkung: Jetzt wird es eng und heiß. Stimmt das denn, was ich gerade geschrieben habe? Sind Eltern so? KÖNNEN sie so sein? – Viele sind so und können so sein, vom Schicksal begünstigt und sorgsam im Umgang mit sich und ihren Angehörigen. Andere können es eigentlich nicht, und tun bzw. sind es doch. Sind sie die wahren Helden? Die Erinnerung an die Kinderbücher Erich Kästners steigt auf. In unserer Familie stehen sie noch im Schrank und ja, ich bekenne mich dazu: Auf mich hatten und haben sie eine Wirkung.

Geschichten, deren Handlung in der Vergangenheit spielt, von der Steinzeit bis zum Mittelalter, sind für Kinder gut zu lesen. Spielen sie aber in einer scheinbaren Gegenwart, die heute eine fremde Vergangenheit ist, wird es schwierig. Entweder fallen solche Bücher dem Vergessen anheim, oder sie überleben dank eines mehr oder weniger ausgeprägten Kult-Status‘ in den Herzen und Regalen der Erwachsenen. Emil und die Detektive und die anderen Kinderromane Erich Kästners sind so. Der Stoff, aus dem sie gewebt wurden, ist der des Anstands in einer zunehmend dreckigen Zeit – geschrieben von einem, wie ich überzeugt bin, guten Menschen, der freilich die Welt der Kinder und die Möglichkeiten ihrer Helden-Eltern in seinen Geschichten arg idealisiert gesehen hat.

Weil dies so ist, nehmen diese Gedanken den Wohlhabenden, den in rundum gesicherten Verhältnissen Lebenden kein Gramm ihrer Verantwortung für die anderen ab, weder politisch noch individuell. Es ist einfach eine Tatsache, dass nicht alle Eltern, die gute Eltern sein möchten, den Mut und die Kraft aufbringen (können!), es auch wirklich zu sein. Sie alle sind auf Hilfe angewiesen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Lernerfolg von Kindern aus schwierigen Verhältnissen nur ganz partiell vom Unterrichtsangebot bestimmt wird – gut, das mag vielleicht überzeichnet sein, dann nehme ich es als "Gegengewicht" zu manchen gegenläufigen Überzeichnungen. Natürlich, wenn das Unterrichtsangebot schlecht ist, wird der Erfolg entsprechend sein. Aber, und darauf kommt es mir an: Das reicht nicht. Der statistisch überdurchschnittliche Erfolg vieler Kinder aus begünstigten Verhältnissen scheint mir maßgeblich auf dem Gefühl zu fußen, auf der unerschütterlichen Gewissheit, dass ein breiter Rücken sie schützt und dass sie beim Start in ihr junges Leben keine Ängste zu haben brauchen, und genau das kann, wenn es von zu Hause fehlt, staatliche Bildungspolitik nicht voll kompensieren, egal, wie sie aussieht. Benötigt werden Menschen. Personen, die sich verantwortlich fühlen. Und ja, die Welt im Kleinen besser zu machen, ist weniger attraktiv als der politisch große Wurf. Scheinbar.

Eltern, die selber Ängste haben (müssen), geben Ängste weiter. Sie alle stark zu machen oder ihnen als Starker zur Seite zu treten, ist das Gebot des Zeugnistages. Nicht jeder kann helfen. Aber jeder sollte sich verpflichtet fühlen, seine Möglichkeiten immer wieder konkret zu prüfen und dann nicht nur bei Wahlen ein vermeintlich passendes Kreuz zu machen, sondern, wenn möglich, als Person zu handeln. Eine Freundin unserer Familie hat das noch mit über 90 unverdrossen weiter getan, und an sie denke ich, während ich dies schreibe.

Der Zeugnistag geht uns alle an!

Vierte Vorbemerkung: Wünsche sind erlaubt, und wer würde sich nicht wünschen, dass das eigene Kind auf dem Höhepunkt der Krise auf die verzweifelte Frage "was bildest du dir eigentlich ein! Was soll denn aus dir mal werden!" in wohlgesetzten Worten anhebt zu sprechen: Liebe Eltern, ich möchte vorausschicken, dass ich eure Sorge sehr gut nachvollziehen kann. Sie ist aber unnötig, denn ich habe einen klaren Plan. Ich werde das kommende Schuljahr wiederholen, das ist in meiner momentanen Verfassung günstig für meine weitere Entwicklung, und es geht ja auch sowieso nicht anders. Danach werde ich die Schule zügig abschließen, werde für 6 Monate ins Ausland gehen, eventuell auch ein ganzes Schuljahr im Ausland absolvieren, das steht noch nicht ganz fest. Danach werde ich studieren, promovieren mit Auszeichnung und mit 40 Partner in einer Unternehmensberatung sein" – "Auch so, dann ist ja alles gut. Schön, dass wir darüber gesprochen haben".

Eltern sein heißt nicht, vom Jugendlichen beruhigt zu werden, das ist banal. Aber verhalten wir uns nicht alle im Leben, soweit wir es mit Nachkommen zu tun haben, ab und zu genau so? Ist es nicht ein Urbedürfnis, dass irgendwann die gute Fee kommt und den Dauerdruck, der auf uns lastet, wenigstens für eine Zeit lang von uns wegnimmt? Und nachts einflüstert, dass wir alles richtig gemacht und genau die passenden Entscheidungen getroffen haben?! Die obige Persiflage soll nur vordergründig zum Schmunzeln anregen. Eigentlich ist sie ernst gemeint. Und niemand braucht sich zu verstecken, wenn der Druck so groß erscheint, als wäre er nicht mehr zu ertragen.

Fünfte Vorbemerkung: Kinder sind keine Erntehelfer. Der Kampf um die Familienehre – was auch immer jemand darunter verstehen mag! – wird nicht über die Zeugnisse der Kinder zu führen sein. Die Frage "was um Himmels Willen wird Onkel Kasimir zu diesem Zeugnis sagen" ist definitiv keine Frage. Die Steigerung dazu ist die Drohung: Warte nur, wenn (Person X) dieses Zeugnis sieht – aber dann!

Ist das nicht grausam? Zunächst nimmt es der Person X doch die Möglichkeit, eine schönere Rolle einnehmen zu dürfen als die des Hau-Drauf, des bad cop. Vielleicht hätte X ja helfen können? Aber schlimmer noch: Mit diesem Zeugnis, so lernt das Kind, ist es der Willkür jenes X ausgeliefert. Die schützende Hand der Eltern reicht nicht einmal bis zu jenem X. Soll ich Kind damit unbeschwert ins nächste Schuljahr starten?

Ist es nicht schöner, seinem Kind aus einer festen inneren Ruhe heraus sagen zu können: Pass auf, dies hier und das da hast du super hinbekommen! Dass ist DEINE Leistung! Freu dich darüber! Und das hier, du weißt schon, das wird im nächsten Jahr unser Problem. Daran werden wir arbeiten. Bis sich dann dereinst hoffentlich der Erfolg einstellt – dann gehört er wieder dem Kind.

Vorletzte Vorbemerkung: Und nun? Was sage ich denn meinem Kind? Wie geht es weiter? Was darf es hoffen? Welche Ziele haben wir jetzt? Der Nachteil von Vorhersagen, so Karl Valentin, ist, dass sie sich auf die Zukunft beziehen. Mit einer tollen Vision kann ich – heute – alle Herzen gewinnen. Aber: Ich muss sie morgen einlösen können! Ich muss so hoch zielen, dass es unter Aufbietung aller Kräfte gerade noch klappen kann. Verantwortbares Risiko sozusagen. Ein Herzkranker muss nicht für den Marathonlauf trainieren. Es ihm einzureden, ist inhuman. Aber vielleicht braucht man ja nicht für jede Sportart einen Hochleistungs-Kreislauf.

Letzte Vorbemerkung: Nun ist mein Kind aber stinkfaul, frech, unzugänglich…? – Vorsicht vor Schubladen. Und wenn es drin ist: wie ist das Kind denn dort reingekommen? War es als Neugeborenes schon stinkfaul? Mit einem Jahr? Mit zwei? … ? Wo ist der Punkt gewesen? Was will es mit der "Faulheit" vielleicht sagen? Welche Ängste hat es möglicherweise? Das muss ja nicht direkt mit der Schule zu tun haben. Lösungen brauchen manchmal langen Atem. Und einen breiten Rücken. Zusammen ist das: Selbstvertrauen der Eltern, und Liebe.

Und damit ist alles, was über das Zeugnis und seine Entstehung nach hinten zu sagen ist, in die Vergangenheit hinein, auch wirklich gesagt.

Nach so vielen Vorbemerkungen nun endlich die Kolumne:

Freuen Sie sich über alles, was Ihren Kindern oder Enkeln geglückt ist! Und halten Sie Ihre Rolle da aus, wo sie manchmal weh tut. Seien Sie groß für Ihre Kinder! Notfalls ein (kleines) Stück größer, als Sie sich fühlen! Vergessen Sie nicht, sich in Abständen selbst zu beobachten: Bin ich auf dem Weg, wo ich hinwill?

Und behalten sie Ihren langen Atem. Wirklich beruhigt zurücklehnen kann sich, wer das jüngste Kind im ---- Altersheim untergebracht hat! Aber bis dahin soll der Weg doch Freude bereiten, für beide Seiten.

Post Scriptum: Wer selber Kinder hat, sollte es sich eigentlich Lebenslang verbieten, über Erziehungsthemen zu schreiben. Denn was gibt es denn peinlicheres, als montags an dem gemessen zu werden, was sonntags in der Kolumne steht?! Dieser Gedanke schafft nach so vielen Vorbemerkungen wenigstens noch Raum für eine Nachbemerkung, die zugleich mein Schreiben zu diesem Thema legitimieren könnte:

Nachbemerkung: Selbstvertrauen und Zuversicht helfen vor allem dann, wenn sie sich mit Demut vor den eigenen Schwächen, Defiziten und Fehlern verbinden. Das ist die Arbeit an mir selbst, die vielleicht den Kern von "Erziehung" ausmacht. Durch sie werden Selbstvertrauen und Zuversicht ein wenig glaubwürdiger, und dann darf jemand vielleicht auch etwas idealisierend darüber schreiben – ganz so, als wäre das alles im Alltag ein Kinderspiel…

Von Dr. Christian Thieme

 

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Thiemes Zettel vom 18.06.2021

Dr. Christian Thieme

Kinder impfen oder nicht: eine philosophische Frage

Kinder impfen oder nicht Im Kreis meiner Familie entspann sich ein Dialog zur Frage, ob denn nun alle Kinder, für die der Impfstoff zugelassen ist, ausnahmslos gegen Corona geimpft werden sollen, oder ob nicht besser der STIKO-Empfehlung zu folgen sei, die als das zuständige wissenschaftliche Gremium dazu rät, Kinder nur beim Vorliegen bestimmter Risiken zu impfen.

Die Kriterien, die ich als Nicht-Fachmann zur Verfügung habe, um mir ein persönliches Urteil zu bilden, sind verwirrend vielschichtig.

Die Ebene der Ordnungspolitik

Auf der "ordnungspolitischen" Ebene scheint die Sache klar: Fachleute sprechen zu Fragen der Fachlichkeit, und die Politik sortiert, ordnet und gewichtet dort, wo unterschiedliche Fachlichkeiten zu konträren Empfehlungen führen. Um ein Beispiel zu geben: Wenn Epidemiologen bestimmte Empfehlungen zum Schutz vor Corona aussprechen und Virologen andere, die vielleicht kompatibel sind, vielleicht aber auch nicht so ganz, und wenn dann Kinderärzte, Jugendpsychiater und Pädagogen aus der jeweiligen Sicht für Kinder nochmals andere Akzente setzen, im Widerspruch zu den Vorherigen und widersprüchlich vielleicht auch untereinander, und wenn dann noch die Intensivmediziner ihre Sicht beisteuern, ist die Politik gefragt. Das ist pragmatisch unvermeidlich, und ich möchte an dieser Stelle nicht der sein, an dem die Sache schlussendlich hängt. Herr Drosten hat aus diesem Grund schon ganz früh darauf hingewiesen, dass am Ende die Politik entscheiden muss, und ich weiß nicht, wie viele ihm das abgenommen haben. Die Vorstellung, dass Wissenschaft zielgerichtet, irrtumsfrei und in den Schlussfolgerungen für das praktische Handeln eindeutig sein müsse, ist nur allzu verführerisch.

Ob die Kriterien, nach denen Politik am Ende ihre notwendigen Entscheidungen findet, immer anständig und sachgerecht sind – nun, wenn es so wäre, hätte der Beruf des Politikers vielleicht ein weniger problematisches Image. Aber darum geht es jetzt nicht. Entlastend, oder besser gesagt: resignierend, müsste man dazu, wollte man die Frage vertiefen, zunächst feststellen, dass der Anstand von Politikern in einer demokratisch verfassten Gesellschaft immer an das Maß von Anstand gebunden ist, mit dem das Wahlvolk ihr politisches Handeln an der Urne beurteilt und bestimmt – vergleiche: Wir schaffen das.

Ordnungspolitik. Die Aufgabe, die unvermeidliche Vielfalt zu kanalisieren, ist keine geringe, das sieht man frei Auge. Was aber passiert wirklich? – wir werden schlecht regiert, und zwar quer durch die Parteien, denn auf Länderebene sind ja quasi alle irgendwo beteiligt. Gäbe es die Option, die ganze Corona der Ministerpräsidenten – welch schönes Wort dafür! – auf einen Schlag abzuwählen und in die Wüste zu schicken, so hätte sich dafür phasenweise wohl mühelos eine Mehrheit gefunden. Die Frage ist nur: Finden sich danach bessere? Angesichts der Einmaligkeit der Aufgabe ist eine gewisse Milde schon angezeigt. Vorwerfbar wird es dort, wo regionale oder parteipolitische Egoismen im Vordergrund zu stehen scheinen. Und vorsichtig formuliert möchte ich sagen: dieser Faktor ist nicht gleich Null. Wenn aber Corona zum Vehikel gemacht wird – der eine Kandidat gegen den anderen usw. –, werden die Leute sauer. Und das schlimme ist: nicht nur sauer, sondern auch misstrauisch gegen alles, was von "denen da" noch kommt.

Aber es ist noch viel schlimmer. Versagt hat nicht nur die Politik bei der Aufgabe, ihre Ordnungsfunktion wahrzunehmen. Der gleiche Hang zu sachfremden Motiven findet sich in abgeschwächter Form auch auf der Expertenseite. Dass ein Epidemiologe und ein Jugendpsychiater kraft der jeweiligen Fachkunde widersprüchliche Vorstellungen über den Umgang mit den Kindern in der Pandemie entwickeln, und beide Sichten in ihrer jeweiligen Welt berechtigt sind, das hatten wir oben schon. Betrachtet man aber die hemmungslose Kakophonie des Expertengewirrs in ihrer ganzen Schönheit, wobei gerade auf den Trittbrettern besonderer Betrieb zu herrschen scheint, vielleicht auch stimuliert von den Medien, die es spannend und "kontrovers" haben wollen, und ab und zu auch neue Gesichter brauchen… – Kurzum: Alles in allem gab und gibt auch die Fachlichkeit kein gutes Bild ab. Manchmal sind es gerade Ärzte, die, vielleicht politisch in irgendeine Richtung motiviert, vielleicht nur aus besonderem Engagement heraus als subjektiv gefühlte "Experten" Statements abgeben, die vom jeweiligen Teilaspekt ihres ärztlichen Wissens, das von der Spezialisierung abhängt, zu null Prozent abgesichert sind, und trotzdem mit hundertprozentigem Anspruch vorgetragen werden.

Und diese Kakophonie der selbsternannten und echten Experten wiederum verschlimmert die Verhältnisse auf der Seite der Politik. Bei dem, was sie unaufgeregt, rational begründbar und im Auftreten überzeugend hätte regeln sollen und weiter soll, verdient sie bestenfalls eine "vier minus". Was aber beispielsweise den Gesundheitsminister nicht daran hindert, dort regulierend einzugreifen, wo er weder fachliche noch politische Kompetenz besitzt, nämlich zum Beispiel bei der Frage der Kinderimpfung. Angesichts der Kaltschnäuzigkeit, mit der er bisherige Fehlleistungen weglächelt – am Anfang sprach er von "Lernkurve" – mag er selber beurteilen, welche Relevanz seinem politischen Votum zur Impfung von Kindern noch zukommt.

Fazit: Die Ebene der Ordnungspolitik ist in Sachen Corona an allen Ecken und Enden aus dem Leim gegangen. Und dabei unterscheidet längst keiner mehr, ob es gerade um Lock down, Masken, Impfstoff, Testung, Apps, Schule, Impfstrategie oder weiß ich was geht. Das Vertrauen in die Qualität unseres Umgangs mit der Pandemie ist insgesamt den Bach hinunter – zur diebischen Freude all derer, die mit ihrer Kritik komplett andere Ziele verfolgen als einen guten Gesundheitsschutz. Die sind von mir so weit entfernt wie der äußerste und finsterste Planet unseres Sonnensystems. Meine Aussage, dass niemand den Gesundheitsminister nach seiner Meinung zum Kinderimpfen gefragt hat, weil er dafür nicht gemacht ist, sagt im Übrigen nichts darüber aus, ob er zufällig Recht hat oder zufällig nicht. Wer sich auf politisch motivierte "Empfehlungen" verlässt, die aus diesem Hexenkessel entweichen, wird ein schales Gefühl schwer vermeiden können – auch wenn den meisten Menschen nichts weiter übrigbleibt, als sich in der Pandemie immer wieder nolens volens an den Statements und Vorgaben der Politik zu orientieren.

Fakten

Kritisiert habe ich nicht, dass die Corona-Pandemie zu großen Teilen in wissenschaftliches Neuland geführt hat. Das wäre ja auch blanker Unsinn. Gefordert habe ich daher auch nicht, dass die Politik am besten schon vor anderthalb Jahren den Fundus an Wissen zur Verfügung gehabt haben sollte, der sich gerade in kleinen, mühseligen Schritte auf- und manchmal ein Stück weit auch wieder abbaut. So ist Wissenschaft, und darum ist die Aufgabe der Politik in der Tat schwer, schwer in den Entscheidungen und noch schwerer bei deren Kommunikation. Menschen wollen keine Ungewissheiten, sondern klare Ansagen, die ihnen niemand geben kann, ohne zu lügen.

Wie aber verhalte ich mich, wenn mir eine gute Fee die Fähigkeit gibt, das heute verfügbare Wissen komplett im Blick und im Kopf haben zu dürfen? Die Fähigkeit, alles heute existierende Wisse über Corona zu wissen, und auch von dem, was andere fälschlich für Wissen halten, zu wissen dass es falsch ist, und drittens genau die Punkte zu kennen, von denen wir wissen, dass sie heute definitiv nicht gewusst werden, und dieser Satz muss tatsächlich so vertrackt daherkommen. Das liegt daran, dass wir manche Fragen erst dadurch erkennen, dass uns das Leben eines Tages die Antwort präsentiert, die dann vielleicht gar nicht gut aussieht. Gerade bei der Frage der Impfstrategie ist dieser Aspekt wichtig. Wäre die Fee, die mich so ausstattet, wirklich eine gute Fee? In welcher Lage wäre ich als der alles "Wissbare" Wissende, den die Welt folglich für in Sachen Pandemie allwissend hält, und der doch täglich unter nichts so sehr leidet wie unter seinem Nichtwissen? Oder der sein Wissen gern verbreiten möchte, dem aber so wenig geglaubt wird wie einst der Kassandra (deren "Kassandrarufe" ja alle wahr gewesen sind! Gerade darin, dass niemand ihr glaubte, was sie deutlich sah bestand ja der grausame Fluch der Götter, der auf ihr lag. Erginge es ihr denn heute besser?).

Die Pandemie wartet nicht, bis die Menschheit soweit ist. In einer heilen Welt könnten Politik, Wissenschaft und Medien im Klima gegenseitigen Vertrauens gemeinsam an Lösungen für jeden Tag arbeiten, immer wieder neu und immer etwas besser als gestern. Warum es so nicht funktioniert, siehe oben. Als Individuum, das sich dem Hexenkessel der Vorgaben und Meinungen wenigstens nicht gänzlich schutzlos ausliefern möchte, kann ich nur versuchen, mich dem feenhaften Wissens-Optimum nach meinen Kräften so weit wie möglich zu nähern, Das zu versuchen, ist aller Ehren wert und jeder, der kann, ist aufgerufen, es auch wirklich zu tun.

Und was, bitte, ist damit gewonnen?

Wenn ich den Abschnitt mit der Feststellung eröffne "Ab jetzt wird es philosophisch", lesen manche das vielleicht so, als hätte ich geschrieben "An Ende kann sowieso jeder machen, was er will". Das entspricht zwar einer landläufigen Vorstellung, ist aber nicht gemeint.

Beginnen wir mit der übersichtlichsten Variante. Nehmen wir an, dass alle für die Entscheidung wesentlichen Fakten zur Kinderimpfung bekannt seien: Wie viele Kinder werden durch die Impfung beeinträchtigt oder geschädigt, welche Langzeitfolgen der Impfung wird es wie häufig geben, und so fort, und die analogen Tatsachen auch für die geimpften Kinder: Erkrankungsrisiko, Prognose, Spätfolgen und so fort auch hier. Dann wäre doch alles klar, und die Wissenschaft könnte entscheiden, was zu tun ist – oder etwa nicht?!

Natürlich wird die Wissenschaft dann etwas dazu sagen, und das wird schließlich auch von ihr erwartet. Aber sie wird dabei Maßstäbe anwenden, die nichts mit Wissenschaft zu tun haben. Sie wird nämlich Abwägungen treffen müssen dahingehend, welche und wie viele Schäden bei den Geimpften hingenommen werden können, um auf der anderen Seite welche und wie viele Schäden zu vermeiden, die Corona ohne Impfung verursacht hätte.

Angenommen, durch Impfen würden – wir simulieren ja gerade die Situation, alles Relevante zu wissen – eintausend schlimme Ereignisse verhindert um den Preis, dass durch das Impfen ein vergleichbar schlimmes Ereignis induziert wird. Also tausend gegen eins. Ist die Frage dann nicht entschieden, ganz ohne Philosophie? Ich persönlich würde mich auf die Seite derer stellen, die mit ihrem Urteil bei "tausend gegen eins" nicht zögern und keine Bedanken haben, die Impfung zu unterstützen. Aber ich weiß, dass ich damit eine philosophische Entscheidung getroffen hätte, keine "wissenschaftliche"! Wissenschaft kann Fakten liefern, und tut es auch. Aber sie bewertet sie nicht. Bei jeder Bewertung beginnt die Philosophie! Am besten erklärt sich dies mit der Gegenposition. Sie würde lauten: Niemand ist berechtigt, das Leben eines Menschen zu opfern, um andere Leben zu retten, unabhängig von den Zahlen - opfern? Wer sich als Erwachsener impfen lässt, entscheidet selbst. Über Kinder dagegen wird von Dritten entschieden. Der Unterschied spielt epidemiologisch betrachtet keine Rolle, aber ethisch gesehen bedeutet er etwas. Es liegt mir daher trotz meiner klaren Positionierung fern, das ethische Problem kleinzureden. Aber Achtung: wir sprachen über ein erfundenes Beispiel, nicht über tatsächliche Fakten zum Impfen, allein schon deshalb, weil es beim Kinderimpfen solche Daten nirgends nicht gibt. Und deswegen ist die Ethik hier noch verzwickter. Neben der Abwägung der anzunehmenden Effekte müssen wir nämlich entscheiden, wie wir damit umgehen, dass es Risiken geben könnte, von denen wir heute weder wissen ob es dazu kommen kann, noch wie sie genau aussehen könnten und nach wie vielen Monaten oder Jahren damit zu rechnen ist, dass sie zuschlagen.

Die Verschiedenheit des möglichen Umgangs mit dieser Art von Problem lässt sich anhand des vor Jahren gescheiterten Freihandelsabkommens mit den USA beschreiben. Während in USA das Prinzip gilt, dass hypothetische Risiken so lange unbeachtlich seien, bis etwaige Schäden empirisch belegt würden, gilt in Europa das Vorsorgeprinzip, demzufolge so lange von einer potenziellen Gefährlichkeit auszugehen sei, bis genügend Erfahrungen vorliegen, um die Bedenken zu zerstreuen. Als Beispiel sei der Umgang mit einem chemisch in bestimmter Weise behandelten Lebensmittel genannt, wenn diese Behandlung nach allen bisher verfügbaren Daten zwar unschädlich ist, während theoretisch plausible Bedanken zu Langzeitfolgen aktuell nicht überprüft werden können.

Das Kinderimpfen gehört zu dieser Sorte von Entscheidungen. Neben der oben dargestellten ethischen Bewertung der einzelnen Nutzen- und Schadensfälle bedarf es zusätzlicher Annahmen über alle unbekannten Faktoren, sowohl bezogen auf das Impfen als auch bezogen auf die Krankheitsverläufe und möglichen Spät- oder Langzeitfolgen bei ungeimpft erkrankten Kindern. Da bleibt nicht viel übrig, woran man sich noch festhalten kann.

Und damit sind wir bei der hoch komplexen Situation angelangt, in der sich die STIKO, das zuständige wissenschaftliche Gremium, bei Abgabe der Empfehlung (oder jeder anderslautenden Empfehlung) befunden hat und weiter befindet.

Was also kann ich tun, wenn ich für eigene Kinder entscheiden muss?

Kurz und bündig sind es drei Dinge.

Ich könnte erstens prüfen, ob ich den Personen, den Mitgliedern des Gremiums, aufgrund der zugänglichen Informationen trauen kann. "Trauen" ist etwas weniger als "vertrauen", denn ersteres orientiert sich allein an der Integrität der Person, letzteres hingegen umfasst auch die Übernahme ihrer Empfehlung. Dafür aber braucht es zwei weitere Schritte. Diesen ersten Schritt habe ich eher pro forma aufgeführt. Vielleicht unterstreicht er nur das Glück, in einem zwar kakophonen, aber doch in den Grundlagen gefestigten Rechtstaat leben zu dürfen. Auch der kann zwar schwarze Schafe nicht verbieten, aber er kann dafür sorgen dass sie möglichst wenig Raum bekommen und möglichst bald entdeckt werden. Konsequenz: in den ersten Schritt würde ich nicht allzu viel Aufwand stecken.

Im zweiten Schritt könnte ich mich vergewissern, ob alle mir bekannten oder zugänglichen Aussagen, die diskutiert werden und mir relevant erscheinen, in der Begründung vorkommen – entweder zur Absicherung der Empfehlung oder bei Nichtberücksichtigung in Form einer angemessenen Begründung. Ob die aktuelle Empfehlung dies leistet? – ich habe es mangels Bedürfnis nicht untersucht.

Nun der dritte, entscheidende Schritt. Hier geht es um die genaue Betrachtung der ethischen Kriterien, nach denen die Abwägungen in Unsicherheit getroffen wurden. Wenn mich die Begründung ethisch überzeugt, dann rät der Philosoph in mir, der Empfehlung zu folgen, sofern im zweiten Schritt keine offensichtlich relevanten Fragen offengeblieben waren. Und was kann ich dazu tun: Ich kann mich zunächst vergewissern, dass die anstehenden ethischen Fragen von der STIKO erkennbar aufgenommen und nicht "pragmatisch" links liegen gelassen wurden. Weiter kann ich analysieren, nach welchem gedanklichen Ansatz grundsätzlich mit offenen Risiken umgegangen wurde: Am obigen Beispiel aus dem Außenhandel habe ich die beiden konträren Ansätze erklärt. Weiter kann ich prüfen, ob ich grundsätzlich mit dem Ansatz der Kommission zur ethischen Abwägung der beiderseitigen Risiken (Siehe das erfundene Beispiel mit "eins zu tausend") einverstanden bin. Und last but not least kann ich mir dann noch ansehen, welche Maßstäbe dort angelegt wurden, um die tatsächlich angenommenen beiderseitigen Risiken abzuwägen. Entsprechen sie dem, was in anderen Bereichen der Medizin und des allgemeinen Lebens als vertretbar angesehen wird – was zwar ethisch nichts "beweist", aber als pragmatische Hilfestellung trotzdem sinnvoll ist. So einfach wie bei "eins zu tausend" wird es da jedenfalls nicht immer sein.

Nicht jeder hat die Möglichkeit, sich dem so zu widmen. Und selbst wenn, es gibt immer noch Steigerungen, denn die STIKO ist ja nicht das einzige kompetente Gremium. Auch in Brüssel wird gedacht und empfohlen, und nicht unbedingt gleichsinnig. So könnte man zusätzlich die Vorgehensweisen beider anhand des obigen Rasters miteinander vergleichen. Freilich kann nicht jeder in jedem Bereich des Lebens gleich kompetent oder engagiert sein. Praktisch gesehen wird es am Ende genügen, wenn die Qualität der Arbeitsweise stets von einer kleinen, aufmerksamen Minderheit kritisch verfolgt wird, zum Nutzen auch derer, die das selbst nicht leisten können.

Von Dr. Christian Thieme

 

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Thiemes Zettel vom 01.06.2021

Dr. Christian Thieme

Ehre! und Recht!
--- oder vielleicht doch lieber Freunde bleiben!

Bild von Freund- und FeindschaftBei allem Fortschritt hat sich das Wesen der Menschen doch kaum geändert, und darum ist Senecas Buch "de ira" heute so lesenswert wie damals. In meiner etwas älteren Ausgabe übersetzt sich der Titel mit "Über der Zorn", in einer neueren sah ich das lateinische "ira" als "Wut" interpretiert. Beides passt, denn Seneca schreibt tatsächlich über beides, wobei er präzise beobachtet und analysiert, was da im Menschen vor sich geht und wie man die heraufziehende Katastrophe rechtzeitig ausbremsen kann – oder soll ich sagen: könnte!? Über den Zorn schreibt er, der sich gemächlich aufbaut und vor sich hin grummelt, aber auch über die plötzliche Eruption, den Wutanfall im Affekt, der sich nicht mehr stoppen lässt, bis er endlich sein Ziel in jenem finalen Scherbenhaufen findet, den er klar vor sich sieht, gerade so wie beim Sturz vom Balkon, wenn man sich zu weit hinausgelehnt hat und die Bruchlandung kommen sieht, ohne sie noch aufhalten zu können.

Ohne negative Gestimmtheit, ohne Zorn oder Wutausbrüche kriegt man schwerlich eine Freundschaft kaputt, aber das allein genügt nicht. Es braucht einen Anker, an dem sich die negative Gestimmtheit festmachen kann, um zu Zorn oder Wut anzuschwellen: Eitelkeit und Stolz zum Beispiel, oder Neid und Habgier, oder gleich alles zusammen. Und nach dem Unglück braucht es ein entsprechendes Maß an Sturheit, um nicht reparieren zu wollen, was sich durchaus wieder reparieren ließe, oder genügend Hass, um es einfach nicht mehr zu können. So werden Eitelkeit, Stolz, Neid, Zorn, Sturheit und Hass zu Pflastersteinen auf dem tristen Weg in die innere Finsternis. Von all dem erzählt Nikolaj Gógol: Wie Ivan Ivanovitsch und Ivan Nikiforovitsch sich verzankten.

Ehre! – oder der bittere Streit der beiden Ivans

Eine ganz prächtige Pekesche hat Ivan Ivanovitsch! Und so eng ist seine Freundschaft mit Ivan Nikiforovitsch, seinem Nachbarn, als habe sie der Teufel in eigener Person mit Bindfaden aneinander gebunden, und dennoch können sie keine Freunde bleiben, weil sie es nicht wollen – oder war es umgekehrt: Sie wollen nicht, weil ihnen die Kraft dazu fehlt? Es ist eine Geschichte, wie sie das Leben täglich schreibt, und gerade darum ist sie gut. Wobei sich gute Geschichten in einer Hinsicht vom wirklichen Leben unterscheiden: Je älter die Geschichte, desto schöner die Haut, manchmal jedenfalls. Gógols Geschichte ist ungefähr 200 Jahre alt, und so fällt uns besonders die Betulichkeit der Sprache auf, die vor den Augen von uns Heutigen einen Hauch von Entrücktheit, ein Blumenmeer der Phantasie erstehen lässt, aber so raffiniert mit feiner Ironie und auch Situationskomik durchflochten, dass keine Zeit bleibt, sentimental zu werden:

In Mirgorod gibt es weder Diebstahl noch Gaunerei, darum hängt ein jeder über den Zaun, was ihm gerade einfällt. Wenn Sie näher zum Marktplatz kommen, …: es befindet sich auf ihm eine Pfütze, eine ganz staunenswerte Pfütze; … Sie nimmt beinahe den ganzen Platz ein. Eine ganz herrliche Pfütze! Die Häuser und Häuschen, die man von weitem für Heuhaufen halten könnte, stehen rings herum da und staunen über ihre Schönheit.

In diesem erzählerischen Ambiente wird die ekelhafte Brühe, die später Eimer für Eimer vor uns ausgeleert wird, besonders zur Geltung kommen. Denn so blumig wie die Erzählsprache war anfangs auch der Umgang der Freunde miteinander, bis zu dem Tag, an dem der eine Ivan den anderen jäh mit dem skandalösen Attribut Gänserich bewirft. Der Beleidigte, es ist Ivan Ivanovitsch, ist durch den Gänserich tief in seinem Stolz verletzt, so tief gar, dass den beiden trotz etlicher Anläufe und Vermittlungsversuche keine Versöhnung mehr gelingen will und er Klage einreicht, wider seinen Feind Ivan Nikiforovitsch, der ihn tödlich beleidigt hat, seine Ehre beleidigt hat!

Den Höhepunkt erreicht der Eklat, als Ivan Ivanovitsch seine schwarze Sau durchs Dorf rennen lässt, justament ins Gerichtsgebäude hinein, und justament in dem Augenblick, da Ivan Nikiforovitsch eben seine Klageschrift übergeben hatte und diese noch unverarbeitet auf dem Tisch lag – und wie es der Teufel will, frisst die schwarze Sau die Klageschrift auf.

Gänserich! Ivan Nikiforovitsch musste wissen, dass er sich mit diesem unglaublichen Wort ins Unrecht gesetzt hat. Gänserich ist eine Beleidigung, und dafür gibt es keine Rechtfertigung. Unter gesitteten Menschen werden Streitigkeiten nicht mit Verbalinjurien ausgetragen, und wie schwer die Beleidigung war, illustriert die Sprache mit ihren Floskeln und Höflichkeiten. Dennoch ist dies kein Freifahrschein für den Beleidigten. Ab einem bestimmten Punkt könnte er seine ursprünglich berechtigte Position so weit überdehnt haben, dass auch er sich ins Unrecht setzt, wenigstens moralisch – und so kam es auch.

"Lediglich" moralisch oder auch rechtlich? – das ist die Kernfrage für den weiteren Fortgang der Geschichte. Werden die beiden es darauf anlegen, die Sache wirklich bis zum Ende juristisch durchzufechten, oder besinnen sie sich rechtzeitig auf ihre einstige Freundschaft und die Ressourcen, die sie daraus ziehen können? Und auch darauf, dass doch die eigene Ehre niemals von jemandem Dritten beschädigt werden kann, sondern nur durch eigenes, ehrloses Verhalten?! Es sieht nicht gut aus. Ein letzter, groß angelegter Versöhnungsversuch der gesamten Gemeinde scheitert dramatisch im letzten Moment:

.... Nur noch eine einzige Minute der Aussprache – und die alte Feindschaft war drauf und dran zu erlöschen … "Erlauben Sie mir, Ihnen freundschaftlich zu sagen, Ivan Ivanovitsch … Sie haben mir weiß der Teufel was übel genommen, dass ich Sie nämlich einen Gänserich nannte" … Doch schon war es zu spät, alles ging zum Teufel! Wenn Ivan Ivanovitsch schon damals ergrimmte, … wie vollends jetzt, da das mörderische Wort in einer Gesellschaft ausgesprochen wurde, in der sich viele Damen befanden, vor denen Ivan Ivanovitsch sich besonderen Anstands zu befleißigen liebte.

Die sogenannte Ehre war im 19ten Jahrhundert eine gewaltige Sache, für die bei Bedarf sogar gestorben wurde. Arthur Schopenhauer hat in seinem Essay alles Notwendige dazu geschrieben – freilich erst ein halbes Jahrhundert später. So konnten unsere beiden Helden es also noch nicht besser wissen? Selbstverständlich konnten sie. Im Prinzip konnten sie sogar schon bei Marc Aurel, 1700 Jahre vor ihnen, das Nämliche finden, wenn auch nicht in der Sprache der Bürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts, sondern im eigenwillig-aphoristischen Stakkato des stoischen Kaisers. Aber muss man Humanität und Freundlichkeit wirklich erst aus Büchern lernen?

Summa summarum hat nicht nur der Beleidiger gute Gründe, in sich zu gehen und beizudrehen, sondern ebenso auch der, der beleidigt wurde – man achte an dieser Stelle auf den subtilen Doppelsinn von "der Beleidigte": entweder der, der beleidigt wurde, so benutzte ich das Wort weiter oben, oder aber der, der den Beleidigten gibt, der sich verkriecht und aus seinem Schneckenhaus nicht wieder herausfindet. Beleidigte Leberwurst sagen die Kinder zu einem, der nicht mehr mitspielen will. Unsere beiden Helden haben sich entschieden. Sie steigen hinab ins Dunkel der Gerichtsbarkeit. Werden sie zu ihrer beider Lebzeiten wieder hinaus- bzw. hinauffinden? Oder wollen sie ihre Freundschaft dort unten zu Grabe tragen? Es sieht nicht gut aus. Aber geben wir ihnen trotzdem etwas Zeit, sich letzter Sekunde zu besinnen!
Meine Version des Textes von N. Gógol entnahm ich der rororo-Ausgabe Russische Erzähler von 1957 (meine eigene Auflage ist von 1964). Der Essay von A. Schopenhauer, Von dem, was einer vorstellt, steht in den Aphorismen zur Lebensweisheit. Meine Ausgabe: Insel Taschenbuch 223, erste Auflage, 1976, S. 57-119.

Das nackte Recht! – oder Fünf und Drei, die beiden Freunde

Karl Meininger (meine Ausgabe: Das nackte Recht in: Ali Baba und die 39 Kamele, Oldenbourg-Verlag München und Berlin, 1941, S. 21-26) erzählt die Geschichte von zwei Hirten mit ihren acht Käslein. Eigentlich haben die beiden normale Namen. In meiner Version jedoch nenne ich sie, die langjährigen, engen Freunde, die gestern Abend wie immer ihre Käslein aßen, einfach Fünf und Drei, denn einer hatte diesmal fünf, der andere drei Käslein dabei, und diese Differenz ist die Basis aller Verwicklungen, die damit begannen, dass ein Fremder des Weges kam und darum bat, mitessen zu dürfen, was sie ihm freundlich gestatteten. Ihr Schaden sollte es nicht gewesen sein, denn als sie die Käslein verspeist hatten, jeder gleich viel, ließ ihnen der edle Fremde eine übermäßig hohe Belohnung zurück und ritt von dannen. Eine Ahnung steigt hoch: Sollte diese Belohnung doch noch ihr Schaden werden? Sagen wir, es waren Goldthaler, gerade acht Stück. Acht Thaler für acht Käslein? Oder genauer für acht Drittel Käslein, denn nur diesen Anteil hatte der Fremde ja verzehrt? Oder acht Thaler einfach für die Gastfreundschaft? Erklärt hat es der sonderliche Spender nicht. Wie also sollten sie teilen?

Als alte Freunde, die sie waren, wussten sie Rat. Du vier und ich vier, wir teilen nach der Freundschaft! Nun hielt dieser Rat aber nur bis zum Morgengrauen, denn Fünf hatte lausig schlecht geschlafen, und je länger er grübelte, desto schlimmer ward ihm zumute. Hatte er nicht fünf Käslein beigesteuert und der Drei nur drei?! Mussten ihm dann nicht auch fünf Goldthaler zustehen, und seinem Freund nur drei? Der folgende Tag verlief schrecklich, die Argumente flogen hin und her, die Meinungen verfestigten sich. Zu guter Letzt verabredeten sie sich in ihrer Hilflosigkeit, nicht aus Feindschaft, ihren Streitfall dem Richter vorzulegen, der ihn nach dem nackten Recht lösen sollte. Lassen wir den Richter nachdenken, und tun wir derweil das Nämliche:

(1) Wenn wir bedenken, dass die Belohnung um ein Vielfaches mehr wert war als die Speise, können wir schließen, dass der Fremde einfach zwei gute Menschen für ihre Gastfreundschaft auszeichnen wollte. Dann müsste die Aufteilung vier zu vier sein, und die Sache wäre erledigt. Anfangs dachten die Freunde ja auch so.
(2) Andernfalls muss der Richter davon ausgehen, dass der Fremde tatsächlich beide Hirten für exakt die Menge bezahlen wollte, die er von jedem erhalten hat. Aber was genau erhielt er von wem? Dazu werden Annahmen notwendig darüber, was die Hirten genau taten, dass der Fremde und sie selbst drei gleiche Anteile bekamen. Dafür gibt es drei Wege, deren Unterschied man kaum wahrnimmt, aber es macht einen Unterschied, ob (a) Fünf zuerst dem Drei ein Käslein schenkte und dann beide dem Fremden jeder vier Drittel gaben, oder ob sie (b) zuerst alle Käslein auf einen Haufen legten und jeder sich acht Drittel wegnahm, oder ob (c) beide Freunde dem Fremden ein Drittel von jedem Käse gaben und erst danach die Differenz unter sich ausglichen. Man sieht, dass hier Spitzfindigkeiten ins Spiel kommen, die vom normalen Leben eines normalen Hirten so weit entfernt sind wie der Mond. Diese gibt es auch nur in meiner Version der Geschichte.

Als Ergebnis kann sich entweder eine Aufteilung "vier zu vier" beim (a) ergeben, oder "fünf zu drei" bei (c) oder sogar "sieben zu eins" bei (b). Wer Lust und Liebe verspürt, kann die Varianten durchspielen, aber notwendig ist das nicht. Entscheidend ist, dass jeder der beiden Freunde legitime Gründe für seine Sicht der Dinge hatte. Was also wird der Richter tun?

Vorhang auf für das doppelte Finale!

Auftritt der beiden Ivans!
Und, wie haben sie sich entschieden? Versöhnung in letzter Minute oder Streit?
Klar, der Ablauf lässt nur den einen Endpunkt erwarten, das heillose Versinken im Streit. Und so kam es denn auch. Ivan Ivanovitsch und Ivan Nikiforovitsch verstrickten sich, nachdem wir sie allein gelassen, immer tiefer in ihren Streit, an den sie Jahre und Jahrzehnte ihres Erdendaseins ver(sch)wenden, auf Nimmerwiedersehen:

Wie aber hatte Ivan Nikiforovitsch sich verändert! "Wie geht es Ihnen, Ivan Nikiforovitsch? Doch wie sind Sie alt geworden. … Was Sie nicht sagen, Sie sind nach Poltava gefahren bei diesem Hundewetter?" "Was sollte ich sonst tun? Eine Plage! … Beunruhigen Sie sich nicht; ich habe die gewisse Nachricht, dass die Sache nächste Woche entschieden wird, und zwar zu meinen Gunsten". Ich zuckte die Achseln und ging weiter, um irgendetwas von Ivan Ivanovitsch zu erfahren. … Da erblickte ich eine dünne Gestalt. Wäre das Ivan Ivanovitsch? Das Gesicht war mit Runzeln bedeckt, die Haare völlig weiß; doch die Pekesche war immer noch die alte. … "Morgen entscheidet sich meine Sache ganz gewiss; das Obergericht hat es mir fest zugesagt"

Öd, meine Herrschaften, so resümiert der Autor, öd, ist es auf dieser Welt!
Beide Ivans ab.

Auftritt der armen Hirten!
Logik, Recht und Freundschaft! Wir sahen, wie unterschiedlich und trotzdem plausibel sich die Standpunkte beider Streitparteien darstellen lassen. Was werden sie nun bekommen: ein Urteil. "Sieben zu eins" entscheidet der Richter! Das ist logisch plausibel, und doch hätte er, ebenfalls logisch plausibel, auch anders urteilen können. Sieben Thaler für Fünf! Zwei mehr noch als erhofft! Glücklich verlässt er den Gerichtssaal, in der Tasche die erstrittenen Thaler. Glücklich? – länger als ein paar Minuten hält das Glück nicht vor, als er sieht, wie sein Freund Drei mit seinem einen hinterhertrottet. Mit einer Träne im Augenwinkel wendet er sich dem Freund zu und gibt ihm drei von seinen sieben zurück. So ist es besser, sagt er, vier für jeden. So teilen wir nach der Freundschaft statt nach dem nackten Recht! Die Freunde sind erleichtert, und wir, die wir gespannt zusehen mussten, am Ende wohl auch.

Nicht alles, meine lieben Freunde, ist öd! Findet sich nicht auch das Gute noch auf dieser Welt!?

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 03.05.2021

Dr. Christian Thieme

Zweimal "Fürstenspiegel":
Zwei Ethiken, und dahinter zwei Menschenbilder

Richtig gute Geschichten nehmen ihren Ausgangspunkt im klassischen Griechenland. Na ja, alle nicht, das will ich gern zugeben. Manche sind einfach nur modern, und das wäre ja auch schlimm, wenn es solche nicht gäbe. Und andere sind zwar auch sehr alt, aber nicht von "hier", also nicht aus der Wiege Europas. Nehmen wir Sunzi, den chinesischen General mit seiner "Kunst des Krieges", geschrieben um 460 v.Chr..

Gleich in der Einleitung führt der Text in großer Brutalität vor, was militärische Disziplin zu bedeuten hat. Unter dem ausdrücklichen Protest des Kaisers lässt Sunzi dessen beide Lieblingskonkubinen enthaupten, und dies allein zum Zweck einer lächerlichen Demonstration von Macht und Befehlsgewalt. "Befehl ist Befehl" oder: Individuum gegen Obrigkeit – Spielstand null zu eins. Man muss wohl davon ausgehen, dass die Partei "Individuum" ihren Rückstand danach in keinem Jahrhundert je wettmachen konnte.

Nahe an der Gegenwart – für viele war es bereits bewusst erlebte Gegenwart –, gibt es eine Ausnahme. Es ist der Fall des Станислав Евграфович Петров, bei uns geschrieben als Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, dessen befehlswidriges Verhalten wahrscheinlich einen Atomkrieg und damit den Dritten Weltkrieg verhindert hat. Seine Großtat bestand darin, dass er in den 1980-er Jahren einen Raketen-Alarm seines Abwehrsystems richtigerweise, aber eigenmächtig, als Fehlalarm eingestuft hat. Sein Befehl hätte gelautet, jeden solchen Alarm bedingungslos und augenblicklich der politischen Führung zu melden. Das Zeitfenster für die Entscheidung über eine militärische "Reaktion" auf den vermeintlichen US-Angriff hätte ab dieser Meldung nur wenige Minuten betragen. Welch hautnahe Gegenwart das war, erfuhr die Welt erst später. Diese Runde ging ausnahmsweise an die Partei "Individuum".

Individuum gegen Obrigkeit bzw. Staatsraison, das ist auch das Drehbuch für "Erasmus von Rotterdam gegen Machiavelli". Die Anführungszeichen resultieren daher, dass beide nicht wirklich gegeneinander angetreten sind. Vom Inhalt her gesehen ist die Formulierung trotzdem berechtigt.

Beide Texte wurden zwar ziemlich zeitgleich geschrieben, aber zunächst hatte keiner der beiden Autoren Kenntnis von der Schrift des anderen erlangt. Der "Fürst" wurde 1513 verfasst, erschien aber erst 1532, also fünf Jahre nach Machiavellis Tod, während der Text von Erasmus 1515 verfasst wurde und im selben Jahr auch erschien.

Die Gattung des "Fürstenspiegel" hatte in den Jahrhunderten zuvor bereits etliche Arbeiten hervorgebracht, die allesamt auf Plato und Aristoteles zurückzuführen sind. Die Texte vor Machiavelli gingen allesamt von einem Staatsverständnis aus, bei dem das gedeihliche Leben des Einzelnen im Mittelpunkt zu stehen hatte, und zielten folglich darauf ab, den jeweiligen Machthaber mit den dafür angemessenen Tugenden auszustatten. Machiavelli vollzog einen radikalen Schnitt und positionierte seinen Text ausdrücklich als Gegenentwurf zu "allen anderen". Dementsprechend steht sein Wertekanon im scharfen Gegensatz zum bisherigen, den der Humanist Erasmus in seiner Interpretation des Themas unverändert hochhält. Die Thesen von Machiavelli schockieren bis heute durch ihre unverblümte Offenheit. Aber gehen beide wirklich von einem unterschiedlichen Wertekanon aus? Machiavelli legt Wert auf die sorgsame Unterscheidung zwischen dem Wünschenswerten und dem Realistischen. Was der Mann "im Innersten gedacht" hat, darüber lässt sich nur spekulieren. In den Discorsi immerhin gibt es sich als überzeugter Republikaner, und auch im Principe, also Fürst, schimmert diese Haltung durch.

Der subtilere Grund meines Interesses an Machiavellis Text, weshalb ich ihn hier vorstelle und mit dem Werk von Erasmus vergleiche, liegt nicht in seinem staatsphilosophischen Gedankengut per se. Vielmehr beschäftigt und teilweise beunruhigt mich die Faszination, die von ihm auf die Vorstellung vom modernen Zusammenleben auszugehen scheint, namentlich in der Wirtschaft: Sowohl Machiavelli als auch Sunzi inspirieren die Phantasie von Management-Beratern. Die Suchanfrage "Machiavelli für Manager" liefert die publizierten Vorlagen, aus denen sich Unternehmensberater aller Ligen – von den Amateuren bis hinauf zur Champions League – bedienen können. Wie oft sie es tatsächlich tun, bleibt freilich deren Betriebsgeheimnis. Allzu selten wird es freilich nicht sein, und dies wirft die Frage auf, welche Ethik des Miteinanders und welche Wirtschaftsethik wir in der modernen Gesellschaft gerne hätten. Zum Vergleich: Die Suchanfrage "Erasmus für Manager" führt – wenig überraschend – "lediglich" zu den verdienstvollen Programmen der EU für Austausch und Verständigung.

Insgesamt haben wir es mit zwei umfangreichen Texten zu tun, die ich anhand wesentlicher Thesen einander gegenüberstelle, exemplarisch und hoffentlich repräsentativ. Der von Machiavelli ist leicht zu beschaffen, bei Erasmus ist das Angebot schmaler. Ich habe folgende Ausgaben benutzt:

Erasmus von Rotterdam, Die Erziehung des christlichen Fürsten, Ausgewählte Schriften, Hrsg. Werner Welzig, Fünfter Band, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1968.
Niclolò Machiavelli, Hrsg.: Philipp Rippel, Il Principe/Der Fürst, Italienisch/Deutsch, Reclam 1219, 1986.
Für die einzelnen Zitate gebe ich jeweils die entsprechende Seitenzahl an.

Erasmus oder Machiavelli: Anstand und Moral ohne Politik oder umgekehrt?

Desidrius Erasmus by Hans Holbein
Desidrius Erasmus, von Hans Holbein,
Quelle: Wikipedia
Portrait of Niccolò Machiavelli by Santi di Tito
Niccolò Machiavelli, von Santi di Tito,
Quelle: Wikipedia

Erasmus: Kannst du endlich die Herrschaft nur durch Verletzung der Gerechtigkeit, durch Blutvergießen oder durch unermesslichen Schaden für die Religion schützen, dann lege sie eher nieder und weiche den Zeitumständen. Kannst du aber das Hab und Gut deiner Untertanen nur unter Gefahr deines Lebens schützen, dann ziehe den Schutz der Allgemeinheit deinem Leben vor. Aber solange du handelst, wie es die Pflicht eines christlichen Herrschers ist, werden vielleicht einige dich dumm nennen und sagen, du seiest zu wenig Herrscher. Stärke dein Herz, dass du lieber ein gerechter Mann als ein ungerechter Fürst sein willst (S. 145).

Machiavelli: … insbesondere, da ich bei der Erörterung dieses Themas von den Argumenten der anderen abweiche. Da es aber meine Absicht war, etwas Nützliches für den zu schreiben, der es versteht, schien es mir angemessener, der Wirklichkeit der Dinge nachzugehen als den bloßen Vorstellungen über sie. Viele haben sich Republiken und Fürstentümer vorgestellt, die nie jemand gesehen oder tatsächlich gekannt hat, denn es liegt eine so große Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte, dass derjenige, welcher das, was geschieht, unbeachtet lässt zugunsten dessen, was geschehen sollte, dadurch eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt; denn ein Mensch, der sich in jeder Hinsicht zum Guten bekennen will, muss zugrunde gehen inmitten von so viel anderen, die nicht gut sind. Daher muss ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anzuwenden oder nicht anzuwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit (S. 119).

Erasmus oder Machiavelli, welchen hätten wir gerne? Anstand und Moral ohne Politik oder Politik ohne Anstand und Moral? – Ich brauche den Gegensatz nicht aufzubauschen, er ist real. Für real halte ich aber auch das Bedürfnis, zwischen diesen Extremen eine vermittelnde, für praktische Politik vermittelbare "Mitte" zu finden. Klar ist, die Position von Erasmus (ich nenne sie "E") kann man nicht und die Position Machiavellis (im Folgenden "M") will man nicht wollen. Irgendwo auf dem Schieberegler zwischen E und M sollte der richtige Punkt zu finden sein – aber wo? Wieviel E ist möglich, und wieviel M muss sein?

Beispiele für die Problematik liefern sowohl die Tagesschau als auch die Zeitgeschichte: Als der moralische Scherbenhaufen, den das deutsche Volk in den Jahren zuvor aufgetürmt hatte, 1945 für alle so offensichtlich geworden war, dass sich dem keiner mehr entziehen konnte, war für alle, die den Neubeginn wirklich wollten, wohl klar, dass dieser möglichst weit entfernt von Machiavelli liegen musste. Paradigma konnte nicht länger irgendein übermächtiges Volks- oder Staatswohl sein. Die Maxime "Du bist nichts, dein Volk ist alles" hatte sich erledigt, und nicht nur sie, und das wirkt nach bis heute. Ich gestehe freimütig, dass ich manche Texte bis heute mit einer ängstlichen Reserviertheit ansehe, die einzig durch den Sturm des Faschismus verursacht ist, obwohl ich von ihm in jeder Hinsicht unbelastet bin. Wie also mag es damals gewesen sein? Nicht von Ungefähr, wenn auch vielleicht zu Unrecht, hatte der Faschismus in Person von Mussolini ja auch Machiavellis Text usurpiert.

Der politische und moralische Neubeginn musste zwangsläufig ganz weit auf der anderen Seite des Spektrums liegen, ganz nahe also an den Werten einer Ethik der persönlichen Verantwortung. Was also lag (neben der Anknüpfung an die Werte der Arbeiterbewegung!) näher, als eine neue Partei mit dem "C" im Namen zu gründen. Dass die Union an diesem "C" scheitern musste, hätte jeder distanzierte Analytiker bereits am Tag der Gründung vorhersagen können. Aber ist sie wirklich gescheitert? Die Antwort heißt "ja", solange jemand fordert, die Position E dauerhaft und ungeschmälert zur politischen Maxime zu machen, was anfänglich, unter dem Eindruck der unmittelbaren Vergangenheit, durchaus der Plan gewesen sein mag. Funktionieren in Reinform konnte er auf Dauer nicht, insoweit hatte und hat Machiavelli schon Recht. Was also hat das "C" im Namen bewirkt? Hat es eine Politik hervorgebracht, die zumindest näher bei E und weiter weg von M gewesen ist als ohne das "C"?

Mit diesem "C" im Namen wird die Union gleichzeitig von zwei Seiten angreifbar: Sowohl mit dem Vorwurf einer zu großen Nähe zu M (d.h. zu wenig "C") als auch mit dem Vorwurf einer nicht zielführenden Politik aufgrund einer zu großen Distanz zu M, auch wenn letzteres niemand je so formulieren würde. Erasmus hätte das Problem an der moralischen Integrität des Fürsten festgemacht, in der modernen Demokratie zählen die Wahlchancen. Praktisch gesehen läuft beides aufs gleiche Dilemma hinaus. Freilich steht die Union mit diesem nicht allein. Sozialdemokraten und zunehmend auch Grüne stehen in Bezug auf ihre jeweilige Wertebasis vor analogen Herausforderungen. Nur wer klein genug ist, um sich von jeder Gesamtverantwortung fernhalten zu können, hat vielleicht die Chance, politisch unbeschwert zwischen Ethik und Kalkül hin und her zu kreuzen, als hätte es Skylla und Charybdis nie gegeben.

Krieg und Krise

Erasmus: … so muss der Herrscher doch zuerst und vordringlich in den Grundsätzen unterwiesen werden, ( … ) mit deren Hilfe er im Verhältnis zu seinen Kräften versuchen muss, auf das Unternehmen des Krieges gänzlich zu verzichten (S. 251).

Ein Vertrag soll zu dem Zweck geschlossen werden, einen Krieg zu beenden. Heute aber berufen sie sich auf einen Vertrag und schließen ihn schon in der Absicht, einen Krieg zu entfesseln. (… ) Die Herrscher müssen so verlässlich sein in dem, wofür sie einstehen, dass ein einfaches Versprechen ihrerseits heiliger ist als irgendein Eid anderer (S. 319).

… weil zwar auch aus anderen Gegebenheiten Nachteile entstehen können, aus einem einzigen Krieg aber der Untergang alles Wertvollen seinen Anfang nimmt und aus ihm ein Meer von Unheil hervorströmt (… ) Krieg entsteht aus Krieg (S. 339).

Machiavelli: … was alle klugen Fürsten tun müssen: diese haben nicht nur auf die gegenwärtigen Unruhen zu achten, sondern auch auf die zukünftigen, und müssen sie unter Aufbietung aller Kräfte im Keim ersticken (S. 21).

… Daher haben die Römer, wenn sie Missstände voraussahen, stets Abhilfe geschaffen; und sie ließen sich jene nie lange hinziehen, nur um einem Krieg aus dem Wege zu gehen; denn sie wussten, dass man den Krieg nicht abschaffen, sondern nur zum Vorteil der anderen aufschieben kann (S. 23).

Beim Thema Krieg habe ich gezögert, ob ich es hier aufnehmen möchte, weil natürlich heute, unter der Drohung des Atomkriegs, auch Machiavelli anders argumentiert hätte. Ich habe mich dann aber entschlossen, "Krieg" als Metapher für Konflikte schlechthin und den Umgang mit ihnen zu betrachten, und damit bekommt das Kapitel einen aktuellen Sinn. Dies entspricht ja auch der generellen Lesart, mit der wir Modernen auch an andere Kapitel herangehen.

Würde einer wie Machiavelli sich jemals, wie Erasmus an anderer Stelle (S. 343) rät, neben sich stellen und die Berechtigung seines Anliegens von dort aus relativieren? Niemals! Machiavelli kennt nur "Missstände". Die Frage nach der Ursache des Konflikts oder der Sicht der anderen stellt er nicht. Erneut öffnet sich hier die Kluft zwischen der Individual- und der politischen Ethik. Machtpolitik und Selbstzweifel schließen sich gegenseitig aus.

Im gerade genannten Sinn ist die Außenpolitik lediglich als Beispielfall für andere Bereiche zu sehen. Innenpolitik, Arbeitswelt, Freundeskreis – ja sogar die eigene Partnerbeziehung: Auf all diesen Feldern stellen sich dieselben Fragen. Will ich sofort "dreinschlagen", wenn ich die Möglichkeit dazu habe, oder zuwarten, um mit Geduld zu vermitteln und so die Parteien vielleicht noch zusammenzuführen? Wiederum bietet sich keine einfache Antwort an. Clankriminalität wird sich nur noch schwer bekämpfen lassen, wenn sich bereits erste "U-Boote" im Polizeiapparat festgesetzt haben. Krisen in der Familie dagegen werden sich nicht lösen lassen, wenn der mächtigste Akteur in bester machiavellistischer Manier beim ersten Anzeichen eines Problems sofort das Kriegsrecht verhängt. Und dazwischen liegen alle Schattierungen, die das Leben bietet. Die Frage "E oder M" sollte sich in kritischen Situationen jede(r) selbst stellen und erst danach entweder zuwarten bzw. vermitteln oder losschlagen.

Erasmus und Machiavelli: Zwei Ethiken, und dahinter zwei Menschenbilder

Unsere Analyse spränge zu kurz, wenn sie die Divergenzen zwischen beiden allein über ihre unterschiedliche Herangehensweise, also persönliche Ethik versus der politische Rationalität, erklären wollte. Dieser Unterschied der Herangehensweise wäre nämlich auch dann möglich, wenn beide von genau demselben Menschenbild ausgingen, was sie aber ganz und gar nicht tun. Freilich, der Mensch ist so, wie er eben ist. Bis dahin hätten sie beim Menschenbild wohl noch Konsens, die Aussage ist ja auch banal genug. Wobei sich aber sofort die Frage aufdrängt, wer denn "der" Mensch sein soll. Wieviel Verallgemeinerung ist praktisch nützlich, wieviel ist empirisch gerechtfertigt, und wie viel (wie wenig) ist ethisch angemessen? Und schon passt es nicht mehr zusammen. Machiavelli tut, was praktisch funktioniert, und fragt nicht weiter nach, ob es bei manchen auch anders ginge. Bei Erasmus steht das christlichethische Gebot im Vordergrund, und dies beinhaltet, sich jedem Menschen individuell zuzuwenden. Erziehung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Erasmus: Auf diese Weise (Erasmus spricht zuvor ausführlich über die Notwendigkeit einer gewissenhaften, christlichen Kindererziehung) wird es dazu kommen, dass man nicht viele Gesetze oder Strafen braucht, da die Bürger aus freien Stücken tun, was Recht ist (S. 267).

Machiavelli: Es gilt also festzuhalten, dass man die Menschen entweder verwöhnen oder vernichten muss; denn für leichte Demütigungen nehmen sie Rache, für schwere können sie dies nicht tun (S.17).

… denn die Liebe wird durch das Band der Dankbarkeit aufrechterhalten, das, weil die Menschen schlecht sind, von ihnen bei jeder Gelegenheit um des eigenen Vorteils willen zerrissen wird (S.131).

Im Detail skizziert Erasmus die notwendigen (Erziehungs-)Inhalte, von denen auch der Fürst selbst durchdrungen sein muss: das "wahre" Glück, die "wahre" Freiheit und ein angemessenes Verständnis von Gerechtigkeit, deren Ziel nicht, modern würde man sagen: Gleichmacherei, sein kann. Welches Kriterium er dabei als Maßstab der Gerechtigkeit sieht (Leistung? Bedürfnis?) bleibt zwar offen, aber er denkt wohl an das Kriterium von Leistung bzw. Verdienst.

Die Frage, ob das Anerkennen sichtbarer Ungleichheiten tatsächlich und allein durch Erziehung bewirkt werden kann (Stichwort: nicht viele Gesetze oder Strafen), stellt sich Erasmus offenbar nicht: Ich verdiene tausend, mein Nachbar nur hundert, und es braucht kein Gesetz, um die tausend von den hundert abzuschirmen? Machiavelli würde darauf keinen einzigen Gedanken ver(sch)wenden. Für sein Vorgehen spielt eine subtile Betrachtung, bis wohin auf Freiwilligkeit zu setzen ist und ab welchem Punkt Zwang hergehört, auch keine Rolle. Zu viel Abneigung und Frustration über das Menschengeschlecht liegt in seinen Sätzen. Die Menschen sind schlecht. Die Universalität der Feststellung im Verbund mit der banalen Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgetragen wird, wirkt beklemmend. Leidet er denn wenigstens daran, an dieser seiner Erkenntnis, oder ist sie das unspektakuläre Resultat einer durch und durch emotionslosen Analyse? Fragen können wir ihn das nicht.

Der Umgang mit der Macht: wie machiavellistisch ist Machiavelli?

Machiavelli gehört zu den wenigen Autoren, aus deren Namen sich ein Attribut bilden lässt, das sich sogar dann benutzen lässt, wenn jemand dazu keine einzige Zeile O-Ton gelesen hat: "machiavellistisch", wobei aber durchaus nicht alle Empfehlungen Machiavellis in diesem Sinn machiavellistisch sind. Einige markante Beispiele für Machiavellis Umgang mit Macht und Menschen will ich in meiner Auswahl abschließend zeigen. Erasmus hat dem nichts Spektakuläres "entgegenzusetzen", so dass ich auf die Gegenüberstellung verzichte. Um den Abschnitt kompakt zu halten, verzichte ich zudem auf wörtliche Zitate.

  • Gut angewandt sind Grausamkeiten, die man auf einen Schlag ausführt. Schlecht ist es, wenn sie nach zu zögerlichem Beginn später zunehmen. Nach der Grausamkeit möglichst Wohltaten spenden (S. 73).
    Kurz zur Ehrenrettung:. Machiavelli sagt: gut, wenn es erlaubt ist, vom Schlechten etwas Gutes zu sagen.
  • Furcht verbreiten: Ja. Aber keinen Hass! Und keine Hinrichtung ohne offensichtliche Rechtfertigung (S. 131)
  • Fürsten, die ihr Wort nicht halten und andere mit List hintergehen, sind, das zeigt die Erfahrung, denen überlegen, die auf Redlichkeit gebaut haben (S. 135).
  • Gute Eigenschaften: Man muss sie nicht besitzen. Das kann sogar schädlich sein. Nützlich ist der Anschein, sie zu besitzen (S. 139).
  • Gut sein, solange es möglich ist, aber sich bei Bedarf zum Bösen wenden (S. 139).
  • Alle sehen, was du scheinst. Nur wenige erfassen, was du bist, und diese wagen nicht der Meinung der Mehrheit über dich zu widersprechen (S.139).
  • Hauptsache Erfolg. Das imponiert dem Pöbel, und auf der Welt gibt es nur Pöbel (S. 141).
  • Gunstbeweise selbst spenden, Grausamkeiten delegieren (S. 149).
  • Wenn du auf eine sittlich verdorbene Partei angewiesen bist, füge dich und sei ebenfalls verdorben (S.153).
  • Frühere Feinde werden zu die wertvollsten, loyalsten Gefolgsleute, wenn sie die Chance sehen, die vormals schlechte Meinung umzudrehen und ihren Rang zu sichern (S. 169).
  • Intelligente Fürsten erkennt man an der Intelligenz der engsten Mitarbeiter (S. 181).
  • Wichtige Mitarbeiter reich genug machen, dass sie eine Änderung der Verhältnisse fürchten (S. 183).
  • Mitarbeiter haben keine Meinung zu äußern. Ausnahme: wenige Ausgewählte, und auch sie nur, wenn der Fürst sie fragt (S. 185).

Politik und "Leben": gelten für beides die gleichen Gesetze?

Wer heute die Texte von Erasmus und Machiavelli liest, will nicht Fürst werden. Entweder liest er oder sie sie aus philosophischem bzw. historischem Interesse oder aber (auch) zur Inspiration für den eigenen Alltag, und hier vielleicht speziell im Beruf. Dass dort nämlich andere Regeln zu gelten haben als in der eigenen Familie oder beim Umgang mit Freunden, würden viele unterschreiben. Wie also will ich mich im Beruf verhalten? Genauer gefragt: Wie will ich meine Macht einsetzen, wenn meine Berufstätigkeit mich mit Macht ausstattet (die bescheiden oder riesig sein kann, das spielt für die ethische Haltung keine Rolle). Noch genauer gefragt: Ist der Verstoß gegen ethische Prinzipien für mich etwas, was ich jedes Mal kritisch hinterfrage und versuche, wenn irgend möglich zu vermeiden, oder ist es der pragmatische Normalfall? Da haben wir es schon wieder, das machiavellische "irgend möglich".

Und wenn mich die Frage nicht als Akteur betrifft, so betrifft sie mich doch immer noch als Betroffenem: Nach welchen Regeln soll das System "ticken", das meinen Wohlstand generieren soll? Investitionen an Menschenrechte koppeln, ja oder nein oder "manchmal"? Compliance und Transparenz sind sichtbare Schritte zu mehr Ethik. Aus früheren Erzählungen erinnere ich mich, dass bestimmte Aufwendungen für Bestechung, die heute geahndet werden, in den Jahrzehnten nach dem Krieg von Konzernen offenbar noch als "nützliche Ausgaben" steuermindernd geltend gemacht werden konnten.

Mir persönlich hat die Lektüre von Machiavellis Text im Beruf ab und zu geholfen. Schrecksekunde? – Keine Sorge, ich will es erklären. Machiavelli hat mit seiner grundlegenden Aussage, ich habe sie oben zitiert, ja Recht: Alle Verhaltensweisen von Mächtigen, die er beschreibt, kommen in der Realität vor. Die Frage ist, ob sie regelhaft vorkommen oder nur vorkommen können. Das mag vielleicht davon abhängen, welchen Ausschnitt von Realität einer gerade betrachtet. Wie groß ist also mein Risiko, wenn ich mich weigere, in meiner eigenen Handlungsweise selbst "machiavellistisch" zu werden? Die eigene Erfahrung spricht dafür, dass "Machiavellifreie" Zonen an manchen Stellen möglich sind, wenn auch vielleicht mit anfänglichen Risiken und Rückschlägen. Mehr noch: Prinzipien wie Wertschätzung und das verlässliche Einhalten gegebener Zusagen sind sogar echte Erfolgsfaktoren. Auch hierzu gibt es Literatur für Manager. Manchmal gehen Ethik und "Monetik" eben doch Hand in Hand.

Das Beste aber zuletzt, und dieses Beste ist leider kein bisschen gut: Niemand ist zuverlässig davor geschützt, auch ich nicht, dass nicht Mächtigere versuchen können, ihre machiavellistischen Praktiken gegen mich einzusetzen. Sie zu kennen, erleichtert mir den Umgang mit ihnen. Wenn ich vorhersehe, wann einer angreifen will und mit welchen Mitteln, kann ich mich besser schützen. Dafür sind die Bücher von Machiavelli und Sunzi allemal gut.

Wie (un)ethisch also ist Machiavellis Ethik, und wie realistisch die von Erasmus?

Ethische Fragen, die sich vermeintlich mit wenigen Absätzen ein für alle Mal klären lassen, sind entweder keine wirklichen, oder die Antwort ist nicht hinreichend durchdacht. Vielleicht aber regt die gezeigte Vielfalt dazu an, die eine oder andere Frage aus dem eigenen Umfeld neu zu denken, oder sie sogar erst als Frage wahrzunehmen?

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 16.04.2021

Dr. Christian Thieme

Demenz
– zwei Kolumnen im Doppelpack

Ab einem bestimmten Lebensalter haben wahrscheinlich die meisten Menschen eigene Erfahrungen mit "Demenz" gemacht. Das meine ich nicht in dem Sinn, dass sie alle von Demenz betroffen wären. Es geht um Erlebnisse und Ereignisse im Familienkreis, um Schilderungen von Freunden und nicht zuletzt auch um schockierende, zufällige Beobachtungen in Heimen, Krankenhäusern oder auch im Fernsehen.

Möglicherweise haben Sie sich soeben etwas wundern müssen. Warum habe ich bei Demenz die Anführungszeichen benutzt? Glaube ich etwa, Demenz sei keine Realität, so wie andere Corona für ein Hirngespinst halten? – Der Grund ist natürlich ein anderer. Demenz IST Realität, und denen, die als Angehörige oder Pflegende mit schwer an Demenz erkrankten Menschen zu tun haben, muss das keiner erklären wollen.

Demenz ist aber auch ein Stempel. Mehr als einmal habe ich es erlebt, wie betagte Menschen, bei denen altersbedingt nicht mehr alle Dinge so schnell und zuverlässig funktionieren wie früher, bei denen sich vielleicht ab und zu Dinge, die "unsereins" im Traum erledigt, während der Tagesstunden bemerkbar machen, die aber ansonsten am Alltag teilnehmen und wunderbare Gesprächspartner sind – wie also solche Menschen mit einem Stempel belegt werden, der da heißt "Demenz". Und ab diesem Moment müssen sie täglich um die Qualität des Umgangs kämpfen, der immer von einem latenten "er/sie ist ja dement" überschattet wird.

So scheint es mir, wenn ich von außen darauf schaue, als wären zwei Begriffe von Demenz im Umlauf, die ein ganzes Stück weit auseinanderliegen: Die schwere, das Leben aller Beteiligten verändernde Krankheit und daneben das manchmal leichtfertig, ja zu leichtfertig verhängte Attribut.

Diesem Gedanken folgend entstanden für die beiden Sichten zwei Kolumnen. Nun steht dahinter aber dennoch ein Kontinuum, also ein durchgehendes Band von zunehmenden Schweregraden der Krankheit. Wenn ich mich auf die Seite des Abstempelns stelle, blicke ich von dort bis ungefähr zur Mitte des Spektrums, also von den minimalen Ausfällen bis zu mittelschweren Erscheinungsbildern. Und von der anderen Seite her ist es entsprechend, wobei die beiden Blickrichtungen sich zwangsläufig überlappen. Es ist nicht möglich, die Betrachtung immer exakt in der Mitte zu stoppen. Das macht sich beim Schreiben bemerkbar, und wahrscheinlich auch beim Lesen.

Alte Frau leidet an Demenz

Demenz: Eine Krankheit wie ein Hammer

Nicht allein daran muss man denken, dass das Leben jeden Tag kürzer wird und ein ständig kleinerer Teil von ihm übrigbleibt, sondern man sollte sich auch dessen bewusst sein, dass es keineswegs sicher ist, wenn man länger leben sollte, ob auch die geistige Kraft bleiben wird, die für das Verständnis der Vorgänge dieser Welt und für die Denkarbeit erforderlich ist, die auf die Erforschung der göttlichen und menschlichen Grundfragen zielt. Wenn man nämlich anfängt, albern zu reden, wird sich das Atmen, die Ernährung, die Wahrnehmung, das Streben und Verlangen und anderes dieser Art nicht abschwächen. Doch über sich selbst zu verfügen, seine einzelnen Pflichten sorgfältig auseinanderzuhalten, die Phänomene zu unterscheiden (…) – alle diese Fähigkeiten nehmen deutlich ab. Man muss sich also beeilen, nicht nur weil man täglich dem Tod näherkommt, sondern auch weil die Fähigkeit zum Verstehen und Verarbeiten der Vorgänge in der Welt früher aufhört, als man denkt (*).

(*) Marc Aurel, Wege zu sich selbst, Hrsg. Und Übersetzer Rainer Nickel, Artemis & Winkler, 2001. Zitiert habe ich die erste Nummer im Dritten Buch – so ist die Stelle auch in jeder anderen ungekürzten Ausgabe auffindbar.

Dement, das sind die anderen!

Dement werden, die unvorstellbare Perspektive!
"ICH werde dement sein"?
Geht nicht. Der Satz prallt ab. Spurlos gleitet er über die schützende Folie, in die sich mein Denken einhüllt.
"Ich werde wahrscheinlich dement sein"/"ich werde vielleicht dement sein"/"ich könnte dement werden" – geht alles nicht.

Na, gut, hier ein letzter Versuch!
"Es könnte ja doch sein, dass ich eventuell, irgendwann später einmal, im hohen Alter, gewisse Anzeichen von Demenz entwickeln könnte" – ok, so könnte es gehen.

Marc Aurel, der Autor des Zitats, war klar in seiner Lebensführung und kompromisslos im Umgang mit sich selbst. Für ihn gab es kein solches Verdrängen. Immer wieder konfrontiert er sich selbst mit unbequemen Themen. Mit den eingangs zitierten Sätzen legt er den Finger in eine Wunde, die bis heute in unserem Denken klafft.

Hätten wir ein klareres Bewusstsein davon, dass wir, die heute Gesunden, nichts anderes sind als die Dementen von morgen, würden wir denn dann mit den aktuell Betroffenen anders umgehen? Ich muss, während ich diese Zeilen niederschreibe, daran denken, wie in einem südbayerischen Heim möglicherweise dutzende Menschen leiden und etliche von ihnen vermeidbar sterben mussten – es gilt die Unschuldsvermutung –, weil sich anscheinend keiner der direkt beteiligten Menschen für die Schutzbefohlenen verantwortlich fühlt(e), und weil sich die Mühle der staatlichen Fürsorge und Kontrolle, die subsidiär dort gebraucht wird, wo sich die Verantwortlichkeit der direkt Beteiligten verkrümelt hat, so unendlich träge nur bewegt. In welcher Welt lebe ich eigentlich? Nein – welche Welt ist das eigentlich, von der ich ein Teil bin?

Für meinen Umgang mit mir und meiner eigenen Lebens- und Schaffenszeit ist Marc Aurel mir ein Vorbild. Für den Umgang mit der Demenz anderer ist er es nicht. Denn Empathie darf man bei ihm nicht erwarten, und Nächstenliebe ebenfalls keine. Anstand ja! Toleranz ja! – aber nicht mehr.

Die Auslassung im Zitat ist übrigens nicht redaktionell motiviert. Bewusst weggelassen habe ich Marc Aurels Gedanken, dass der geeignete Moment verpasst werden könnte, um sich für den Suizid zu entscheiden. Ich will diese Facette seines Denkens nicht gänzlich verschweigen, darum berichte ich sie hier, aber es soll nicht der Eindruck entstehen, als sähe ich in ihr etwas Vorbildhaftes.

Philosophie – manchmal hilft sie ja. Hier auch?

Viele Blumen wachsen im Garten der Philosophie, zarte und knallige, freundliche und manchmal auch giftige, gerade zum Umgang mit Schwachen. Ich werde mich jetzt an den Mainstream halten, und der hat es mehr mit dem Verstand als mit dem Herzen: Sapere aude! höre ich es da rufen, habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! Sapere aude! Mit diesen zwei Worten hat Kant den Beginn der Aufklärung proklamiert. Linkshirnig muss die Welt sein, rational und gesteuert vom unbestechlichen Verstand. Auch bei der Begründung des kategorischen Imperativs, kurz KI, der als Magna Charta ethischen Verhaltens gesehen wird, hat Kant darauf geachtet, dass sich in die Kaskade seiner Rationalität an keiner Stelle etwas "artfremdes", wie zum Beispiel eine nicht vom Verstand begründete Nächstenliebe, einschleichen möge. Wenn es um den Umgang mit den Schwachen und ganz Schwachen geht, würde ich daher woanders nachlesen: Jesus bleibt in diesem Segment auch nach 2000 Jahren Marktführer. Man kann das religiös motivieren, so wie die meisten es tun, aber man muss das nicht einmal. Selbst ohne die religiöse Fundierung scheint mir das Konzept einer altruistisch liebenden Zuwendung ohne sinnvolle Alternative, weil es offensichtlich weiter reicht als der kategorische Imperativ Kants. Wenn ich es in einem Satz begründen müsste: Der KI stellt mir meinen dementen Mitmenschen als Objekt dar, dem ich ein bestimmtes Verhalten entgegenzubringen habe (in der Philosophie Kants geschieht das "aus Pflicht"!), und nicht als Subjekt mit eigenem Wert, auch wenn Kant selbst da wahrscheinlich widerspräche. Man sollte aber, so ist meine Überzeugung, eine philosophische Botschaft (auch) danach beurteilen, was sie bei Menschen auslöst, die sie ernstnehmen, ohne in die Tiefe ihrer Exegese eindringen zu können. Das gilt besonders, wenn es eine Philosophie zu solch großer Verbreitung und Popularität gebracht hat und sie sich ihre Anhänger nicht immer aussuchen kann.

So leben wir als Erben Kants in einem fortschrittlichen, aufgeklärten rationalen Zeitalter, ohne dass wir uns wirklich Rechenschaft geben, wo überall die Schattenseiten dieser aufgeklärten Rationalität liegen.

Und die Politik?

Nächstenliebe ist keine politische Kategorie. Sozialpolitische Konzepte stellen lieber das Recht des Hilfsbedürftigen heraus, als an die Bereitschaft und Liebe der Starken zu appellieren – wohl aus bitterer Erfahrung, denn mit der freiwilligen Bereitschaft gerade der ganz Starken ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen. Diese Erfahrung betrübt mich, und dem sozialpolitischen Begriff "soziale Gerechtigkeit" begegne ich nicht ganz ohne emotionale Distanz, weil er Ausdruck einer zwangsweisen Kompensation der weithin fehlenden Hilfsbereitschaft ist. Aber was hilft‘s: Realpolitisch gesehen können die von Demenz Betroffenen und ihre Angehörigen kaum genug rechtlichen Rückenwind bekommen, denn von der spärlichen Nächstenliebe allein könnten sie nicht existieren. Solange Vorfälle wie eben jetzt in jenem Heim möglich sind, ist der politische Handlungsbedarf immer noch uferlos.

Für mich ist es ein betrübliches Dilemma. Wenn die Ansprüche der Schwachen an die Allgemeinheit haarklein kodifiziert sind, bleibt kaum Spielraum für freiwillige Hilfe, emotional nicht und oft auch technisch nicht. Die pedantische Kodifizierung der "sozialen Gerechtigkeit" schützt zwar die Schutzbedürftigen, aber um den Preis, dass sie zugleich die Starken entlastet. Wenn nämlich meine soziale Verpflichtung über die Steuerschuld, die zu minimieren ich alle Kreativität einsetze, abgegolten ist, was soll ich mir dann darüber hinaus denn noch groß Gedanken machen? Vielfach könnte ich ja gar nicht, wie der folgende Gedankenversuch belegt: Angenommen, ich würde dem Heim monatlich einen Betrag spenden, um die Betreuung meines Angehörigen zu verbessern, was würde das Heim damit anstellen? Vermutlich so ähnlich wie gerade der Daimler-Vorstand, der die Entlastung aufgrund des staatlichen Kurzarbeitergelds nahtlos an die Aktionäre durchreicht. Verschärft wird das Problem durch das eherne politische Gesetz, dass am Ende kein Budget jemals so bemessen wird, wie es eigentlich erforderlich wäre, auch im Bereich der Sozialkassen nicht. Mit anderen Worten: die Lösungen der Politik sind unzureichend und verstopfen zugleich die Kanäle für private Hilfe.

Eine gute Idee für einen politischen Ausweg aus dem Dilemma habe ich allerdings auch nicht.

Pflege als der Kitt dazwischen

Man kennt es vom Bau. Silikon ist gut, um Fugen zu verschließen, aber wenn die Fuge weit genug ist, reißt das beste Silikon. Idealistische Pflegende sind das Silikon im System. Ordentliche Arbeitsbedingungen und fairer Lohn sind wichtig für gute, erfüllende Arbeit, aber nicht nur sie. Um demente Menschen zu betreuen, um der täglichen Herausforderung gewachsen zu bleiben, braucht es Liebe zu den Menschen und viel Idealismus. Liebe und Idealismus wiederum machen erpressbar – ich kann doch die mir Anvertrauten nicht im Stich lassen. An Corona lässt sich dies gerade trefflich studieren. Viele ausgebrannte Teams denken daran, dem Beruf wegen fehlender Unterstützung für immer den Rücken zu kehren – nach der Pandemie. Idealismus belohnt die Idealisten. Wenn sich aber die Politik darauf verlässt, statt wirksam zu helfen, ist das zynisch. Wobei Politik so viel oder wenig für die Pflegenden und damit auch für die von ihnen Gepflegten tut, wie das Staatsvolk es verlangt. Und wiederum: Ein Teil des Staatsvolks bin ich selbst.

Zwischen allen Mühlsteinen: das Leiden der Angehörigen!

Wenig Rückhalt von einer auf Rationalität gepolten Philosophie und dem von ihr geprägten gesellschaftlichen Klima, schwindender Spielraum der Kirchen, die schwer mit der Erosion ihrer Basis zu kämpfen haben, limitierte Bereitschaft der Politik, wirksam Abhilfe zu schaffen: So sieht das Umfeld aus. Wobei aber mehr Mittel für die Pflege und Betreuung ohnehin nur materielle Not, aber kaum das persönliche Leid der betroffenen Familien kompensieren können.

Was könnte ich meinen Angehörigen noch tröstendes sagen, wenn ich dement wäre: Nichts mehr. Was würde/werde ich empfinden, wenn ich ihr Leiden sehe: Ich weiß es nicht, keiner kann es von außen sagen, und ich selbst kann mich dann nicht mehr verständlich machen.

Marc Aurel liefert jedoch mit seinem Hinweis auf die zwei Grenzpunkte, Tod und vorher Demenz, einen Ansatz zur Linderung! Für den Tod treffe ich Vorkehrungen: Zwar kann ich das Sterben nicht verhindern, aber mit einer Verfügung kann ich es regulieren, indem ich im Testament die Dinge nach mir bestimme, jedenfalls manche. Warum also nicht auch ein "Testament" für die Zeit, ab der ich in den Dämmer einer Demenz hinübergleite? Nicht um des Geldes oder materieller Dinge willen. Sondern zum Trost der Angehörigen. Gestaltet zum Beispiel als Brief, den sie jedes Mal sehen, wenn sie mit mir zusammen sind, weil er in meinem Zimmer an der Wand hängt:

Ihr meine Lieben …., wenn ihr diesen Brief lesen werdet, werde ich nicht mehr so sein, wie ihr mich kanntet.
Ihr werdet mitangesehen haben, wie ich mich in meinem Wesen langsam oder rapide verändert habe, wie ich vergesslich wurde, wie ich altbekannte Zusammenhänge verloren habe. Vielleicht kann ich nicht mehr verstehen, dass das, was ihr für mich veranlasst, zu meinem Besten ist. Vielleicht werde ich deshalb zornig sein. Zornig, dass ich trinken soll, zornig, dass ich mich bewegen muss, zornig auf alles. Das wird es euch schwer machen, mich immer wieder aufzumuntern und mir bei diesen alltäglichen Dingen täglich aufs Neue zuzureden.
Und irgendwann werde ich die lieben Menschen um mich herum nicht mehr erkennen, zuletzt vielleicht auch euch nicht mehr, meine engsten Angehörigen.
Und nicht nur das.
Ich werde euch wehtun, indem ich euch schlimme Dinge unterstelle und eure Liebe nicht erwidere oder sie sogar mit bösen, hässlichen Worten vergelte. Schlimmeres kann ich euch kaum antun, ich, der ich immer euer … gewesen bin!
Warum muss das sein?
Niemand kann vorher sagen, was die Krankheit mit mir anstellen wird. Ihr müsst aber wissen, dass das, was ich sagen werde, nicht etwas ist, was ich insgeheim schon immer dachte. Mein Gehirn wird Worte finden, deren Herkunft ich nicht kenne. Das macht mich heute, da ich es mir vorstelle, so traurig wie dereinst euch.
Ich kann euch dafür nicht um Verzeihung bitten, denn mich trifft daran keine Schuld. Aber ich kann euch um etwas anderes bitten.
Bitte denkt, wenn wir zusammen sind, an die guten Dinge, die wir zusammen erlebt haben. Denkt daran, wie wir damals im Jahr ….
Und wie ihr damals ….
(usw)

Nun, das mit dem testamentarischen Brief ist vielleicht doch keine so praktische Idee, denn dement, das sind ja die bekanntlich anderen, niemals ich – ich werde es daher wohl versäumen, diesen Brief rechtzeitig zu schreiben, weil ich nicht glauben werde, dass ich selbst dereinst betroffen sein kann.

Aber meine Angehörigen können es tun. Sie können ihn später, wenn es mit mir soweit kommen sollte, in meinem Namen schreiben und ihn dann aufhängen. Sie werden dann wissen, dass sie es in meinem Sinne getan haben. Und damit darf ich das Thema jetzt, da es mir gut geht, weiter verdrängen.

Alter Mann leidet an Demenz

Demenz: Ein Wort wie ein Hammer

Schwarz oder weiß, richtig oder falsch, gesund oder krank. Manchmal will Sprache präzise sein – selbst dort, wo das Leben überhaupt nicht präzise ist. Jemand ist willensstark, weil er sich um keinen Preis von einer schwierigen, aber objektiv lösbaren Aufgabe abbringen lässt. Jemand ist starrsinnig, weil er unbeirrt an einem objektiv unsinnigen Ziel festhält. Objektiv. Was, bitte, ist das, dieses "objektiv"? Vier Elefanten in einen Volkswagen zu bringen, ist objektiv unmöglich, auch wenn der Kinderscherz sagt, es sei ganz einfach (zwei vorn und zwei hinten). Die tausend Meter in drei Minuten zu laufen, ist objektiv möglich. Aber auch für mich? Wer, bitte, entscheidet, was "objektiv" ist?

Die Sprache ist an dieser Stelle scharf wie eine Rasierklinge. Sie will, dass wir uns entscheiden, ohne Wenn und Aber. Wer die tausend Meter als Neunzigjähriger unter drei Minuten laufen will, ist entweder ein Held, oder er spinnt. Wo aber hört der Held auf und der Spinner beginnt? Zum Glück gibt es auch milde und freundliche Wörter, die nicht polarisieren, zum Beispiel "verrückt".

•   Ich habe die tausend Meter unter drei Minuten geschafft – Whow Opa, du bist ja verrückt (irgendein anderer Opa muss das wohl sein….).
•   Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag! – Wahnsinn, du bist ja verrückt, dafür extra aus Australien herzukommen….
•   Opa ist verrückt geworden: Er hat aus seiner Rente kleine Papierflieger gemacht und sie aus dem Fenster geworfen.

"Verrückt". Ein ganzes Stück weit, oder auch nur ein paar Millimeter, jedenfalls weg von dem Punkt, wo jemand vermutet wird ("vermutet" mit leicht hochgezogener Augenbraue, ungefähr so wie bei "supposed to be"). "Verrückt" transportiert kein einheitlich vorgefertigtes Werturteil. Von Bewunderung bis Geringschätzung ist alles drin, und "ein bisschen verrückt" klingt sogar liebevoll.

Dagegen "Demenz": Ein Wort wie ein Hammer.

"Demenz": Weitgehende Unbekümmertheit im Alltag …

Dieser Text befasst sich mit dem Abstempelt- und Abgeschrieben-Werden der etwas verrückten, etwas vom Zentrum weggerückten Menschen. Auf sie ist das Wort von der Demenz als Hammer gemünzt. Dagegen: Menschen mit einer wirklichen, verantwortungsvoll gesicherten Diagnose Demenz. Das Abstempelt- und Abgeschrieben-Werden ist für sie nicht weniger dramatisch und inhuman. Personen, die demente Menschen pflegen und betreuen, berichten eindrucksvoll, wie bereichernd der Umgang mit ihnen ist – für beide Seiten.

Denken wir ab jetzt an die Grenzfälle, denen die Bequemlichkeit des Alltags einen Stempel verpasst, mittels dessen sich das Umfeld lossagt von der Pflicht, dem betroffenen Menschen mit allen seinen Limitierungen, aber auch Fähigkeiten immer wieder differenziert, empathisch, liebevoll und angemessen zu begegnen. Stellen wir uns vor, wie ein Mensch, wenn er älter wird, allmählich von dem Punkt wegrückt, an dem er früher gewesen ist. Das kann zunächst rein physisch bedingt sein. Jemand hört nicht mehr gut und gewöhnt sich an, etwas zu antworten, von dem er meint, es könnte passen – leider passt es manchmal überhaupt nicht: Klares Zeichen von beginnender Demenz? Oder seine Finger sind mit der Zeit immer krummer geworden, und derentwegen hasst er es, immer wieder mit diesen winzigen Figuren "Mensch ärgere dich nicht" spielen zu sollen. Aus Zorn über sein Handicap schmeißt er eines Tages alle Steine um: Klares Zeichen von Demenz?

Und dann die Menschen, bei denen sich zwar ein Teil des Denkens selbstständig macht, während jedoch andere Abteilungen weiterhin prima "funktionieren". Da ist der 90-jährige Mann, den plötzlich die Vorstellung übermannt, er sei berufstätig, und der sich von da an über Wochen mit einem Termin quält, den er nicht einhalten kann und der in seiner Welt unumstößlich real ist. Im Heim schmeißen sie ihm, so fühlt er es, nur Knüppel zwischen die Beine: Wir sind hier kein Büro, sagen sie, als er eine Schreibmaschine verlangt. Am nächsten Tag scheint alles vorbei zu sein: Der Mann erklärt er seinem Enkel eine Passage aus "Faust", klar und kenntnisreich. Doch einen weiteren Tag später beklagt er sich voll Zorn, dass sich immer noch niemand um seine Schreibmaschine gekümmert hat. Es ist so furchtbar bitter: Ich kann sein Problem nicht lösen, solange ich ihm meine Welt, die "normale" Welt, erklären will. Das zu lernen ist eine harte Schule. Ich muss die Sache mit ihm gemeinsam in seiner Welt lösen. Ich muss lernen, dass ich keineswegs seine Menschenwürde verletze, wenn ich sein Spiel mitspiele. Weil es doch für ihn keines ist, sondern unumstößliche, bedrängende Wirklichkeit. Beim ersten Mal ist das eine bittere Erfahrung, und doch ist es gut, wenn es uns beiden am Ende gelingt.

Demenz wird leicht zum Stigma, das nicht die Krankheit beschreibt, sondern den ganzen Menschen aus dem Spiel nimmt: Ich kümmere mich nicht darum, was genau mit deinem Denken und Fühlen los ist, was du kannst und was nicht, auch nicht darum, worunter du leidest, und wie ich dieses Leiden vielleicht ganz leicht lindern kann. Ich stemple dich als Person mit all deinen Facetten: Es lohnt sich nicht mehr, dich differenziert anzusehen, du bist ja dement. Es lohnt sich nicht mehr, deine Wünsche und Bedürfnisse zu erforschen, du bist ja dement (und ich gottlob normal). Das betrifft nicht nur die "Grenzfälle", sondern in gleicher Weise alle, die von einer schweren, ihr gesamtes Dasein bestimmenden Demenz betroffen sind. Die Haltung, mit der ihnen zu begegnen ist, bleibt gleich, nur Mittel und Ebene der Kommunikation können sich schrittweise ändern.

… und dagegen größtmögliche Zurückhaltung in der Philosophie!

Cogito, ergo sum! Ich denke, also bin ich. Käme je ein Nicht-Philosoph auf den Gedanken, sich seiner Existenz eigens zu versichern? Was folgt daraus, aus dem "Cogito, ergo sum"? Philosophisch folgt nicht einmal, dass auch du existierst. Es könnte ja sein, dass einzig mein Denken existiert, und ein bösartiger Geist mir den Rest nur vortäuscht: meinen Körper, meine Wahrnehmungen, mein Umfeld – einfach alles. Unfug? Na, ja, praktisch gesehen schon. Aber beweisen Sie doch mal, dass es Unfug ist! Sie werden erkennen: Es ist nicht möglich. Solipsisten heißen die Leute, die diesem Gedanken anhängen. Demenz? Weit gefehlt! In der Überlegung von René Descartes sehen wir ganz im Gegenteil einen Meilenstein der Philosophie-Geschichte. Sie zeigt uns, wie schwach die Fundamente sind, auf die wir unsere vermeintlichen Sicherheiten gründen.

Was wissen wir denn schon über uns und unser Denken! – Schau das frische Grün an den Bäumen an, ist es nicht wunderschön? – Ja! Wirklich schön! Der Haken ist nur: Ich werde niemals erfahren, welches Bild die Farbe Grün in deinem Kopf erzeugt. Vielleicht dasselbe wie bei mir Blau? Vermutlich nicht, aber beweisen? – Es braucht schon etwas Training, um zu erkennen, dass diese Frage eine Frage ist und dass sie sich nur pragmatisch, aber nicht philosophisch oder naturwissenschaftlich beantworten lässt: ein verstörender Gedanke. Das ist grün, ich sehe es doch mit meinen eigenen Augen! – Eben, darin liegt ja das Problem. Das Auge beliefert mein Gehirn mit messbaren Signalen. Aber was macht das Hirn damit? Mein Hirn? Dein Hirn? Tun beide Hirne wirklich genau dasselbe? Plötzlich sehen wir Dinge wanken, deren wir uns von Kindheit an so gewiss waren. Wir sind uns darüber einig, welche Farbtöne wir als "grün" benennen (auch hier: Grenzfälle ausgenommen …), aber wir wissen nicht einmal bei dieser banalen Sache, so wird uns jetzt bewusst, ob wir tatsächlich dasselbe empfinden! Ganz schön verrückt, nicht wahr?

Mit anderen Worten: Ich kann den Kosmos meines Denkens und Empfindens nur oberflächlich mit anderen teilen, so wenig, wie sie den ihrigen mit mir. Nehme ich daher einen bedachtsamen, philosophischen Standpunkt ein, wird es dadurch nicht nur noch schwieriger, "normal" auf eine vernünftige Weise von "verrückt" abzugrenzen. Auch die Behauptung, dass es überhaupt eine Norm gebe, und dass diese erkennbar sei, wird jetzt kompliziert. Erst, wenn wir René Descartes‘ methodische Zweifel zur Seite gelegt haben, können wir unser praktisches Leben ungestört weiterleben.

Wenn Sie zuvor die erste Kolumne gelesen haben, werden Sie einen (scheinbaren) Widerspruch bemerken. Dort war die Rede davon, dass die Fixierung auf die Rationalität als Leitstern unseres modernen Denkens einem freundlichen, verstehenden und liebevollen Umgang mit Menschen, die an Demenz leiden, nicht förderlich ist: Philosophie "auf dem hohen Ross". Hier nun argumentiere ich, dass die Philosophie sämtliche Grundlagen unserer Wahrnehmung und damit alle vermeintlichen Sicherheiten radikal in Frage stellen würde: Philosophie "in tiefer Demut". Der Widerspruch löst sich auf, wenn wir uns vorstellen, dass sich die Fixierung auf Rationalität auf die logische Arbeit des Gehirns mit den von den Sinnen gelieferten "Daten" bezieht, während die hier angesprochene Verunsicherung die Frage betrifft, was von dem, was wir scheinbar/anscheinend sehen, tatsächlich so existiert. Die Angst wegen des drohenden Termins ist vom Gehirn autonom produziert – "irrational". Die Angst vor Indianern, die von draußen mit Pfeilen auf mich schießen, kann (muss vielleicht nicht) der (Miss)-Interpretation von Signalen aus dem Auge geschuldet sein.

Zwischen Philosophie und Bedenkenlosigkeit: liebevolle Pragmatik!

Ungestört? Unser praktisches Leben ungestört weiter leben? Philosophie als Popanz, der das reale Leben behindert, ist eine wohlfeile Figur. Sprechen wir deshalb, statt von Philosophie, ab jetzt von Liebe! Muss ich denn wirklich den Stempel "dement" zücken, wenn ich mit schlichten Worten beschreiben kann, wo genau der betreffende Mensch seine Schwierigkeiten hat (und damit auch: Wo er keine hat!). Meine Tante ist manchmal ein wenig verrückt, aber sie ist meine liebe Tante. Mein Opa braucht manchmal Schutz, wenn die Indianer ihn mit ihren Pfeilen jagen. Aber wenn wir sie gemeinsam vertrieben haben, ist alles wieder gut.

Neulich im Traum durchlebte ich eine besondere Phase meines Berufslebens. Aber nicht wie damals, mit mir als gefühlt autonomem Akteur, der über allen Dingen steht. Im Traum war ich gefangen in einer nicht endenden, auswegloskafkaesken Situation, die mich bis in die späten Vormittagsstunden hinein gefangen hielt. Niemand wird mir dafür "Demenz" zuerkennen, wenn mein Gehirn nachts spazieren geht und sich morgens nicht ganz pünktlich zum Dienst zurückmeldet. Aber ich kann mir jetzt vorstellen, welche Geschichte ich vielleicht mit 90 im Pflegeheim erzählen werde. Träumend oder wach: Wo bitte wird der Unterschied liegen? – Ich werde, wenn es soweit ist, ein liebevolles Umfeld haben, das mich vor dem abgestempelt-Werden beschützt. Darauf darf ich bauen.

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 17.03.2021

Dr. Christian Thieme
Gustav Adolph Spangenberg Der Zug des Todes

Gustav Adolph Spangenberg, "Der Zug des Todes", Ident. Nr.: AI242,
Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Foto Herkunft & Rechte: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, FotografIn: Andres Kilger [CC BY-NC-SA]

Blicke auf die (Un-)Endlichkeit

Eine meiner großen frühkindlichen Sorgen galt der Ewigkeit oder Unendlichkeit. Was bitte soll ein Kind auch mit jener Ewigkeit anfangen, von der die Erwachsenen da reden! Irgendwie tröstlich war das ja, zu wissen, dass der Opa ab jetzt im Himmel ist, einerseits. Aber trotzdem hat mir die Sache Angst gemacht. Schließlich könnte das mit dem Himmel ja auch auf mich irgendwie mal zukommen, und was dann?! Nicht irgendwann, sondern irgendwie! Wie genau das geschehen könnte, war mir nämlich weitgehend unklar. War doch die objektiv stets bedrohte Endlichkeit meines Kinderlebens in meiner unbekümmerten Vorstellung grenzenlos, weder unendlich noch endlich, weder sterblich noch unsterblich. So trieb mich die sehr nachvollziehbare Angst um, dass mir im Himmel langweilig werden könnte, ohne dass ich genau verstanden hätte, wie es dazu kommen könnte, dass ich dort lande.

Weil ich aber noch nie etwas, das ich auch selbst in die Hand nehmen könnte, dem Zufall überlassen wollte, malte ich mir frühzeitig und höchst vorsorglich ein Modell für meine Rettung aus. Wie müsste der Himmel beschaffen sein, damit keine Langeweile aufkommen kann? Ich stellte ihn mir als ein Stufenmodell vor, bei dem auf jede durchlebte Stufe, bevor Langeweile einsetzen könnte, rechtzeitig eine neue Stufe folgen würde, die irgendwie anders war. Damit hatte meine kindliche Phantasie die wilde, diffuse Unendlichkeit durch eine Folge von bewohnbaren Endlichkeiten ersetzt, ohne sich jedoch darüber Rechenschaft zu geben, dass sie, die naive Kinderphantasie, das Problem der Unendlichkeit lediglich um eine Ebene verlagert hatte: Aus der "einfachen" Unendlichkeit bzw. Ewigkeit entstand in meinem Modell eine Folge von himmlischen Stufen, deren jede endlich war, also frei von Langeweile, so der Plan, und die Hoffnung war, dass ich mir diese Stufen selbst würde gestalten können. Die komplette Abfolge aller Stufen musste dann allerdings erneut unendlich sein, also potenziell langweilig, aber so weit wollte das Kind, das ich war, nicht denken.

Warum aber habe ich mir die Sache so lange gemerkt! – wohl kaum, weil mich die gefundene Lösung irgendwie befriedigt hätte. Tief innen habe ich wahrscheinlich genau gespürt, dass ich das Problem der Ewigkeit/Unendlichkeit mit meinem Ansatz nicht gelöst hatte. Im Mathematikstudium lernte ich später, dass meine gedachte Abfolge der himmlischen Stufen sogar noch die harmlose Form von Unendlichkeit darstellt: hübsch eine nach der anderen. "Abzählbar viele" sagen die Mathematiker dazu. Mit den Punkten auf einer Linie könnte man das nicht, sie einfach zählen, egal, wie kurz der Ausschnitt auch wäre – "überabzählbar". "Unendlich" und "unzählig" ist nicht dasselbe. Auch heute, gut 60 Jahre später, kostet es mich immer noch viel rationale und emotionale Energie, den Blick auf die Unendlichkeit nah an mich heranzulassen. Das Weltall dehnt sich mit rasender Geschwindigkeit aus – wohin? Wir entgehen dem Schrecken durch die genau gegenteilige Vorstellung vom abgeschlossenen, blauen Himmelszelt. Endlichkeit schafft Geborgenheit. So besorgte mich die Unendlichkeit lange bevor ich begann, mir Gedanken über die Begrenztheit der Endlichkeit zu machen. Solange letztere nämlich geräumig genug ausgestattet war, erschien sie mir, als wäre sie frei von Limitationen. Die Erkenntnis ihrer Janusköpfigkeit war meinem kindlichen Denken nicht zugänglich – wozu auch. Kinder erleben zwar die faktische Begrenztheit mancher Dinge, aber nicht die prinzipielle und unentrinnbare, alles überschattende Endlichkeit, mit der im Übrigen auch wir Erwachsene uns schwer tun. Wäre es anders, würden wir manchmal anders leben und jemanden, der uns mit Endlichkeit konfrontiert, nicht so leicht als Störenfried empfinden. Das mittelalterliche "Memento mori", bedenke deine eigene Sterblichkeit, ist kein populäres Motto.

Frieden schließen mit der Endlichkeit!

Wie wir es drehen und wenden: Endlichkeit ist die Startbedingung, unter der wir angetreten sind zu leben. Sie bewahrt uns vor der beängstigenden Unfassbarkeit des Unendlichen und konfrontiert uns im gleichen Atemzug mit dem unabwendbaren Elend der Vergänglichkeit. Und was heißt das schon, wir wären "angetreten"! Wer von uns wurde denn vorher gefragt, ob er unter dieser Bedingung antreten möchte?!

Philosophieren heißt sterben lernen. Der es gesagt hat, Michel de Montaigne, wusste durchaus, wie man lebt. Und doch hat er mit seinem Satz einen Nerv getroffen, sonst würde der ja nicht so häufig zitiert. Ist ja auch kein Wunder, denn schließlich lag der Nerv seit der Antike, aus der die Renaissance ihre Inspiration bezog, immer schon blank. Jenes "Erkenne dich selbst", Γνῶθι σεαυτόν, in Stein gemeißelt am Apollo-Tempel zu Delphi, bedeutet ja nichts anderes. Erkenne deine Sterblichkeit, die dich von den Göttern unterscheidet. Heute würde Montaigne den Essay, den er so betitelt hat, vielleicht anders schreiben. Würde vielleicht weniger Gewicht auf die jederzeitige Unberechenbarkeit des Todes legen, auf seine fast makaber anmutende Omnipräsenz. Mit seinem aktuellen Alter, 39 Jahre, habe er schon ein höheres Alter erreicht als viele um ihn herum, so schrieb er – eine Feststellung, die er heute vielleicht mit 70 treffen könnte. Der Unterschied zwischen 39 und 70 ändert zwar nichts am Prinzip Endlichkeit, und doch fühlt die sich anders an, wenn sich die statistische Lebenserwartung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt näher an die biologisch mögliche heranpirscht. Lebenserwartung ist zum Rechtsanspruch gegen das Schicksal geworden. Und das verändert natürlich unseren Umgang mit ihr.

Warum aber wollen wir denn möglichst alt werden? Ich glaube nicht, dass die pure Todesangst dabei besonders ausschlaggebend ist. Ginge es nur um den eigentlichen Vorgang des Sterbens, würden nicht wenige wohl lieber einen frühen Tod mit 60 wählen, wenn er sich quasi unbemerkt ereignete, als mit 90 langsam und mühselig einer chronischen Krankheit zu erliegen.

Sterben lernen. Für Montaigne bedeutete dieses "Sterben lernen" tatsächlich und vorrangig, sich mit dem Vorgang und den möglichen Umständen des Sterbens auseinanderzusetzen. Der durch den Tod erzwungene Zusammenbruch jeder weiteren Unterstützung der Kinder oder Verzicht auf andere gute Dinge, die ich vielleicht vor meinem Ende gern noch bewirken oder erleben möchte, spielt bei ihm lediglich eine marginale Rolle. Den Grund habe ich eben genannt: Niemand möge sich einbilden, solche Dinge halbwegs verlässlich planen zu können! Wahrscheinlich konnte die Vorstellung einer generationenübergreifenden Verantwortung erst ab jenem Wendepunkt stark werden, als eine "ordentliche" Lebenserwartung zunehmend als Norm und der zu frühe Tod dementsprechend als ungerechte Willkür des Schicksals wahrgenommen wurde. Mit der Umkehrung von Norm und Willkür, wie sie sich seit Montaigne vollzogen hat, ist die einstmals willkürliche Endlichkeit zumindest berechenbarer geworden. Das sollte uns den Friedensschluss mit ihr doch leichter machen als all unseren Vorfahren!

Mit dem eigenen Leben auf Augenhöhe

Warum also tun wir uns trotzdem so schwer, mit der Tatsache der Endlichkeit angemessen, um nicht zu sagen entspannt, umzugehen? Ich erinnere mit deutlich an den Tag, als mein betagter Vater mit mir zum ersten Mal ausführlich über sein irgendwann zu erwartendes Ende sprach – bzw. sprechen wollte. Ja, sprechen wollte. Auf dieses Gespräch war ich nämlich innerlich nicht vorbereitet. Ich, nicht er. Entgegen aller biologischen Vernunft bäumte sich etwas in mir auf: "Nein, du wirst nicht sterben!", hörte ich mich stumm rufen. Mit etwas Anlaufzeit jedoch haben wir es dann gut hinbekommen, er und ich, und irgendwann war ich dankbar dafür. Das war zugleich eine erste Lernerfahrung für mich: Dieses Thema geht, aber es braucht Zeit. Einmal allen Mut zusammennehmen und sagen "Lasst uns heute mal die Sache mit meinem Tod regeln", das klappt nicht.

Entspannt, sagte ich eben. Nach jenen Gesprächen hatten wir viele Jahre weitere Zeit – es war der Zwischenraum zwischen "betagt" und "hochbetagt". In meines Vaters Schreibtisch lag seit diesen Tagen eine Mappe, aus der zwar nicht alle, aber einige Blätter später wichtig wurden: Ein Stein vom Herzen und danach fröhlich weiterleben. An die eigene Sterblichkeit zu denken, bedeutet heute nicht (mehr), täglich konkret über den Tod zu sinnieren, wie Montaigne das getan hat.

Die Zeit schreitet fort, und irgendwann werde ich mich in der damaligen Position meines Vaters wiederfinden. Werde mit meinen Nachkommen darüber sprechen, wie Endlichkeit funktioniert, dass sie für jeden gilt, auch für mich. Es sind Banalitäten, Binsenweisheiten, so trivial, dass sie – scheinbar! – keiner weiteren Erwähnung bedürfen. Aber das stimmt nicht. Abstrakt im Kopf ist das alles Binse. Aber ins eigene Leben fügen will es sich trotzdem nicht, jedenfalls nicht freiwillig. Nicht ins eigene und nicht in das der Jüngeren.

Eine kleine Passage freilich gibt es in Montaignes Essay, die könnte man heute fast eins-zu-eins aufgreifen, und das will ich hiermit tun:

"Man ängstigt unsere Leute ja schon, wenn man den Tod nur beim Namen nennt (…). Da man aber nicht umhin kann, ihn wenigstens im Testament zu erwähnen, erwarte man bloß nicht, dass es einer in Angriff nimmt, ehe der Arzt ihm das letzte Stündlein verkündet hat. Wie groß ihre Urteilskraft dann noch sein wird, wenn sie es, zwischen Schmerzen und Entsetzen hin und her gerissen, euch notdürftig zusammenkritzeln, weiß Gott allein."

Na ja, manchmal geht es ja auch weniger chaotisch zu. Aber das "mentale" Problem hat er da schon treffend beschrieben. Dabei spielt es auch keine große Rolle, ob es um größere Vermögenswerte geht oder lediglich um kleine Dinge von großer ideeller Bedeutung oder um irgendetwas dazwischen. Egal was, der Übergang will rechtzeitig gestaltet sein, transparent und gerecht. Transparent und gerecht, das erklärt sich selbst. Was aber ist rechtzeitig? Keine allgemeine Antwort, nur ein paar Zahlen: Eltern 65, Tochter 30 und Enkel 2 Jahre, oder zehn Jahre später 75, 40 und 12, oder nach weiteren zehn Jahren 85, 50 und 22 Jahre. Ich will damit demonstrieren: zwischen 2 und 22 "tut sich" mehr als zwischen 65 und 85. Die Wahl des Zeitpunkts, die Frage was "rechtzeitig" bedeuten könnte, hat für die Älteren und die Jüngeren eventuell eine sehr unterschiedliche Wertigkeit! Darüber einmal gründlich nachzudenken kann die Entscheidung der Älteren vielleicht beschleunigen?

Und was ist mit den tausend Gegenständen, die sich ein Leben lang um mich herum angesammelt haben und weiter ansammeln? Teils vielleicht allein darum, weil sie sich schon im Haushalt der Eltern angesammelt hatten, und weil mir die Entschlossenheit fehlt, damit frei umzugehen? Will ich das alles einfach so weiterreichen, noch angereichert um meine eigenen Relikte? Oder will ich allmählich anfangen zu erklären, was für mich ggf. welche Bedeutung hat, und was überhaupt keine? "Nach mir" Dinge zu entsorgen, ist nicht pietätlos. Wenn ich rechtzeitig dazu helfe, es vorzubereiten, wird es für die nach mir, die es dereinst tun müssen, tausendmal leichter.

Denkanstöße, nicht mehr.

Der Kreis schließt sich

Endlichkeit und Ewigkeit/Unendlichkeit – bei ersterer geht es um nichts weiter als um den richtigen Umgang mit den unumstößlichen Tatsachen. Bei letzterer dagegen steht die Sache selbst zur Disposition: Soll das Thema Ewigkeit/Unendlichkeit für mich in Bezug auf mein eigenes Leben eine Rolle spielen, oder keine? Wenn ich an die Jahrzehnte meines bisherigen Daseins denke, höre ich im Stillen den freundlichen Spott: "Im Alter kommt der Psalter". Soll ich dagegen aufbegehren? Lieber will ich erklären, was da sein könnte. Als Kind habe ich begonnen zu denken, und nicht zufällig habe ich dem damaligen Empfinden hier so viel Raum gewidmet. Die Endlichkeit war unbegrenzt, das Leben konnte aus dem Vollen schöpfen. Der jeweils nächste Geburtstag wurde damals noch begrüßt mit einem entschiedenen "endlich!", und nicht, wie heute, so "uiuiui…". Danach die stürmische Zeit des Aufbaus. Das Leben zu gestalten und es zugleich zu leben kostete jede Menge Energie. Sollte man darüber auch noch nachdenken? – Na gut, ganz ohne Nachdenken habe ich nie gelebt. Aber die Themen wandeln sich, das ist so. Über Endlichkeit nachzudenken bietet sich umso heftiger an, je deutlicher sie als tatsächlich endlich, als begrenzt wahrgenommen wird. Und das ist nun einmal verbunden mit dem Lebensalter.

Dabei gibt es zwar einen Zusammenhang zwischen der Haltung zur Endlichkeit und der Mutmaßung über das Ewige, Unendliche. Der aber ist weniger stringent, als vielleicht anzunehmen wäre. Das "Memento mori" der mittelalterlichen Mönche hatte klar nur eine Botschaft zu vermitteln: Richte jede Sekunde deines irdischen Daseins auf die Ewigkeit aus. Das ist die eine Sicht. Stellen wir, um das ganze Spektrum der möglichen Sichtweisen zu skizzieren, Karl Marx ans andere Ende. Es könnten auch andere dort stehen, die allesamt den Zweck und die Erfüllung eines gelungenen Lebens in der Endlichkeit und nur in ihr sehen.

In der Januar-Kolumne (Glück und Erfolg im Neuen Jahr) habe ich von Solon erzählt, und von seiner Antwort auf des Kroisos Frage nach dem glücklichsten Menschen. Diese Geschichte hat auch Montaigne in einem seiner Essays. Er macht dabei einen Aspekt stark, den ich in meiner Version ziemlich auf die Seite geschoben hatte: Das (glückliche) Leben sei erst dann zu beurteilen, wenn es abgelaufen ist. Aber Montaigne macht seinen Punkt auf eine freundliche, vermittelnde Art und Weise, wie sie für ihn typisch ist, indem er rät,

dass man jenes wahre Glück unseres Lebens, das von der Ruhe und Zufriedenheit eines rechtschaffenen Geistes sowie der Entschlusskraft und Selbstsicherheit einer im Gleichgewicht befindlichen Seele ausgeht, einem Menschen niemals zuschreiben sollte, ehe man ihn den letzten und zweifellos schwierigsten Akt seiner Komödie hat aufführen sehen.

Marc Aurel hätte dem im Hinblick auf ein Jenseits, das für ihn ansonsten bedeutungslos war, glatt noch hinzugefügt, dass auch die Götter nicht mehr von jemandem erwarten würden. Und Gott im Singular? – Die Frage lässt sich nicht einfach in einer kurzen Kolumne behandeln. Mit Montaigne jedenfalls würde ich gern diskutieren wollen über sein Wörtchen "niemals" – einem Menschen niemals zuschreiben – und die damit geforderte Ausschließlichkeit. Einerseits schon im praktischen Hinblick auf die Erfahrungen der Psychiatrie, wie Menschen schrittweise und anfangs kaum spürbar die Kontrolle über das eigene Ich verlieren, aber vor allem auch diskutieren über die philosophische Botschaft! Trotzdem höre ich ihm, wie bei allem, was er sagt, gerne zu.

Anmerkung: Die Zitate von Michel de Montaigne habe ich dem Band "Essais", erschienen im Eichborn Verlag, Frankfurt, 1998, entnommen. Benutzt habe ich die Essays 19 und 20.

Von Dr. Christian Thieme

Thiemes Zettel vom 12.02.2021

Dr. Christian Thieme

AdamGiovanni Pico della Mirandola – mein schillernder Held

Man kann sich die Zeit, in der man leben möchte, nicht aussuchen. Könnte ich es, so würde ich doch wieder meine wählen. Wobei, einen verstohlenen Blick nach nebenan, in eine andere Zeit, so etwas gönne ich mir schon ganz gern. Nicht aus Sehnsucht nach Utopia, sondern weil es mich inspiriert, Dinge, die schon gedacht wurden, neu zu denken, weil sie so, wie sie damals gedacht wurden, für uns vielleicht nicht mehr ganz passen. Oder weil der Blick auf Vergangenes helfen kann, das Gegenwärtige besser zu meistern, oder es wenigstens zu ertragen.

Pico ist nicht fürs Ertragen. Pico ist für die Inspiration. Auch, wenn er 1494 im Alter von nur 31 Jahren einem für seine Position vielleicht nicht häufigen, aber zumindest typischen Risiko erlag: Er wurde vergiftet, wohl aus Eifersucht. Sein früher Tod macht die Persönlichkeit für mich nur noch faszinierender: Ich blicke herab an mir und sehe Durchschnitt, Mittelmaß vom Scheitel bis zur Sohle – gottlob auch bei der Lebenserwartung… Er dagegen: Wie viele Köpfe mag einer schon bei Geburt größer gewesen sein, wenn er am Tag seines frühen Todes schon mehrmals größer war als ich je werden könnte? Schon an meinem früheren "Wohnort", der Mathematik, bin ich solchen Persönlichkeiten begegnet, die mit kaum dreißig schon die Welt bewegt hatten, um danach ihre Lebensbahn viel zu schnell zu beenden: Tuberkulose, Duell – so vermeidbar aus heutiger Sicht. Gerade die Mathematik ist reich an jugendlichen Genies. Was mag die Menschheit an Potenzial, an Inspiration schon verloren haben, weil manche ihre besten Köpfe so früh aufhören mussten! – Hier nun also Pico, ein Philosoph.

Exzentrisches Genie
Exzentrisch, das haben wir schon geklärt. Wer in der Liebe einen derart heißen Reifen fährt, dass er den 35sten Geburtstag schon nicht mehr erlebt, hat sich dieses Prädikat schon verdient. Auch wenn sich die Geschichtswissenschaft nicht ganz einig ist, ob sein Tod tatsächlich die spätere Revanche für die vorangegangene Entführung der verheirateten Frau war. Wie auch immer, lassen wir es auf sich beruhen. Für "Genie" braucht es einen genaueren Blick. Was macht ein blutjunger Adeliger, dem, frei von Geldproblemen, alle Möglichkeiten der Zeit offenstehen? Einer, der frei über seinen großen Besitz verfügen kann, wie manche auch heutzutage noch? Dessen "della" im Namen ungefähr so viel bedeuten kann wie "von", aber auch "zu"? Pico jedenfalls brennt für die Wissenschaft! Und er betrachtet sie nicht als Sprungbrett für andere Zwecke, sondern begehrt sie um ihrer selbst willen!

Die zweite Muttersprache der Intellektuellen in der Renaissance war Latein, und dort war das Wort für die Wissenschaften zugleich auch das Wort für die Literatur (litterae), wobei man sich unter ihr wiederum nicht das vorzustellen hatte, was sie heute liefert. Und so kamen Theologie, Naturphilosophie, Ethik, Literatur und Dichtkunst ganz organisch aus einer Hand. Auch die Medizin als Rubrik der Physik, also Naturphilosophie, gehörte dazu. Kein Wunder folglich, wenn der Vatikan nichts Gedrucktes durchlassen wollte, ohne seine ideologisch schützende Hand – und die war so breit, dass von oben wenig Licht durchkam – über jeder Seite ausgebreitet zu haben, egal, in welche Unterrubrik des Großen Ganzen sie einzureihen war.

Pico wollte Licht. Er war jung, selbstbewusst, redegewandt und intelligent. So verfasste er ein Werk mit sage und schreibe gut 800 Thesen und schickte sich an, dieses Opus, mit dem er vermeinte, die Welt in allen Aspekten zu erfassen, mit der gesamten wissenschaftlichen Welt bzw. deren versammelten Größen zu erörtern. Versammelt: damit sie auch wirklich kämen, ließ er überall per Aushang verbreiten, was er vorhatte, und lud die Wissenschaftler ein, zu diesem Event, ich würde es einen Weltkongress nennen, auf seine Kosten anzureisen.

Der Crash
Allerdings hat Pico die Rigorosität des Vatikans unterschätzt, die sich durch einen zwischenzeitlichen Wechsel auf dem Stuhl Petri obendrein verschärft hatte. These für These musste Picos Werk mit den Zensurbonzen durchgegangen werden, und das allein mag schon unsägliche Überwindung gekostet haben. Übrig blieben dabei etwa zwei Hände voll beanstandeten oder zweifelhaften Aussagen, von denen etliche noch auf dem Kompromissweg hätten geklärt werden können. Bei acht Kernthesen jedoch kam es zum nicht überbrückbaren Crash. Und so zog Pico alles zurück und der Weltkongress fiel ins Wasser. Diese Geschichte verführt vielleicht dazu, die 800 glatt durch die Zensur gelaufenen Thesen für interessanter zu halten, als sie aktuell gewesen sein mögen. Vielleicht war Pico ja einzig und allein von dem Bestreben beseelt, die "schützenden Finger" der Kurie an einer einzigen Stelle so weit auseinanderzubiegen, dass etwas Licht durchgekommen wäre? Vielleicht war das 800-fache Monster-Beiwerk einzig und allein dazu erforderlich, die besagten acht zu verpacken, und nicht etwa für sein exzentrisches Ego, das mit weniger als 800 nicht auskommen wollte? Dann wäre es zumindest folgerichtig gewesen, dass er den Kongress an den 8 Thesen platzen ließ, ohne die die restlichen 800 keine Bedeutung gehabt hätten? Fragen kann ihn das keiner mehr. Gesehen hätte ich die 800 jedenfalls gern. Leider gibt es keinen unkomplizierten Weg dorthin, nur die Vorrede zu den Thesen hat verlegerisch bis heute überlebt, und die hat es in sich. Bei Reclam ist sie zweisprachig erhältlich.

Historisch und insbesondere religionsgeschichtlich gesehen steht Pico am Beginn einer turbulenten Zeit. Der Blick darauf beleuchtet den Hintergrund, vor dem unser Held lebte, agierte und von dem er sich abhob. Einige Formulierungen habe ich in der obigen Einführung so gewählt, wie sie mir passend vorkommen, um Picos Mentalität abzubilden – freilich mit modernen Worten. Dabei habe ich meiner Subjektivität ziemlich freien Lauf gelassen – das Wort "Zensurbonze" wäre Pico sicherlich nicht eingefallen. Nun aber schwenkt unsere kleine Geschichte vom Historischen ins Philosophische.

Picos Vorrede
Den für mich schönsten Abschnitt will ich im Wortlaut präsentieren. Es ist die Ansprache des Schöpfers an Adam, sein höchstes Geschöpf:

So traf der beste Bildner schließlich die Entscheidung, dass der, dem gar nichts Eigenes gegeben werden konnte, zugleich an allem Anteil habe, was jedem einzelnen Geschöpf für sich selbst zuteil geworden war. Also nahm er den Menschen hin als Schöpfung eines Gebildes ohne besondere Eigenart, stellte ihn in den Mittelpunkt der Welt und redete ihn so an:
Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und die Gaben, die du dir selber wünschest, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, den ich dir überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen. In die Mitte der Welt habe ich dich gestellt, damit du von da aus bequemer alles ringsum betrachten kannst, was es auf der Welt gibt. Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenen Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten hinein ins Tierische entarten, du kannst nach eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben hinein in das Göttliche.
(Quelle: Pico della Mirandola, De hominis dignitate, Über die Würde des Menschen, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9658, 1997, bibliographisch ergänzte Ausgabe 2009, S.7&9).

In den zurückliegenden Jahren habe ich Picos Bändchen so oft in der Hand gehabt, dass sich der schmale Buchblock in immer weitere Fraktionen diversifiziert hat, wobei sich zugleich die Anstreichungen und Notizen immer weiter verdichteten. Während sich so der materielle Rest-Wert meines Exemplars gegen Null bewegt, stieg sein ideeller Wert weit nach oben.

Das obige Stück Text empfinde ich zuerst einmal als wundervolle Poesie. Poesie nicht als Gegensatz zu Prosa, sondern als Wort für feine, kunstvoll gestaltete Literatur. Als philosophischen Text liest man ihn vielleicht am besten laut und auch mehr als einmal. Diese Handhabung bewährt sich immer wieder, um den Inhalt einer Passage im Detail zu erfassen. Wobei hier die Schwierigkeit vielleicht weniger beim Philosophischen als in der ungewohnten Sprache liegt. Aber egal. Gründlich lesen und nachdenken. Die nächste Regel zur Lektüre besagt, dass Kritik am Text sehr lange zurückzustellen ist – so lange, bin ich mir hinreichend sicher bin, den Text auch an mehrdeutigen Stellen im Sinne des Autors bestmöglich verstanden zu haben. Denken wir uns, dass wir beides erfolgreich absolviert haben, und sprechen wir nun über den Inhalt.

Pico und die Willensfreiheit
Ich sage es vorweg: Die Willensfreiheit ist nicht schuld daran, dass mich der Text so berührt. Klar, Picos Zeilen greifen mitten in einen Diskurs hinein, der die besten Geister schon vor Pico fesselte, während seiner Zeit und danach erst recht, und immer wieder bis heute. Wie frei ist der Mensch? Wieviel Spielraum, wieviel Freiheit wollte Gott ihm geben? Wie passt Freiheit zusammen mit göttlicher Allwissenheit und Vorbestimmung?

In der Gegenwart wurde die theologische durch eine naturwissenschaftliche Frage ersetzt: Was passiert denn in mir, wenn ich vermeintlich frei und unabhängig von "allem" zu denken anfange? Aber die Philosophie ist weiter dabei. Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt beispielsweise untersucht die Zusammenhänge zwischen Willensfreiheit, Handlungsfreiheit und dem Begriff der Person. Einzelheiten führen zu weit. Natürlich wurde die ursprüngliche, theologische Frage nicht ersetzt, sondern sie erscheint nur in einem anderen Licht: Wer regiert die biochemischen Mechanismen, an denen mein Denken hängt? Wie "versprochen" will ich den Aspekt der Willensfreiheit aus Picos Text nicht vertiefen. Die Frage der Willensfreiheit hat in meinem gelebten Alltag keine Bedeutung. Ich tue was ich kann, "fertig". Das, was jetzt kommt, berührt mich dagegen immer wieder.

Die Ambivalenz des Adam I
Keine bestimmte äußere Erscheinung (…) habe ich dir verliehen, Adam. Vielmehr habe ich es deinem Verstand anheimgestellt, dich zu behaupten.

Adam, nackt im Dschungel. Adam, bewaffnet mit Gewehr und Kettensäge.
Adam, nackt in der Wüste. Adam, bewaffnet mit Kleidung und Allrad.
Adam, nackt im Ozean. Adam, umgeben von Milliarden Tonnen Plastikmüll.
Stoff zum immer wieder neu Nachdenken.

Die Ambivalenz des Adam II
Du kannst nach unten hinein ins Tierische entarten, du kannst nach eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben hinein in das Göttliche.

Adam mit "A" wie Adolf Hitler.
Adam mit "A" wie Augustinus.

Es hätten auch andere Namen sein können. Die Botschaft ist klar: Es gibt gute und böse Menschen. Dazu allein müsste ich nicht Pico fragen.

Aber das springt ja auch zu kurz. Jonny Cash hat den Ambivalenz-Gedanken in seinen Song vom "Beast in me" auf den Punkt gebracht: Adams Ambivalenz steckt komplett in mir, steckt in jedem von uns. Wie gehe ich ganz persönlich mit dem bösen Tier in mir um? Manchmal kommt es zur Entscheidungsschlacht, manchmal zur friedlichen Koexistenz – wieder Stoff zum Nachdenken.

Die Ambivalenz des Adam III
Pico lässt offen, wo genau er die Person Adam (oder z.B. Christian Thieme) meint und wo die Gattung Mensch insgesamt. Ist das eine Schwäche im Text? Ich traue ihm genügend Raffinesse zu, dass er es exakt so haben wollte. Zu Picos Zeit und lange danach sah es so aus, als könne es bezogen auf die Gattung auf Dauer nichts anderes geben als jene Koexistenz von Gut und Böse. Heute ahnen wir, dass es zur Entscheidungsschlacht kommen könnte, und befürchten, wie sie ausgehen könnte. Als Person(en) wissen wir genau, was zu tun ist, um den schlimmen Ausgang zu vermeiden. Weiß es auch die Gattung?

Pico hat einem Gedanken, den man auch vorher denken konnte, eine besondere Kontur verliehen und ihn auf unnachahmliche Weise in Sprache umgesetzt. Die heutige Menschheits-Perspektive kannte er noch nicht, konnte sie nicht kennen.

Dinge, die schon gedacht wurden, neu zu denken, weil sie so, wie sie damals gedacht wurden, für uns vielleicht nicht mehr ganz passen: So beschrieb ich eingangs meine Triebfeder. Speziell zu Picos Text kann ich sagen: Ihn neu ins Licht stellen und seine Tiefe neu erkunden! Was also will Picos Text von mir: Mich packen, mich zum Nachdenken zwingen? – natürlich! Und dann zum Handeln. Zu tun haben wir genug, in der Welt und vor der eigenen Haustür.

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 07.01.2021

Dr. Christian Thieme

dünnes EisPerikles von Athen und das dünne Eis der Demokratie

Wir befinden uns im Jahr 430 v.Chr., und Perikles, der Chef der Athener, hält die Gedenkrede für die Gefallenen des letzten Jahres – eigentlich eine Routineübung. Doch Perikles wollte mehr als nur Routine: Statt das Blutopfer der gefallenen Athener mit weiter nichts als mit tagespolitischen Interessen zu rechtfertigen, stellte er, bevor er die herkömmlichen Erwartungen bediente, die Grundwerte heraus, die Athen vor allen anderen Staaten auszeichneten. Dass sein Text (in der von Thukydides überlieferten Fassung) bis heute als Magna Charta der Demokratie gefeiert werden würde, konnte er freilich nicht ahnen. Und dass er sich nach 2500 Jahren wie ein spitzer Pfahl ins Fleisch einer scheindemokratischen Selbstgefälligkeit bohren würde, noch weniger. Mit dem folgenden Ausschnitt habe ich, ich gebe es zu, etwas auf die Tagespolitik geschielt:

Von dem Geiste aber, der uns dahin gebracht, von Staatseinrichtungen und Grundsätzen, denen wir unsere Größe verdanken, davon will ich zuerst reden (…). Wir genießen eine Verfassung, welche die Gesetzgebung anderer Staaten nicht nachahmt; im Gegenteil sind wir eher anderen ein Beispiel, als dass wir sie nachahmten. Und mit Recht wird sie, da die Gewalt nicht bei wenigen sondern bei der Gesamtheit ruht, Volksherrschaft genannt. Jedem gebührt nach den Gesetzen gleiches Recht mit den anderen in allen seinen Angelegenheiten (…)

In dem Abschnitt, den ich hier überspringe, führt Perikles aus, was Chancengleichheit und Freiheit von Diskriminierung bedeuten, um dann fortzufahren:

Während wir dergestalt unbeschwert von Mensch zu Mensch verkehren, widerstreben uns im öffentlichen Leben zumeist aus sittlicher Ehrfurcht Unbotmäßigkeiten gegen die ständige Obrigkeit und die Gesetze, vorzugsweise gegen die, welche zum Schutz der Schwächeren und Notleidenden bestehen und, wenn auch ungeschrieben, doch nach allgemeiner Denkart den Übeltäter brandmarken.

Anmerkung: Antikes Denken lässt sich manchmal nicht ohne weiteres in moderne Sprache fassen. Für den griechischen Terminus "Demokratie" hat der Übersetzer im Deutschen aus gutem Grund das neutralere Wort "Volksherrschaft" gewählt. Auch bei anderen abstrakten Begriffen ist Fingerspitzengefühl nötig, um für die antiken Konzepte moderne Begriffe zu finden, die den Punkt treffen, ohne sich von unangemessenem Wunschdenken leiten zu lassen. Man braucht nur verschiedene Übersetzungen zu vergleichen, um eine Vorstellung vom Problem zu bekommen, wobei ich bei "Geist" und "Grundsätze" mit der Wahl des Übersetzers ganz einverstanden bin.

Ob Perikles als Person für die Werte stand, die er in seiner berühmten Rede predigte, ist unter Historikern umstritten. Denken wir uns für heute, dass er vielleicht der erste Demokrat in der ersten Demokratie war, wenn auch mit allen notwendigen Einschränkungen. Das tut unserer geschundenen Demokraten-Seele gut. Gerade heute, wo sie unter dem Eindruck steht, um nicht zu sagen gezeichnet ist von jenen vier schicksalhaften Jahren, die dieser Tage mit Donner und Getöse zu Ende gehen – oder auch nicht? Vor dieser Erfahrung habe ich die Rede anders gelesen und mich auf den Teil konzentriert, den ich jetzt übersprungen habe. Ich meine den Teil, wo Perikles die Vorzüge von Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit preist. So aber muss ich den Blick zuerst auf einen scheinbar zweitrangigen Aspekt der Rede richten, dessen heutige Bedeutung vor vier Jahren kaum einer auf dem Schirm hatte: Die ungeschriebenen Gesetze. Solange sie unangefochten galten, bemerkte man sie kaum. Perikles aber hat ihren Wert schon vor 2500 Jahren gesehen: Ein funktionierender demokratischer Staat entsteht erst dann, sagt er, wenn wir neben dem Wortlaut auch den Sinn der Gesetze im Blick behalten und akzeptieren, dass sich nicht jedes kleinste Detail in Paragraphen fassen lässt.

Nichts ist so zerbrechlich wie Demokratie
Wer folglich den eigenen Staat zerlegen will und frei von Schamgefühl ist, wird genau hier ansetzen und gezielt auf die ungeschriebenen Gesetze losgehen. Denn da ungeschriebene Gesetze nirgends geschrieben stehen, sind sie nicht justitiabel, und wer sie zertrümmert, erntet zwar Fassungslosigkeit, damals wie heute, aber abgesehen vom Verlust der Ehre hat er nichts zu befürchten. Für Perikles war das ein "No Go". Heute gelten, so scheint es, andere Regeln, nämlich gar keine mehr. Der dieser Tage jenseits von Recht und Anstand um den Verbleib im Amt kämpft, hat vom ersten Tag an ein Tabu nach dem anderen gebrochen, und tat dies bereits, bevor er sein Amt überhaupt angetreten hatte. Endlich in Amt und Würden setzte er diese Strategie systematisch fort, immer hemmungsloser, immer bedrohlicher, bis zum letzten Tag.

Immerhin haben vier Jahre nicht ausgereicht, das in Jahrhunderten gefestigte System zu kaputt zu kriegen. Nicht nur die wichtigsten geschriebenen Gesetze haben standgehalten, sondern vor allem auch ein Teil der ungeschriebenen. Jetzt fragt sich die Welt, ob der Angriff nachhaltig abgewehrt ist oder wir es nur mit einer Atempause zu tun haben. Wir? Na ja, von Europa aus ist nichts daran zu tun, aber die Auswirkungen erfassen alle Weltregionen, und Europa in besonderer Weise.

Wie kapert man einen Staat
Demokratische Strukturen sind global gesehen die Ausnahme – heute und früher, und das ist eigentlich paradox. Denn warum, wenn es doch keine bessere, oder zumindest keine mit weniger Nachteilen behaftete Staatsform gibt, streben nicht alle Staaten begeistert zu ihr hin? Attraktiv muss sie ja irgendwie sein, sonst würden sich nicht so viele Staaten direkt im Namen mit ihr schmücken. Auf deutschem Boden hatten wir das auch schon. Wobei eben gerade dort, wo außen "Demokratie" draufsteht, innen keine drin ist. Warum ist das alles so?

Die Antwort ist leicht zu finden, und aktuell genügt dazu mal wieder die Beobachtung der Tagesschau. Trotzdem lohnt sich ergänzend ein Blick ins Geschichtsbuch auf eine Entwicklung, deren Wiederholung soeben im letzten Moment vermieden wurde - hoffentlich. Sie beginnt bei Matteo Palmieri, einem florentinischen Humanisten des 15. Jahrhunderts. Er beschreibt den Juckepunkt der Demokratie aus einer optimistischen, heute muss man sagen naiven Perspektive:

Jeder gute Bürger, der in einem öffentlichen Amt steht und darin ein wichtiges Glied des Staates verkörpert, soll sich vor allem anderen darüber im Klaren sein, dass er dort nicht als privates Individuum steht, sondern die Gesamtheit der Stadt verkörpert, also die personifizierte Republik darstellt. Er soll sich darüber im Klaren sein, dass ihm die staatliche Würde anvertraut und das öffentliche Wohlergehen seiner Redlichkeit anheimgestellt ist; Er soll sich den göttlichen Beistand wünschen und Gott demütig um Gnade bitten.

In seinem späteren Leben musste Palmieri erkennen, wie gnadenlos optimistisch seine damalige Beschreibung gewesen war. Als er 1475 starb, hatte Lorenzo de’Medici die einst freie Republik Florenz, für die Palmieri als quasi Demokrat brannte, bereits unumkehrbar auf Talfahrt geschickt. Wobei die einzelnen Schritte dorthin kaum bemerkt wurden, so subtil waren sie. Der Zeitpunkt, ab dem die Demontage nicht mehr umkehrbar war, lässt sich daher kaum dingfest machen, weder in der Retrospektive noch von den damaligen Zeitzeugen. Der Trick war denkbar simpel: Die Übergänge von einem Schritt zum nächsten waren jeweils so gering, dass keiner ausgereicht hätte, eine "revolutionäre Situation" auszulösen. Und heute? In aller Zurückhaltung möchte ich sagen: Schaut Euch um, nicht nur jenseits, sondern auch diesseits des Teichs.

Nach Palmieris Tod kam es doch noch zur Revolte. Allerdings nicht von wirklichen Patrioten, sondern von Großbürgern, die Lorenzo die "Erträge" seiner Diktatur neideten und es leid waren, anstelle einer Teilhabe an den Einnahmen mit immer neuen Steuern überzogen zu werden: Wenn schon Staat als Selbstbedienungsladen der Reichen, so ihr Kalkül, dann doch bitte auch für uns und nicht nur für Lorenzo! Die Revolte scheiterte, und die Anführer mussten hängen. Und wie, wie scheiterte sie? Ganz einfach: Lorenzo hatte sich mit der allerärmsten Schicht verbündet. Die hatten zwar wenig von seiner Diktatur profitiert, aber gefühlt waren sie begeistert: Viva Lorenzo, der uns unser Brot gibt! skandierten sie und stellten sich schützend vor seinen Palazzo. Ganz oben im Schulterschluss mit ganz unten – fallen Ihnen Parallelen ein? Sicherlich denken Sie jetzt spontan an die Gracchen um 200 v.Chr.? Na ja, Scherz beiseite – vielleicht gibt es ja auch näherliegende Beispiele.

Geschichte wiederholt sich nicht "eins-zu-eins". Trotzdem wurde damals in Florenz ein Drehbuch inszeniert, das wir heute zumindest in Bruchstücken wieder beobachten können. Soll ich, statt von Bruchstücken zu sprechen, sagen, es sei der erste Akt?

Nichts ist so launisch wie ein Staatsvolk?
Die aktuellen Entwicklungen sollten uns eines vor Augen geführt haben: Aller Konsens, auf dem unsere Demokratien fußen, ist entweder ungeschrieben, das hatten wir gerade, oder festgehalten auf Papier. Auf nichts als Papier. Papier jedoch kann nicht schießen. Und Stiefel, wenn sie erst anfangen, über das Papier zu trampeln, lesen nicht. Der Sturm auf das Kapitol bleibt hoffentlich für lange ein Einzelfall.

Der Bestand der Demokratie hängt davon ab, dass das Staatsvolk sie (noch) haben will und zu ihr steht. Die Warnungen, dass Corona die Demokratie gefährden kann, indem die Pandemie die soziale Schere noch weiter öffnet, sind begründet. Nehmen wir sie ernst genug? Handeln wir entsprechend – individuell und in der Sozialpolitik?

Sozialpolitik ist wichtig, aber hier nicht mein Thema. Auf der individuellen Ebene geht es um Zivilcourage. Sich bei jeder Gelegenheit zu diesem Staat bekennen. Zeigen, dass Demokratie und Freiheit Herzensangelegenheiten sind, oder wieder werden sollen! Demokratie will vorgelebt werden, gerade denen gegenüber, die sich von ihr abwenden. Zwar muss niemand die Meinung eines andern übernehmen. Aber die demokratischen Grundüberzeugungen müssen alle teilen. Das ist die Plattform, auf der wir unsere Gegensätze austragen.

Zwischen Sozialpolitik und persönlichem Engagement stehen die Kirchen. Wie lange schon bestimmt die Forderung nach Trennung von Kirche und Staat die Agenden. Und es stimmt ja auch. Kirchen sollten sich nicht darauf verlassen, den staatlichen Machtapparat vor den Karren eigener Zwecke zu spannen. Angesichts der tatsächlichen Herausforderungen, denen wir begegnen müssen, ist das Thema nebensächlich geworden. Haben wir aber, wenn wir über Kirche und Staat sprechen, auch die Rückseite der Medaille im Blick? Oder ist es sogar die Vorderseite? Ist uns hinreichend bewusst, dass gerade die Kirchen über unzählige Projekte Kontakt zu jenen Teilen des Staatsvolks haben, und ich wähle diesen Ausdruck ganz bewusst, er soll zum Stolpern anregen --- nochmal von vorne: Gerade die Kirchen haben Kontakt zu vielen Menschen, denen die persönliche Notlage den Blick auf die staatspolitischen Fragen verstellt hat. Nicht nur "die da oben" müssen Demokraten bleiben, sondern auch wir, das Staatsvolk.

Post Scriptum: Für die Idee, die Entwicklung der letzten Wochen und Monate in den Kontext unserer 2500-jährigen Geschichte zu stellen, wollte ich mir etwas mehr Zeit nehmen. So traf es sich, dass ich die letzten Ergänzungen und vor allem Kürzungen just an dem Abend vornahm, als der entfesselte Mob in Washington DC das Kapitol stürmen wollte. Ungeachtet dieser Dramatik und der Risiken der letzten 13 Tage werde ich die Kolumne an diesem Punkt enden lassen.

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 01.01.2021

Dr. Christian Thieme

Glück und Erfolg im Neuen Jahr!

Nachdem Solon, der Weise, seinen Athenern um 600 v. Chr. jene Gesetze, von denen wir bis heute zehren, verordnet und ihnen den heiligen Eidschwur abgenommen hatte, sie zehn Jahre lang nicht anzutasten, ging er für eben diese zehn Jahre ---- auf Dienstreise. Auf seiner langen Reise führte ihn der Weg auch zu Kroisos, dem wahrscheinlich reichsten Herrscher der damaligen Welt. Der Name Krösus ist ja bis heute der Inbegriff von maßlosem, vielleicht auch sinnlosem Reichtum. Was am Hof jenes Kroisos geschah, erzählt uns Herodot, der Geschichtsschreiber. Nach einigen Tagen nämlich, man hatte ja Zeit und war nicht aufdringlich, nahm der reiche Potentat den weisen Staatsmann mit in seine Schatzkammer, um ihm das Beste zu zeigen, was er angehäuft hatte: Seine weltweit einzigartige Sammlung von Modelleisenbahnen.

ModelleisenbahnenIn echt ging es natürlich nicht um Modelleisenbahnen. Kroisos hat sich für das interessiert, woran alle ordentlichen Potentaten bis heute hängen, wofür sie brennen: Reichtum und Macht. Und Reichtum konnte man damals noch besichtigen, weil er nicht wie heute aus Nummern in den Briefkästen irgendwelcher Steueroasen bestand. Also Schatzkammer.

Als nun Solon alle Schätze bewundert hatte, höflich und pflichtschuldigst, fragte Kroisos ihn, wen er, Solon, denn nun für den glücklichsten Menschen auf Erden halte. Da nannte ihm Solon seinen Favoriten und begründete seine Wahl. Natürlich fiel die Wahl nicht auf Kroisos. Bei Platz zwei das gleiche Spiel, und durch Nachfragen fing der Herrscher allmählich an zu begreifen. Eigentlich begriffen hat er aber nicht Solons Botschaft, sondern lediglich die Größe der Provokation – überrissen hat er sie, könnte man eher sagen. Die Konsequenz war klar: Nach dem dritten und letzten Versuch wurde Solon vom Hof gejagt.

Zwei Gründe hatte Solon ihm genannt. Der erste war etwas spitzfindig, nämlich dass man erst am Ende eines Lebens beurteilen könne, ob der betreffende Mensch glücklich war. Würde ich das teilen? Angesichts der Vergänglichkeit und der damals wie heute und immer drohenden Katastrophen darf sich Glück, so meine ich, im Jetzt bewegen, unbeschwert von allem, was kommen könnte, solange es sich mit Ethik und Verantwortung verbindet, nicht mit Leichtfertigkeit. Dies würde ich Solon zu seinem ersten Punkt zu bedenken geben.

Mit dem zweiten Grund immerhin hat er zu hundert Prozent Recht, und dafür hatte ich die Modelleisenbahn als Merkposten gesetzt. Denn wer auf der Welt wollte sich denn ernsthaft die Freiheit herausnehmen, für einen anderen Menschen zu bestimmen, was diesen glücklich macht, ihn also buchstäblich zu seinem Glück zwingen? Hat Kroisos das getan? Nein, aber er hat stillschweigend unterstellt, dass seine persönliche Vorstellung von Glück, nämlich Reichtum, auch die von allen anderen Menschen sein müsse. Denn ohne eine einheitliche Skala, mit der man das Glück aller Menschen messen könnte, wäre seine Frage, wer der glücklichste Mensch sei, sinnlos. Die Provokation bestand darin, dass Solon überhaupt einen Gegenentwurf hatte. Weil das bedeutet: Reichtum ist nicht die einzig mögliche Skala.

Von diesem Ende her aufgerollt sieht die Geschichte, wie ich sie bisher erzählt habe, schlüssig aus. "Wo ist denn das Problem", könnte man denken, "es ist doch klar, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Vorstellungen haben, was für sie Glück bedeutet!"

Wann ist der Mensch glücklich?

Das ist aber nur die eine Seite. Gleichzeitig bemühte sich die Philosophie damals und immer danach um Modelle für "das Glück des Menschen". Als ich vor langer Zeit von ganz weit außen anfing, mich für Philosophie zu interessieren, war Ludwig Marcuse mein erster schriftlicher Lehrmeister. Von ihm fand ich u.a. das Buch "Philosophie des Glücks" und besorgte es mir, in der festen Erwartung, dass dort umfassend erklärt würde, wie das denn nun alles so sei mit dem Glück. Was ich bekam, war eine Sammlung von Geschichten und ein einführender Text dazu. Obwohl ich befremdet war, habe ich es gelesen. Die Quintessenz, an die sich die Leser*in durch die Lektüre der unterschiedlichen Geschichten langsam heranarbeiten musste, war denkbar simpel: Jeder Mensch verfolgt sein individuelles Glückskonzept. Warum also ein ganzes Buch für etwas, das sich in einem Satz aus 6 Wörtern sagen lässt?

Mich begeistert immer wieder neu die Stärke, mit der Ludwig II seine sehr individuelle Vorstellung von Glück verfolgt hat. In keiner Weise begeistert mich der Weg, wie er seine Mittel dazu aufgebracht hat, denn bezahlen dafür musste sein Staatsvolk. Aus diesem Grund möglicherweise musste er ja auch sterben. Nein, mich begeistert nicht die Art und Weise, wie der König sich die Grundlage seiner Freiheit verschafft hat, sondern das Selbstbewusstsein, mit der er sie nutzte. Vielleicht ist es für einen König leichter, selbstbewusst zu sein, als für unsereinen. Mag sein. Vielleicht ist es auch nicht gut, die Aufbringung der Mittel so weit von deren Nutzung abzukoppeln, dass ich ersteres missbillige und letzteres mir zum Vorbild nehme. Trotzdem irgendwie… Ein erwachsener König wünscht sich ein "Tischlein, deck dich!", einen Tisch, der wie im Märchen plötzlich gedeckt vor ihm steht. Und er bekommt es. Unfassbar, und irgendwie unfassbar schön. Hätte es schon Modelleisenbahnen gegeben – Ludwig hätte, anders als Kroisos, seine Freude daran gehabt.

An dieser Stelle meldet sich der kleine Unterdrücker, der in jedem von uns steckt. Wie kann ein ernsthafter König nur!? Dabei ist doch klar: Weder Ludwig II noch einer der Oligarchen, deren Yachten weltweit die attraktivsten Häfen fluten, ist gezwungen, den ganzen Tag ernsthafter Arbeit nachzugehen. Und wenn er sein Glück dann in Golf und Yachten sucht (und findet????), dann finden wir das irgendwie normal. Würde er alle seine Tage in einem Museum für Teddybären verbringen, na? – wäre doch seltsam, oder?

Unsereins hat weniger Mittel, aber nicht weniger Freiheit (und verbunden mit ihr nicht weniger Verantwortung!), natürlich auf der – im Vergleich zum König bescheidenen – Ebene, auf der jede*r von uns lebt, träumt und handelt. Und damit bin ich wieder bei Ludwig Marcuse und seiner "Philosophie des Glücks". Die extreme Spannweite seiner Geschichten demonstriert tausendmal plastischer als der vorherige Satz aus 6 Wörtern ("Jeder Mensch verfolgt sein individuelles Glückskonzept"), worauf es ankommt. Deshalb füttert Marcuse nicht den analytischen Verstand, der die sechs Wörter tatenlos zur Kenntnis nehmen und weiter vor sich hin analysieren würde, sondern er appelliert an uns: Trau dich, tu was, scher dich zwar um deine Lieben und um alle, für die du Verantwortung übernommen hast, aber scher dich nicht um das Gerede der anderen. Dein Glück gehört dir!

Mein eigenes Glück finden!

Im Alltag hören und reden wir häufiger vom Erfolg als vom Glück. Klar, in Finnland (oder war es Dänemark?), leben die glücklichsten Menschen. Das Internet ist überhaupt voll von "glücklichsten" Menschen und Völkern, und glücklich ist der der Gewinner im Lotto. Klar lebe ich in der Südsee glücklicher als in einem Kohlebergwerk, überspitzt gesagt. Mit diesem Kontrastpaar verletze ich garantiert niemanden und Sie verstehen, was ich meine. Solche Faktoren können in jeder Glücksstudie zweifelsfrei abgefragt werden. Aber nicht alle Kriterien sind so unzweifelhaft. Nicht hinter jedem würden sich alle Menschen zustimmend versammeln. Deshalb immer im Auge behalten: Jedes statistische Glück ist ein Stück weit ein normiertes, ein an durchschnittlichen Empfindungen gemessenes, und damit ein "repressives" Glück, nämlich Glück, das sich nicht nach meiner eigenen Skala richtet, sondern zu dem die Statistik mich verführen will. Mein eigenes Glück finde und suche ich selbst!

"Finde und suche?" Findet man nicht vielmehr das, was man vorher gesucht hat und nicht umgekehrt? Natürlich ist das so. Aber das erste Finden ereignet sich im Kopf. Das ist hier gemeint und dazu will Ludwig Marcuse ermutigen. Im Kopf das Ziel finden, nach dem ich anschließend im Leben suche – und das sich dort dann hoffentlich erfüllt.

Wir hätten das ganze Thema ebenso gut mit dem Kriterium "Erfolg" besprechen können, denn die Fragen sind fast deckungsgleich. Aber zum Erfolg gibt es weniger gute Geschichten, und die, die es gibt, gehören meistens in die Rubrik Business. Für große Unternehmerpersönlichkeiten bedeutet der Erfolg des eigenen Unternehmens vielleicht tatsächlich die Erfüllung ihres Lebenstraums. Aber gilt das auch für jedes schlaflose Mitglied des mittleren oder oberen Managements, das vom Umfeld für seinen "Erfolg" bewundert und vielleicht beneidet wird? Und von dieser Bewunderung immer weiter vorangetrieben wird? Verfolgt jeder dieser Manager wirklich noch SEIN Ziel?

Lassen Sie sich nicht irre machen. Wenn maximales berufliches Fortkommen für Sie Erfolg bedeutet, weil es das Ziel ist, nach dem Sie streben, und damit Glück, wenn sie es erreichen, dann sage ich: GO FOR IT! Hold on, bleiben Sie dran! Freuen Sie sich über das Erreichte, oder besser: an dem Erreichten. Der nächste erfolgreiche Schritt bedeutet für Sie ja dann nicht eine weitere Kerbe im Colt, sondern dient der Gestaltung ihres Lebens.

Und wenn das Ziel, nach dem Sie streben, und damit ihr Glück, wenn sie es erreichen, ein ganz anderes ist, was vielleicht außer Ihnen kein einziger Mensch auf der ganzen Welt verstehen kann, denn sage ich: GO FOR IT! Hold on, bleiben Sie dran! Freuen Sie sich über das Erreichte, oder besser: an dem Erreichten. Auch wenn niemand versteht, wie glücklich Sie sind. Was schert es Sie!

Mit so viel Vorrede ist mein Wunsch für Sie ganz einfach: Glück und Erfolg in 2021!

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 03.12.2020

Dr. Christian Thieme

Advent zu Hause

Wenn du verreisen willst, sagt der römische Philosoph Seneca, egal wohin, egal wie weit, sogar über das weite Meer, dann bedenke: Es gibt eine Sache, von der du niemals loskommst. Du hast dich nämlich immer selbst dabei. Über das weite Meer! Die Maßstäbe haben sich seit Seneca verändert, aber die Sache selbst ist geblieben. Wer weg will, um etwas hinter sich zu lassen, sei es Weihnachten oder gleich sein ganzes "ich", wird vermutlich keinen großen Erfolg haben. Jedenfalls keinen nachhaltigen. Das nächste Weihnachten kommt bald, und Sorgen und Probleme lassen sich in der Regel nicht so leicht abschütteln. Spätestens auf dem Rückflug sind sie alle wieder da. Aber vielleicht ist ja eine kurze Atempause manchmal auch schon etwas.

Weihnachten in SüditalienBei "meinem" ligurischen Dorf ist das anders. Dort will ich hin, um dort zu sein. Nicht um weg zu sein oder vor etwas zu fliehen. Normalerweise wären wir gerade jetzt, Anfang Dezember, für eine kurze Zeit dort. Zu schön sind die weihnachtlich dekorierten Palmen, jeder Wedel ein Fächer aus hundert Lichtern, hoch oben am Stamm. Und die Raubkatze, geformt aus noch mehr Lichtern, wie sie am Baum hochspringt, ohne je die Beute zu erreichen, die sich vielleicht oben in den Wedeln versteckt hält. Über Geschmack kann man streiten, aber in diesem Fall bin ich gar nicht zum Streiten aufgelegt – ich finde es einfach schön. Wobei die Palmen an der Küste, um der Wahrheit die Ehre zu geben, seit etlichen Jahren schon dunkel bleiben. Keine weihnachtlichen Lichter mehr, keine Raubkatze, und auch der Santa Claus, geformt aus noch mehr Lichtern, der mit seinen Rentieren jedes Jahr auf der Verkehrsinsel Rast hielt, umgeben von einem stetigen Strom zwei-, drei- und vierrädriger Stinker, muss sich wohl ein anderes Plätzchen suchen, wo er sich vom Flug erholen kann, bevor er anfängt, die Konsumgüter auszuliefern. Das Geld ist alle in Italien, egal, aus welcher Kasse die tausend Lichter einst gespeist wurden. Leer sind sie alle. Was bisher blieb, war die von Jahr zu Jahr schwindende Hoffnung, dass Santa Claus samt Raubkatze und strahlenden Palmen eines Tages plötzlich zurück sein könnte. Nun also statt der schwindenden Hoffnung die Pandemie.

Aber ernsthaft. Santa Claus aus Lichtern ist natürlich kein hinreichender Grund, an die Ligurische Küste zu wollen. Das kleine Dorf ein Stück oberhalb aber schon, und das ganzjährig. Ich tue dort Dinge, die ich daheim auch mache, aber anders. Schreiben zum Beispiel. Geschichten schreiben über Dinge, die ich dort beobachte. Und über Menschen. Genauer: Darüber, was das alles mit mir macht. Was es zum Beispiel macht, wenn ich plötzlich nicht der bin, der Integration gewährt (oder ablehnt?), sondern einer, der sie sucht, und sei es auch nur auf Probe, ohne die letztverbindliche Notwendigkeit. Eine dieser Geschichten erzähle ich hier. Sie spricht eigentlich für sich, aber trotzdem werde ich danach noch ein paar Sätze anhängen.

Messe im Bergdorf

Es spielt keine Rolle, wie schlecht ihr Zustand ist. Einmal im Jahr wird in der Kapelle von Bellezza* (in Wirklichkeit heißen die Dörfer anders, aber ein wenig Verfremdung bin ich den Menschen wohl schuldig, wenn ich so einfach von ihnen erzähle) die heilige Messe gefeiert. Was sich in den Stunden davor abspielt, beschreibt man am besten durch den Vergleich mit Weihnachten. So kahl und schmucklos der Christbaum vor der Bescherung noch dasteht, erstrahlt er vor den Kinderaugen doch himmelsgleich, wenn das Christkind erst da gewesen ist. Und ein wenig auch in den Augen der Erwachsenen, die ihn vorher Stück für Stück und eigenhändig herausgeputzt hatten und es eigentlich besser wissen: Es war nicht das Christkind. Egal.

Kahl und schmucklos wirkt auch die kleine Kirche, bevor der Trupp zur Verschönerung anrückt. Sie besitzt kaum noch eigenes Innenleben: Die Fresken sind übertüncht oder abgebröckelt, ebenso der Altar, und das Altargemälde wurde sicherheitshalber ausgelagert. Viel Schönheit erkennt man da nicht mehr. Vier Stunden später sieht man etwas anderes.

Der "Trupp", das ist ein Bauer aus dem Nachbardorf, derselbe, der später auch aus der Bibel lesen wird, mit kariertem Hemd, groben Schuhen und einem feinen, freundlichen Wesen. Alles von Gewicht (nicht in Kilogramm, sondern auch im übertragenen Sinn) erledigt er. Da ich gerade zugegen bin, habe ich die Ehre, ihm zu helfen, und das mit der Ehre ist keine Ironie. Vervollständigt wird der Trupp von zwei alten Frauen, die die Blumen und den Rest besorgen.

Da erst fällt es mir auf. In der Kapelle steht ein Schrank, der normalerweise verschlossen ist, und der die reinsten Wunder birgt. Uralte, hölzerne Kerzenständer, größere und kleinere. Die Fassungen sind so hinfällig, dass man neue Kerzen kaum noch befestigen kann, doch wen stört‘s. Am Ende stehen sie an ihrem Platz und halten eine Messe lang durch. Wie viele von den Leuchtern soll man nehmen, die größeren oder lieber die kleinen, alles wird so genau überlegt, als wäre es die erste Messe, die je mit diesen Utensilien vorbereitet wurde. Dabei kommt das Beste erst noch.

Der nächstgelegene Punkt, den man mit dem Traktor erreichen kann, liegt 200 m hinter der Kapelle. Von dort an muss jedes Stück getragen werden: Stühle, Bänke und Tische. Nicht alles wird getragen: Im Schubkarren darf fahren, was der Pfarrer für die Messe braucht. Welche Fuhre: das Messgewand, die sakralen Utensilien, die weißen Tücher und die große Bibel gemeinsam in einem profanen Schubkarren.

Die Stühle werden in der Kapelle gebraucht, für die mehrheitlich älteren und hochbetagten Besucherinnen. Die zugehörigen Männer, soweit noch am Leben, halten sich draußen auf. Die Tische und Bänke sind ohnehin für draußen bestimmt, für das Fest. Später werden die Gäste ihre Mitbringsel auspacken: Kuchen, Salate, Pizza, Bruschetta, dazu Wein, roten und weißen, auch Wasser und Säfte. Für alles, was Küche und Keller zu solchen Anlässen bereithalten, wird gesorgt sein, später, denn noch ist es nicht so weit.

Die weißen Tücher bedecken inzwischen den Altar mit all seinen schadhaften Stellen, auch die Blumen und Kerzen stehen an ihrem Platz, der Weihnachtsbaum-Effekt kann beginnen. Und jetzt tritt er auf, der Pfarrer, in voller purpurner Pracht, mitten im Grünen, in dieser winzigen Kapelle. Für praktizierende Katholiken mag der Anblick vertraut sein, in der Stadt wenigstens. So wie hier, zwischen den Oliven und fern von allen Fahrstraßen, erleben auch sie das vielleicht nicht alle Tage, stelle ich mir vor. Die Predigt passt sich in Tempo, Lautstärke und Anspruchsniveau dem Vermögen der Anwesenden an, zum Glück für mich Ausländer. So kann ich der Geschichte folgen.

Über das anschließende Fest ist fast schon alles gesagt. Überflüssig zu ergänzen, dass es ein gutes Fest wird. Gut auch für uns, die wir so selbstverständlich mitfeiern und nach Kräften mitreden dürfen, als würden wir ganzjährig dazugehören – wobei am ligurischen Dialekt jedes Bemühen zerschellt, und zwar, wie ich fürchte, für immer. Aber das wissen unsere Freunde, und lassen uns nicht im Regen stehen – ein Stück Integration. Manche Unterhaltung ist sich selbst genug, manch andere berührt mich tiefer, wie zum Beispiel diese hier: …und, ach ja: ich war von 1963 bis … in Deutschland. Ja, in Erne ist es gewesen (das "H" muss man sich dazu denken), ja, es war gut. (War es wirklich gut, mein lieber Alter? Wie werden sie dich behandelt haben dort, dich Gastarbeiter?) Nein, sagt er, es war gut. Rückblick auf ein halbes Leben, Zeitraffer. Er wohnt seit seiner Rückkehr in Bonissimo, das von Bellezza einst zehn oder fünfzehn Gehminuten entfernt war. Für ihn sind es heute dreißig und noch mehr geworden, die von Jahr zu Jahr beschwerlicher werden.

Nach dem Fest wandern alle Utensilien auf demselben Weg zurück bis zum Traktor. Die Bibel, die Tücher und die Gewänder dürfen wieder im Schubkarren fahren. Der Pfarrer ist schon weg, nur sein ein-Mann-Trupp wird noch eine Weile beschäftigt sein, um alles heil hinunter zu bringen und aufzuräumen. Morgen früh steht er wieder in den Oliven.

Leben unter Freunden

Wenn ich wollte, könnte ich die Geschichte verlängern. Ich könnte schildern, wie sich der Pfarrer bei einem dieser Feste den Schubkarren geschnappt und in seiner langen, schwarzen Soutane die quiekende und johlende Kinderschar reihum durch die feiernde Gesellschaft kutschiert hat. Oder wie ich ihn einmal vor seiner Kirche kniend auf dem edlen Marmorboden fand, ganz so, als wollte er justament dort meditieren. Mitnichten wollte er das. Eine kleine Schaufel hatte er in der Hand, mit der er, tief hineingebeugt, das offenbar verstopfte Gully ausgeräumt hat. Oder, oder, oder … – ich tue es nicht. Vielleicht ein andermal.

Hier in "meinem" Dorf versuche ich, wenn ich da bin, so gut es geht am Leben derer teilzunehmen, die dort zuhause sind – viele sind das ja nicht (mehr). Dabei ist es nicht so, als wollte ich mich hineindrängen. Wie genau es ist – der Versuch, es zu beschreiben, macht es nur kompliziert. Jedenfalls spielt dabei "unsere" kleine Kapelle für die Brüder Cosma und Damiano, zwei Ärzte aus Syrien, an deren Gedenktag auch die Messe stattfindet, eine wichtige Rolle. Mein Freund Franco verwaltet den gewaltigen Schlüssel, alte Schmiedearbeit, und der Weg in die Kapelle, die fast ganzjährig verschlossen ist, führt über ihn. Katholisch zu sein ist für ihn auf eine unspektakuläre Weise Teil des Lebens. Fast würde ich behaupten, Teil des Alltags, auch wenn man meist nichts davon sieht. Wie sollte man auch. An der Kapelle sieht man es dann doch. Sie ist ihm zugleich geliebtes Baudenkmal und ein katholisch-sakraler Ort. Wenn ich dort bin, versuche auch ich, mich ihr auf diesen beiden Ebenen zu nähern. Vielleicht beschreibt das irgendwie, was ich mit "teilnehmen" sagen wollte.

Dezember, im Corona-Jahr 2020. Wir werden das Dorf vermissen, wie schon das ganze Jahr über, und in ihm vor allem die Menschen, die dort so an uns in Starnberg denken wie wir hier an sie in Bellezza. Und das ist dann schon fast wieder tröstlich, nicht nur im Advent.

Von Dr. Christian Thieme


Thiemes Zettel vom 26.11.2020

Dr. Christian Thieme

Vorurteile

Ein alter Mann spielt Schach im Park. Unbesiegt seit Jahr und Tag steht er und wartet auf Gegner. Er gewinnt, aber er ist kein Sieger. Jeder im Park kennt ihn, aber ein Freund ist nicht dabei. Heute nun wird er seinen Meister finden, endlich, sagen die Leute. Der da kommt, ist zielstrebig, locker, lässig gekleidet, einfach durch und durch überlegen.Alter Mann spielt Schach im Park Das sieht man schon von weitem. An dem wird er scheitern, der zerknitterte Alte. Und da steht er auch schon. Sie wechseln einen kurzen Blick, der Sieger und der Alte, und schon wird wortlos aufgebaut. Es ist, als ginge ein stummes Raunen durch den Park. Die Zahl der Umstehenden wächst. Das Drama beginnt.

Mit welcher Leichtigkeit der Fremde seine Figuren zieht, unfassbar. Eben ein Sieger, endlich. Der Alte hört die stumme Begeisterung, die nicht ihm gilt, so wie sie nie ihm gegolten hat. Er fühlt die Einsamkeit, die ihn und sein Spiel umgibt, und spielt bedächtig, wie stets, Zug für Zug. Der Sieger verliert eine Figur um die andere – und mit jedem Verlust rast die stumme Menge lauter. Welche Überlegenheit. Wie zielstrebig er vorgeht! So viel Risiko nimmt er in Kauf, wahrlich ein ganz Großer.

Wahn und Wirklichkeit: Immer weiter öffnet sich die Schere. Erst im allerletzten Moment lässt Patrick Süskind sie zuschnappen und alles zerschneiden, was vorher war. Der vermeintliche Sieger kickt seinen König locker um und verlässt den Schauplatz so strahlend, wie er ihn betreten hatte. Der Alte wird nie mehr Schach spielen, und zurück bleibt eine düpierte Menge. Ein Kampf heißt diese wunderbare Geschichte.

Zum Glück passiert mir sowas nie. Zum Glück falle ich nie auf Leute rein, denn zum Glück erkenne ich Stärken und Schwächen auf den ersten Blick – und handle danach. Von Äußerlichkeiten lasse ich mich weder blenden noch abschrecken. Würden Sie mir das glauben? – Ich mir selber auch nicht, obwohl ich es so gerne so hätte.

Menschenkenntnis und Vorurteil hängen zusammen wie die zum Beten gefalteten Hände. Versuche, sie mit dem Messer zu trennen, und du bekommst ein Blutbad, egal, wo und wie du den Schnitt ansetzt. Wobei es manchmal nur darum geht, auf welchen freien Platz in der S-Bahn ich mich setze, und ein andermal hängt von meinem (Vor?)Urteil so viel ab. Manchmal habe ich effektiv nur diesen einen Augenblick, und ein andermal gibt (oder gäbe) es zusätzliche Informationen. Urteile von Dritten, wie z.B. Zeugnisse oder Gerede, Personalakten, Bewerbungsmappen usw. Soll ich ihnen vertrauen? Oder lieber meinem eigenen Urteil? Schwierig.

Wahlunterricht Italienisch, gut 50 Jahre ist das her. Ich war in dieser Zeit kein netter Schüler, das muss ich unumwunden zugeben. Aber Italienisch wollte ich wirklich lernen. Dann kam ein Diktat, und es ging um die Blumen in meinem Garten. Rosa heißt Rose, und tulipano ist das Wort für Tulpe. Und was würden Sie sagen, wenn Sie die Lösung nicht kennen, was bedeutet virgola? In meinem Diktat war es eine Blume, die immer zwischen zwei anderen stand, zwar etwas komisch, aber was sonst sollte es denn sein?! Virgola heißt Komma.

So weit, so gut. Das dicke Ende kommt jetzt: Für sowas bist du ja bekannt, hörte ich die junge Lehrerin sagen. So lernte ich indirekt meine Schülerakte kennen. Wie gesagt, ich war nicht immer nett als Schüler. Und doch fühlte ich mich hier getroffen. Ich wollte doch wirklich nur Italienisch lernen und nicht blödeln. Hätte sie die Akte vorher nicht gelesen, hätte sie wohl gelacht. Wieder schwierig.

Zweimal in meinem Berufsleben habe ich mich bei einer Einstellung über mein "Bauchgefühl" hinweggesetzt. Es wäre doch schlimm, wenn es mir als Vorgesetztem nicht gelingen sollte, zu dieser Person trotz meines Vorurteils ein positives Verhältnis aufzubauen! Beide Male ist das gründlich schiefgegangen. Wieder schwierig.

Vorurteil bedeutet, nicht alle Information zu nutzen, die man hätte oder bekommen könnte. Wobei, das muss man sehen, jedes Urteil, wirklich jedes, auf einer mehr oder weniger lückenhaften Information besteht. Auch wenn wir das so und so oft nicht wahrnehmen, weil wir den Teil der Information, den wir sehen können, als hundert Prozent wahrnehmen und den fehlenden Rest ausblenden. Dabei ist es egal, ob ich eine Tüte "Bio-Milch" kaufe oder einen anderen Menschen beurteile. Allerdings sprechen wir nur dann von einem Vorurteil, wenn wir es mit Kritik verbinden. Im anderen Fall finden wir andere Vokabeln dafür, wie etwa Erwartung, Sorge, Erfahrung, Eindruck, Wissen, Ablehnung, Vertrauen, Meinung, Wissenschaft, Pragmatismus u.a. Was natürlich nicht heißen soll, dass beispielsweise Wissenschaft und Vorurteil gleichzusetzen wären.

Ich meine das übrigens keineswegs defätistisch. Bert Brecht lässt seinen Herrn Keuner auf die Frage nach dessen aktueller Beschäftigung antworten: Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor. Wenn ich die Fehlbarkeit meines (Vor)Urteils jederzeit in Rechnung stelle und bessere Einsicht nicht als Niederlage erlebe, habe ich viel gewonnen. Dann darf ich auch weiterhin und ungeprüft an dem Grundsatz festhalten, dass ich zu wenig wohlhabend bin, um Billigprodukte zu kaufen, wohl wissend, dass vereinzelt der Testsieger auch mal vom Discounter stammt.

So viel zum Umgang mit meinen eigenen Urteilen und Vorurteilen.

Apropos bessere Einsicht: Im politischen Diskurs, falls man ihn manchmal noch so nennen möchte, erleben wir immer öfter die Heiligsprechung der Meinung. Es scheint, als stünde Meinung für manche Menschen über der banalen Wahrnehmung, erst recht über komplexeren wissenschaftlichen oder empirischen Zusammenhängen, auch über den Gesetzen der Logik und vielleicht auch über der subjektiven Wahrheit. Gut, dass ich das vielleicht noch eingefügt habe! Hätte ich es nicht, --- Vorurteil. Warum soll ich meinem Gegenüber, nur weil ich seine Ansichten idiotisch finde, unterstellen, dass er sich selbst belügt?

Schauen wir uns um auf der Welt. Wir sehen zunehmende Polarisierung, nicht nur in USA. Wir sehen die Entfremdung vieler von den Werten und Institutionen unserer Gesellschaft. Wir erleben die zunehmende Schwierigkeit, mit Menschen, die sich in ihrer Vorurteils- und Wohlfühlblase verschanzt haben und aus ihr heraus nach allem, was sich rührt, mit Meinung werfen, einen angemessenen Dialog zu führen.

Die meisten von uns sind keine Sozialarbeiter. Aber kaum einer kann von sich sagen, er oder sie hätte niemals Begegnungen, die zu dieser Beschreibung passen. Was tun wir dann? Mischen wir uns ein, beziehen wir Stellung, wenn sich die Situation bietet? Finden wir den angemessenen Ton? Geht es uns, wenn wir agieren, um die betreffende Person selbst oder/und ggf. auch um Umstehende, die vielleicht interessiert zuhören?

Und was leitet uns, wenn wir nicht agieren? Ich glaube, es ist nicht immer die Angst vor körperlichen Attacken oder rüden Beschimpfungen. Nicht selten, so scheint mir, und ich schließe dabei von mir auf andere, steckt dahinter eher Hilflosigkeit. Wie reagiere ich, wenn jemand über mir einen Kübel voll von Vorurteilen und Ressentiments ausleert? Wie finde ich Worte, die zugleich freundlich, aber unmissverständlich in der Abgrenzung und verständlich in der Botschaft sind?

Viele Gelegenheiten habe ich nicht. Aber ich habe mir zum Vorsatz genommen, von den wenigen keine mehr vorbeigehen zu lassen, ohne ein angemessenes Wort wenigstens versucht zu haben. So bediene ich zumindest nicht das bequeme Vorurteil, dass ja sowieso nichts zu machen sei.

Vorurteile – das Thema ist uferlos! Haben wir noch Lust zu einem letzten Gedanken? Na dann.

Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen. Das ist nicht wirklich antik, sondern nur ein paarhundert Jahre alt, aber irgendwie natürlich doch aus der Antike. Ovid hatte einen ähnlichen Vers, und von ihm hat jemand den obigen Satz abgeleitet. Eigentlich geht es um das Altern. Darum, wie wir auf der Zeitachse beständig weitergeschoben werden, ob es uns gefällt oder nicht. Aber manchmal bleiben wir auch einfach stehen und bemerken nicht, wie sich die Zeit heimlich an uns verbeischleicht. Als mittlerweile einer der Älteren kann ich das beurteilen ….

Da habe ich mich also vor Jahr und Tag intensiv und sorgfältig über ein Thema schlau gemacht und mir ein Urteil gebildet. Schließlich war mir die Sache wichtig, und ich wollte keine halben Sachen machen. Gut, dass ich das jetzt für immer weiß! – Wirklich für immer? Oder ist es nicht manchmal so, dass sich die Tatsachen, die damals maßgebend waren, ganz allmählich oder auch ruckartig verändert haben, ohne dass ich mir das bewusst gemacht hätte?

Die Anbieter von Handy- oder Stromtarifen nützen das systematisch aus, indem sie mir einmal das Gefühl geben, ich hätte jetzt ganz doll verglichen und damit die Frage des günstigsten Angebots (für immer) geklärt. Und dann hoffen sie, dass ich möglichst lange in diesem Glauben verharren möge. Das ist ein Beispiel, aber es geht nicht nur um die paar Euro für den Handyvertrag.

Der gleiche Effekt ist nämlich auch im Spiel, wenn ich versuche, meine mühsam gesammelten Lebenserfahrungen an die nächste oder übernächste Generation weiterzugeben. Das kann gut gehen, und nichts ist schöner als ein geglückter Generationen-Dialog. Damit er aber Chancen hat zu gelingen, bin ich als der Ältere gefordert, sorgsam zu prüfen, ob denn das Umfeld, in dem meine eigenen Erfahrungen gewachsen sind, noch zu dem passt, was heute auf die Jüngeren einwirkt. Kann ich mit JA antworten, ist es einfach. Bei einem klaren NEIN ebenso, nur umgekehrt. Dann braucht es die Größe, das vor mir selber einzugestehen.

Meistens ist es vielleicht ein "halb und halb". Das öffnet die Tür zu einem Dialog, von dem am Ende beide etwas haben. Damit nicht aus dem begründeten Urteil von damals allmählich ein Nach-Urteil wird, als spezielle Form des Vorurteils: Vom Zeitablauf ins Unrecht gesetzt. Aus dem gleichen Grund warnen Historiker davor, Gegenwartsprobleme mittels historischer Analogien lösen zu wollen. Freilich sind dort noch viel größere Zeitintervalle im Spiel, und das Problem verschärft sich entsprechend. Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, verbünde dich mit ihm. So lebe ich recht friedlich mit meinen Vorurteilen und ihrer Verwandtschaft, solange sie sich anständig benehmen und an meine Regeln halten. Wenn sie aber zudringlich werden und mich in den Sumpf locken, weise ich sie scharf zurecht – bilde ich mir wenigstens ein.

Von Dr. Christian Thieme


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Sippenleiter Andreas Zeiser
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Sippe Wanderfalken, 7. - 8. Klasse
Fr., 16:45 bis 18:15 Uhr
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