Martin Luther King, heute gelesen, Teil 6

Heute gelesen: Texte und Anregungen in der Zeit des Wartens

Martin Luther King
Martin Luther King 1964, bei einer Pressekonferenz.
(Bild Quelle: pixabay Lizenz/nur redaktionelle Nutzung)


Der Tag seiner Ermordung am 4. April 1968 ist in diesem Jahr wenig beachtet worden. Auch die Erinnerung an seinen Ge-burtstag am 15. Januar 1929 in Atlanta scheint zu verblas-sen. Immerhin haben die US-Amerikaner seit 1983 einen „Martin-Luther-King-Day“, durch den sie am dritten Sonntag des ersten Jahresmonats an die Bedeutung des Bürgerrechtlers und Pfarrers erinnert werden. Und nahe der National Mall in der Hauptstadt Washington zieht seit 2011 das Martin Luther King Memorial viele Besucherinnen und Besucher an.

Ich möchte Ihnen in der nächsten Zeit einige der Texte von Martin Luther King zur Lektüre empfehlen. Grundlage dafür ist die Textausgabe Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, HarperCollins publishers 1992. Ich werde die Texte jeweils aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen, empfehle aber auch eine Lektüre im Original und vor allem im Audio-Format, wenn möglich von Reverend Dr. King selbst gesprochen.

Dr. Stefan Koch

 

"I have an Dream"(*1) – „Ich habe einen Traum“(*2)
Viele der prägenden Sätze und Bilder dieser Rede – wohl seiner am häufigsten zitierten Ansprache – hatte Martin Luther King jr. schon zuvor verwendet. Auf den Stufen des Lincoln Memorial auf der Mall der amerikanischen Hauptstadt im Sommer 1963 gehalten, fassen sie wie in einem Kameo zusammen, was schon der Prophet Deuterojesaja (Buch des Propheten Jesaja 40-55) als allernächste Zukunft seiner Zeit am Ende des Exils benennt. Dieser zweite Jesaja forderte die Menschen seiner Generation auf, freudig zu erwarten, dass demnächst Gott auf einer großen Prozessionsstraße, zu der sich die Schöpfung selbst umformt – Täler werden erhöht, Hügel und Berge werden erniedrigt, was uneben ist wird gerade, was hügelig ist, wird eben (Jesaja 40,4) –, aus der Wüste heraufkommen wird, um wieder im Tempel von Jerusalem Wohnung zu nehmen und so die Stadt erneut zu heiligen. King formuliert die allernächste Zukunft seiner Generation – im Ergebnis ähnlich kontrafaktisch wie Deuterojesaja – als Traumerfüllung einer wieder intakten, ihres Auftrags bewussten amerikanischen Nation, in der nun die Menschen endlich so zusammenleben, wie es von Anfang an in der Erklärung ihrer Unabhängigkeit intendiert war.

… So sage ich euch, meine Freunde, auch wenn wir heute und morgen Schwierigkeiten überwinden müssen, ich habe immer noch einen Traum. Dieser Traum ist tief verwurzelt im amerikanischen Traum, dass eines Tages diese Nation aufstehen wird und die wahre Bedeutung ihres Glaubens ausleben wird: „wir halten die folgenden Wahrheiten für selbstevident, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden“(*3).

Ich habe den (*4) Traum, dass es eines Tages auf den roten Hügeln Georgias den Söhnen früherer Sklaven und den Söhnen früherer Sklavenbesitzer möglich sein wird, am Tisch der Geschwisterlichkeit Platz zu nehmen.
Ich habe den Traum, dass sogar der Bundesstaat Mississippi, ein Staat, der unter der Hitze der Ungerechtigkeit schmachtet, der unter der Hitze der Unterdrückung schmachtet, verwandelt sein wird in eine Oase von Freiheit und Gerechtigkeit.
Ich habe den Traum, dass eines Tages meine vier Kinder in einem Volk leben werden, in dem sie nicht nach der Farbigkeit ihrer Haut, sondern der Werte ihres Charakters beurteilt werden. Ich habe diesen Traum heute!
Ich habe den Traum, dass eines Tages unten in Alabama mit seinen giftspritzenden Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie „Außerkraftsetzung“ und „Ungültigkeitserklärung“ (*5) tropfen, dass eines Tages gerade in Alabama kleine farbige Jungs und kleine farbige Mädchen die Hände halten können mit kleinen weißen Jungs und kleinen weißen Mädchen. Ich habe diesen Traum heute!
Ich habe den Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht werden wird, jeder Hügel und Berg erniedrigt werden wird, unebene Stellen gerade werden und hügelige Stellen eben werden [Jes 40,4] und die Gerechtigkeit Gottes offenbar wird und alles Fleisch es miteinander sehen wird [Jes 40,5a]. Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ausgestattet ich zurück in den Süden gehe.
Durch diesen Glauben werden wir in der Lage sein, aus dem Berg der Verzweiflung den Stein der Hoffnung herauszuschlagen. In diesem Glauben werden wir in der Lage sein, die klirrenden Uneinigkeiten in unserer Nation zu verwandeln in eine wunderschöne Symphonie der Geschwisterlichkeit.
In diesem Glauben werden wir in der Lage sein, miteinander zu arbeiten, miteinander zu beten, miteinander gemeinsam zu kämpfen, miteinander ins Gefängnis zu gehen, miteinander für die Freiheit aufzustehen im Wissen darum, dass wir eines Tages frei sein werden. Es kommt der Tag, an dem alle Kinder Gottes in der Lage sein werden dem Singen von ‚My country, ’tis of thee, sweet land of liberty, of thee I sing; land where my fathers died, land of the pilgrims’ pride, from every mountainside let freedom ring!‘ (*6) eine neue Bedeutung zu geben – und wenn Amerika wirklich eine große Nation ist, dann muss das wahr werden.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen von den kolossalen Hügeln von New Hamshire her. (*7)
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen von den mächtigen Bergen von New York her.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen von den sich auftürmenden Alleghennie-Bergen von Pennsylvanien her.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen von den schneebedeckten Bergen der Rockies in Colorado her.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen von den kurvenreichen Hügeln von Karlifirnien her.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen vom Stone-Mountain-Gebirge in Georgien her.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen vom Lookout-Gebirge in Tennessee her.
Deshalb lasst die Freiheit(sglocke) erklingen von jedem Hügel und Deich am Mississippi, von jedem Berg aus lasst die Freiheit(sglocke) erklingen.
Und wenn wir der Freiheit(sglocke) gestatten zu erklingen, wenn wir sie erklingen lassen von jedem Ort und von jeder Siedlung her, von jeder Stadt und jedem Bundesstaat, dann werden wir in der Lage sein, den Tag zu beschleunigen, an dem alle Kinder Gottes – farbige Männer und weiße Männer, Juden und Heiden, Katholiken und Protestanten – in der Lage sein werden sich die Hände zu reichen und die Worte des alten Liedes der Plantagenarbeiter zu singen: „Endlich frei, endlich frei, Gott dem Allmächtigen sei Dank, wir sind endlich frei“.

 

Hinweise und Fragen

Martin Luther King legt den Text von Jes 40 geographisch-theologisch aus, indem er die verschiedenen Höhenzüge und Gebirgssysteme einzelner Bundesstaten zu dem Ort erklärt, von dem aus die Freiheitsglocke – bis heute in Philadelphia, der ersten US-amerikanischen Hauptstadt, aufgestellt – zum Klingen gebracht wird. Letztlich verändert sich dadurch das Bildfeld aus Deuterojesaja zugunsten der Metapher aus der Bergpredigt Jesu (Mt 5-7) von der „Stadt auf dem Berg“. Ist eine solche Metaphernverschmelzung aus Ihrer Sicht biblisch-theologisch legitim?

*1)Hauptrede (‘keynote speech’) der Abschlußkundgebung beim „Marsch auf Washington”, gehalten am 28. August 1963, die auch durch die Übertragung im Fernsehen und ihre häufige Verwendung in historischen Rückblicken berühmt wurde, in: Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, pp. 101-106.

*2)Ich selbst hatte lange Jahre ein Poster mit den zentralen Passagen der Rede an der Tür meines Jugendzimmers. Heute werde ich durch rassistisch geprägte Vorfälle etwa durch weiße Polizeigewalt gegen Farbige in den USA wie Mr. Floyd in Minneapolis daran erinnert, dass es womöglich wirklich nur eine Augenblickswahrnehmung war, als Coretta King den Eindruck hatte, das Reich Gottes wäre angebrochen und im Rückblick einschränken musste: ‚But it lasted only a moment‘, in: Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, p. 102.

*3)Zitat der Anfangsworte der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn immer irgendeine Regierungsform sich als diesen Zielen abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und diese auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glückes geboten zu sein scheint …“

*4) Im Original ‚a dream‘, hier von mir als „den Traum“, d.h. durch den bestimmten Artikel interpretiert.

*5) King spielt auf die Maßnahmen an, durch die die bundesgerichtliche Durchsetzung der Bürgerrechte – so etwa die Zulassung farbiger Studierender an den Universitäten 1962 – durch staatliche Dekrete einzuschränken versuchte. Der juristische Theoriehintergrund besagt, dass ein Einzelstaat das Recht hat, Bundesgesetze, die er für verfassungswidrig hält, in der Geltung zu beschränken oder auszusetzen (‚nullifikation‘) bzw. das Recht ausüben kann, die bundesstaatlichen Interessen gegen solche föderalen Maßnahmen zu schützen (‚interposition‘).

*6) Zitat der ersten Strophe von ‚My country, ’tis of thee, Sweet land of liberty, Of thee I sing; Land where my fathers died, Land of the pilgrims’ pride, From every mountainside Let freedom ring!‘, „Mein Land, es ist von dir, dem süßen Land der Freiheit, von dir ich singe. Land, wo meine Väter starben, Land des Stolzes der Pilgerväter, lasst von jedem Bergeshang den Ruf der Freiheit erschallen!“; Liedtext von Samuel Francis Smith (1831), das neben anderen Liedern bis 1931 die Funktion einer inoffiziellen Nationalhymne übernommen hatte.

*7)Im Folgenden werden Berg- und Hügellandschaften genannt, um an ‘My country‘ anzuknüpfen, aber auch um – wie im Lied – auf die Stelle der Bergpredigt hinzuweisen, in der Jesus die Jünger auffordert, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, sondern es als Stadt auf dem Berg leuchten zu lassen, vgl. Mt 5,14f.


Martin Luther King, heute gelesen, Teil 5

Heute gelesen: Texte und Anregungen in der Zeit des Wartens

Martin Luther King
Martin Luther King 1964, bei einer Pressekonferenz.
(Bild Quelle: pixabay Lizenz/nur redaktionelle Nutzung)


Der Tag seiner Ermordung am 4. April 1968 ist in diesem Jahr wenig beachtet worden. Auch die Erinnerung an seinen Ge-burtstag am 15. Januar 1929 in Atlanta scheint zu verblas-sen. Immerhin haben die US-Amerikaner seit 1983 einen „Martin-Luther-King-Day“, durch den sie am dritten Sonntag des ersten Jahresmonats an die Bedeutung des Bürgerrechtlers und Pfarrers erinnert werden. Und nahe der National Mall in der Hauptstadt Washington zieht seit 2011 das Martin Luther King Memorial viele Besucherinnen und Besucher an.

Ich möchte Ihnen in der nächsten Zeit einige der Texte von Martin Luther King zur Lektüre empfehlen. Grundlage dafür ist die Textausgabe Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, HarperCollins publishers 1992. Ich werde die Texte jeweils aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen, empfehle aber auch eine Lektüre im Original und vor allem im Audio-Format, wenn möglich von Reverend Dr. King selbst gesprochen.

Dr. Stefan Koch

 

"Eulogy for the Martyred Children"(*1) – „Nachruf auf die ermordeten Kinder“(*2)
Die Aufgabe, ein Kind zu beerdigen, gehört zum Schlimmsten, was Eltern und Verwandte erleben müssen. Für einen Pfarrer ist diese Aufgabe zudem eine Herausforderung, weil es keine Worte für das Leid der Hinterbliebenen gibt, die ihren Verlust angemessen ausdrücken. Die Ermordung der vier Mädchen von Birmingham geschah zu einer Zeit, da die Bürgerrechtsbewegung durchaus erste Erfolge ihrer gewaltlosen Arbeit vorweisen konnte. In seiner Beerdigungsansprache versucht der Pfarrer Dr. Martin Luther King jr. eine Gradwanderung, die Kinder als „Kinder Gottes“ zu würdigen, die vor Gott ein großes – freilich so viel zu kurzes – Leben geschenkt bekommen haben, und zugleich den Menschen den Lebensmut zuzusprechen, sich vom Terror nicht beherrschen zu lassen, um ihm nicht die Deutungshoheit über das Leben zu überlassen.

Heute Nachmittag versammeln wir uns in der Stille dieses Friedhofs, um diesen wunderschönen Kindern Gottes die letzte Ehre zu erweisen. Sie haben die Bühne der Geschichte vor wenigen Jahren betreten, und in der kurzen Zeit, in der sie das Vorrecht hatten, auf dieser Bühne zu agieren, haben sie ihre Rollen auf herausragende Weise gespielt. Nun fällt der Vorhang; sie bewegen sich zum Ausgang; das Drama ihres irdischen Lebens kommt an sein Ende. Nun werden sie zurückgebracht in die Ewigkeit, aus der sie kamen.
Diese Kinder – niemanden verletzend, unschuldig und schön – wurden die Opfer eines der grässlichsten und heimtückischen Verbrechen, die jemals gegen die Menschlichkeit verübt wurden.
Und doch sind sie edel gestorben. Sie sind die Märtyrerinnen und Heldinnen eines heiligen Kreuzzugs für Freiheit und menschliche Würde. Sie haben uns mit ihrem Tod etwas zu sagen. Sie haben etwas zu sagen zu jedem Diener des Evangeliums, der bisher stumm geblieben ist hinter der Sicherheit seiner bunten Kirchenfenster. Sie haben etwas zu sagen zu jedem Politiker, der seinen Wahlbezirk das steinerne Brot des Hasses und des Opferfleisches zu essen gegeben hat. Sie haben etwas zu sagen zu einer Bundesregierung, die Kompromisse eingeht mit den undemokratischen Gepflogenheiten der Südstaatendemokraten (im Original: ‚dixiecrats‘) und mit der offensichtlichen Heuchelei der rechtsgerichteten Nordstaatenrepublikaner. Sie haben etwas zu sagen zu jedem Farbigen, der das System der Rassentrennung passiv erträgt und mitten in dem mächtigen Kampf um Gerechtigkeit an der Seitenlinie steht. Sie sagen zu jeder und jedem von uns, zu Farbigen wie Weißen gleichermaßen, dass wir Vorsicht durch Mut ersetzen müssen. Sie sagen uns, dass wir besorgt sein müssen nicht nur darum, wer sie ermordet hat, sondern über das System, die Lebensweise und die Philosophie, das/die ihre Mörder hervorgebracht hat. Ihr Tod sagt uns, dass wir mit Leidenschaft und unnachgiebig weiterarbeiten müssen, den amerikanischen Traum zur Realität werden zu lassen.
So sterben sie nicht vergebens. Gott hat doch noch eine Weise, aus Bösem Gutes entstehen zu lassen. Die Geschichte hat wieder und wieder bewiesen, dass unverdientes Leid zur Versöhnung führt. Das unschuldige Blut dieser jungen Mädchen kann als versöhnende Kraft wirken, die neues Licht bringt in die dunkle Stadt. Die heilige Schrift sagt: „Ein kleines Kind wird sie leiten“(*3). Der Tod dieser kleinen Kinder könnte unseren ganzen Süden vom tiefen Pfad der menschlichen Unmenschlichkeit auf die hohe Straße von Frieden und Geschwisterlichkeit bringen. Diese tragischen Tode könnten unsere ganze Nation dazu bringen, eine Aristokratie der Hautfarbe durch eine Aristokratie des Charakters zu ersetzen. Das vergossene Blut dieser unschuldigen Mädchen könnte die ganze Bürgerschaft von Birmingham dazu bewegen, die negativen Extreme der Vergangenheit in die positiven Extreme einer hellen Zukunft zu verwandeln. In der Tat, dieses tragische Vorkommnis könnte den weißen Süden dazu veranlassen, mit seinem Gewissen ins Reine zu kommen. Trotz der Dunkelheit dieser Stunde müssen wir nicht verzweifeln. Wir müssen nicht bitter werden, noch müssen wir dem Verlangen nachgeben, mit Gewalt zu vergelten. Wir müssen den Glauben in unsere weißen Brüder nicht verlieren. Irgendwie müssen wir glauben, dass die am meisten fehlgeleiteten unter ihnen lernen können, die Würde und den Wert jeder menschlichen Persönlichkeit zu respektieren.

Ich möchte nun auch ein Wort an euch, die Mitglieder der gebeutelten Familien sagen. Es ist fast unmöglich, etwas zu sagen, was euch in dieser schwierigen Stunde tröstet und die tiefen Wolken der Enttäuschung wegschiebt, die an eurem geistigen Himmel stehen. Aber ich hoffe, ihr könnt ein wenig Trost finden in der Universalität dieser Erfahrung. Der Tod kommt zu jedem einzelnen Menschen. Es gibt eine interessante Demokratie im Tod. Er verleiht keine Vorrechte, sondern es gibt diese Demokratie für jeden Menschen. Könige sterben und Bettler, reiche Menschen sterben und arme Menschen. Alte Menschen sterben und junge Menschen sterben. Der Tod kommt zu den Unschuldigen und zu den Schuldigen. Der Tod ist der unvermeidliche gemeinsame Gleichmacher aller Menschen.
Ich hoffe, ihr findet etwas Trost in der Bestärkung des Christentums, dass der Tod nicht das Ende ist. Der Tod ist keine Punkt, der den ganzen Satz des Lebens beendet, sondern das Komma, das ihm seine eigentliche Bedeutung verleiht. Der Tod ist kein blinder Führer, der die menschliche Rasse ins Nichts führt, sondern eine offene Tür, die den Menschen in die Ewigkeit geleitet. Lasst diesen nährenden Glauben, diese große, unbesiegbare Zuversicht die euch kräftigende Macht während dieser Tage der Versuchung sein.
Es gibt Zeiten, da ist das Leben hart wie gehärteter Stahl. Es hat seine schweren und schmerzvollen Zeit. Wie die immer weiterfließenden Wasser eines Flusses hat das Leben seine Zeit der Trockenheit und seine Zeit der Überschwemmung. Wie die immer wiederkehrenden Elemente hat das Leben die guttuende Wärme des Sommers und die durchdringende Kälte des Winters. Und durch alles das hindurch ist Gott mit uns unterwegs. Vergesst nie, dass Gott in der Lage ist, uns aus der Müdigkeit der Verzweiflung in die lebendige Hoffnung hochzuheben und Dunkelheit und verlassene Täler in den vom Sonnenlicht beschienen Pfad des inneren Friedens zu verwandeln.
Eure Kinder haben nicht lange gelebt, aber sie haben gut gelebt. Die Quantität ihres Lebens war bestürzend kurz, aber die Qualität ihres Lebens war bewundernswert groß. Wo sie gestorben sind und was sie getan haben, als sie getötet wurden, könnte für jede und jeden von euch ein besonderer Nachruf bleiben, ein ewiges Epitaph für jede von ihnen. Sie sind nicht in einer Höhle gestorben oder einem Loch oder hätten schmutzige Witze gehört oder erzählt, als sie starben. Sie sind in den heiligen Mauern einer Kirche gestorben, wo sie über etwas so Ewiges wie Liebe gesprochen haben.
Shakespeare (*4) hat Horatio am Leichnam Hamlets einige schöne Worte sprechen lassen. Ich paraphrasiere diese Worte, da ich bei den sterblichen Überresten dieser lieben Mädchen stehe: „Gute Nacht, süße Prinzessinnen; mögen die Flügel der Engel euch zur ewigen Ruhe geleiten“.

 

Hinweise und Fragen

Es geht nicht darum, diese Rede hier zu analysieren oder sie auf ihre Stimmigkeit auch für heute hin zu beurteilen. Die Ansprache ist eine Rede für eine ganz bestimmte Situation. Aber man kann aus ihr auch etwas für heute lernen, ohne den Tod der Kinder und die Trauer der Angehörigen zu instrumentalisieren. Für mein Verständnis gelingt dem Prediger die Verbindung der Anlässe allerdings nur bedingt. Gut, dass er sich erst im zweiten, seelsorgerlichen Teil dann auch an die Familien der vier Mädchen wendet und ich nicht den Eindruck gewinne, dass er seine politische Theologie dafür nutzt, um ihrem Tod eine tagespolitisch aktuelle Bedeutung abzuringen. Er spricht auch nur sehr vorsichtig von ihnen als „Märtyrerinnen“ (so im ersten Teil; die Nennung in der Überschrift des Textes halte ich für später vom Herausgeber zugefügt und für nicht original). Vielmehr hat der Tod der Mädchen eine Bedeutung für Kings Verständnis der Dringlichkeit der Veränderung, zu der er die Menschen in Land anstiften will. Diese über die Würdigung ihres Lebens hinausgehende Inanspruchnahme des Todes der Kinder halte ich für legitim, wenn die Zustimmung der Eltern zu dieser Deutung vorliegt.

*1 Traueransprache bei der Beisetzung der Mädchen, die am 15. September 1963 bei einem Terroranschlag auf den Kindergottesdienst (im Original: ‚sunday school‘) der Gemeinde der „16th Street Baptist Church“ in der Stadt Birmingham im Bundesstaat Alabama getötet worden waren, in: Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, pp. 115-118.
*2 Es handelt sich um Denise McNair (11 Jahre alt), Addie Mae Collins (14), Carole Robertson (14) und Cynthia Wesley (14). 23 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Mörder war ein Mitglied des sogenannten „Ku-Klux-Klan“, er wurde in erster Instanz freigesprochen und hatte zudem einen erst viel später zur Rechenschaft gezogenen Mittäter. An der Beerdigung nahmen weit über 5.000 Menschen teil.
*3 Vgl. Buch des Propheten Jesaja 11,6-9: „Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt.“
*4 William Shakespeare, „Hamlet“ (1601/1602), fünfter Akt, zweite Szene. Horatio ist Hamlets Studienfreund seit Wittenberger Tagen: ‚Now cracks a noble heart. — Good night, sweet prince, and flights of angels sing thee to thy rest!‘, in der Verdeutschung von August Wilhelm von Schlegel: Da bricht ein edles Herz. - Gute Nacht, mein Fürst! Und Engelscharen singen dich zur Ruh!“


Martin Luther King, heute gelesen, Teil 4

Heute gelesen: Texte und Anregungen in der Zeit des Wartens

Martin Luther King
Martin Luther King 1964, bei einer Pressekonferenz.
(Bild Quelle: pixabay Lizenz/nur redaktionelle Nutzung)


Der Tag seiner Ermordung am 4. April 1968 ist in diesem Jahr wenig beachtet worden. Auch die Erinnerung an seinen Ge-burtstag am 15. Januar 1929 in Atlanta scheint zu verblas-sen. Immerhin haben die US-Amerikaner seit 1983 einen „Martin-Luther-King-Day“, durch den sie am dritten Sonntag des ersten Jahresmonats an die Bedeutung des Bürgerrechtlers und Pfarrers erinnert werden. Und nahe der National Mall in der Hauptstadt Washington zieht seit 2011 das Martin Luther King Memorial viele Besucherinnen und Besucher an.

Ich möchte Ihnen in der nächsten Zeit einige der Texte von Martin Luther King zur Lektüre empfehlen. Grundlage dafür ist die Textausgabe Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, HarperCollins publishers 1992. Ich werde die Texte jeweils aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen, empfehle aber auch eine Lektüre im Original und vor allem im Audio-Format, wenn möglich von Reverend Dr. King selbst gesprochen.

Dr. Stefan Koch

 

"I see the promised land"(*1) – „Ich sehe das gelobte Land vor mir“
Für Martin Luther King war seine Tätigkeit zugleich eine Berufung durch Gott, den Menschen in den Vereinigten Staaten zu bezeugen, dass sie die Farbigen falsch behandelt hatten. Zugleich war er damit konfrontiert, dass mit den Jahren des Engagements den Betroffenen die Geschwindigkeit, unter der man Verbesserunen errichte, nicht mehr genügte. In seiner letzten Rede, vor streikenden Müllabführmitarbeitern in „Mason Temple“, einer Kirche in Memphis, entfaltete King eine prophetische Zukunftsschau, die nach der und vielleicht sogar durch seine Ermordung am folgenden Tag zu einer Art Vermächtnis der Zuversicht wurde. Zugleich wirken einige Passagen dieser Rede so, als hätte er seinen Tod vorhergesehen oder mindestens geahnt – jedenfalls konn-te ich mich dieses Eindrucks nicht erwehren, als ich diese Rede, von Martin Luther King selbst gesprochen, an seinem Grab in Atlanta zum ersten Mal gehört habe …

„… Nun, ich weiß nicht, was jetzt passieren wird. Wir haben einige schwierige Tage vor uns. Aber das macht mir gerade nichts aus. Weil ich [wie Moses] auf dem Gipfel des Berges gewesen bin. Und deshalb kümmert es mich nicht. Wie jeder andere Mensch würde ich gerne ein langes Leben haben. Ein langes Leben ist gut. Aber ich bin davor irgendwie gerade gar nicht tangiert. Ich möchte einfach tun, was Gottes Wille ist. Und er [Gott] hat mir [wie Moses] erlaubt, auf den Gipfel des Berges [den Berg Nebo] zu steigen. Und ich habe hinübergeschaut. Und ich habe das gelobte Land gesehen. Es mag sein, dass ich nicht mit euch dorthin kommen werde. Aber ich möchte, dass ihr heute Abend wisst, dass wir als Volk in das gelobte Land einziehen werden. Und deshalb bin ich heute Abend fröhlich, bin ich heute Abed durch nichts bekümmert. Ich fürchte nichts und niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.“

 

Hinweise und Fragen

Kings Rede ist meines Erachtens in ihrer Tiefe erst verständlich, wen man sie von der Bibel her deutet, wie ich dies durch die von mir eingetragen eckigen Klammern (die im Original so nicht dastehen) im Text versucht habe. Im letzten Kapitel des fünften Buch Mose (5. Buch Mose/Deuteronomium, Kapitel 34) steigt der von Gott für Israel bestimmte Anführer, nach vier Jahrzehnten der Wanderung des Volkes in der Wüste, auf den Berg Nebo im Ostjordanland gegenüber von Jericho, dem Tor in das gelobte Land, in das sein Nachfolger Josua die Menschen führen wird. Mose selbst darf nicht in dieses Land mit einziehen. Er gehört noch zu der Generation derer, die sich durch das goldene Kalb versündigt haben. Mose stirbt nach seiner letzten Rede, sein Grab in dieser Gegend ist heute unbekannt. King hat sich offensichtlich in der Nachfolge Moses begriffen, jedenfalls was dessen Schicksal betrifft, die „Landnahme“, den Einzug in das gelobte Land nicht mehr selbst erleben zu können. Er will den Trost dieser Aussicht auf das Erreichen des Zieles durch das Volk gegen die Trauer über das Abbrechen seines Weges stellen.

Bitte lesen Sie den Bibeltext Dtn 34,1-12 und stellen Sie, wenn möglich, einen Bezug auf Martin Luther King und auf möglicherweise andere vergleichbare Situationen wie etwa das Kriegsende in Deutschland vor 75 Jahren her.

*1 Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, pp. 194-203. Das ausgewählte Zitat beendet die Ansprache am 3. August 1968, dem Tag vor der Ermordung in Memphis im Bundesstaat Tennessee. Zuvor hate King in privater Runde auch von seinen Depressionen gesprochen und von der Angst, die Menschen, die an ihn glauben, im Ergebnis enttäuscht zu haben.


Martin Luther King, heute gelesen, Teil 3

Heute gelesen: Texte und Anregungen in der Zeit des Wartens

Martin Luther King
Martin Luther King 1964, bei einer Pressekonferenz.
(Bild Quelle: pixabay Lizenz/nur redaktionelle Nutzung)


Der Tag seiner Ermordung am 4. April 1968 ist in diesem Jahr wenig beachtet worden. Auch die Erinnerung an seinen Ge-burtstag am 15. Januar 1929 in Atlanta scheint zu verblas-sen. Immerhin haben die US-Amerikaner seit 1983 einen „Mar-tin-Luther-King-Day“, durch den sie am dritten Sonntag des ersten Jahresmonats an die Bedeutung des Bürgerrechtlers und Pfarrers erinnert werden. Und nahe der National Mall in der Hauptstadt Washington zieht seit 2011 das Martin Luther King Memorial viele Besucherinnen und Besucher an.

Ich möchte Ihnen in der nächsten Zeit einige der Texte von Martin Luther King zur Lektüre empfehlen. Grundlage dafür ist die Textausgabe Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, HarperCollins publishers 1992. Ich werde die Texte jeweils aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertra-gen, empfehle aber auch eine Lektüre im Original und vor al-lem im Audio-Format, wenn möglich von Reverend Dr. King selbst gesprochen.

Dr. Stefan Koch

 

"Letter from a Birmingham Jail"(*1) – „Brief aus einem Gefängnis in Birmingham“
Martin Luther King war Gemeindepfarrer auf der zweiten Pfarrstelle in Atlanta, die vorrangig sozialen Belangen gewidmet war. So konnte er sein Wirken auch tatsächlich als pastorale Tätigkeit verstehen und ausüben. Von Kollegen wurde ihm immer wieder vorgeworfen, er setze sie unter Druck so zu handeln wie er, sei womöglich selbstgerecht und seine Kampagne für Gewaltlosigkeit schüre in Wahrheit Unruhe. King antwortete selten auf solche Vorwürfe, auch wenn sie in offenen Briefen erhoben wurden. Allerdings nutze er seine häufigen Inhaftierungen, um sich in dieser Zeit – theologisch provokativ spricht er von ‚the sacrament of imprisonmnt‘ („dem Heilsmittel der Inhaftierung“) – zu einer grundsätzlichen Antwort an die Kollegen durchzuarbeiten. Seine Kernthese dabei: er möchte, dass die Pfarrer sehen, dass der Kampf gegen Rassendiskriminierung heute ins Zentrum der christlichen Nachfolge führt.

„Liebe Kollegen … Ich habe die Staaten Alabama, Mississippi und alle anderen Südstaaten in der Länge und der Breite bereist. An heißen Sommertagen und frischen Herbstmorgen habe ich dort die schönen Kirchen mit ihren hohen Dachreitern gesehen, die in den Himmel deuten. Ich habe die Größe ihrer religiösen Bildungseinrichtungen gewürdigt. Und immer wieder habe ich mich gefragt: Was für Leute feiern hier Gottesdienst? Wer ist ihr Gott? Wo waren ihre Stimmen, als die Lippen von Gouverneur Barnett von Worten des Widerspruchs und der Ungültigerklärung troffen? Wo waren sie, als Gouverneur Wallace die Turmglocke der Verleugnung und des Hasses anschlug? Wo waren ihre Stimmen der Unterstützung, als müde, verwundete und erschöpfte farbige Männer und Frauen sich entschieden, aus den dunklen Kellern des Nachgebens auf die hellen Hügel des Protestes aufzusteigen?
Ja, diese Fragen sind noch immer in meinem Sinn. In tiefer Enttäuschung habe ich über die Laxheit der Kirche geweint. Aber seid versichert, meine Tränen waren Tränen der Liebe. Es gibt keine tiefe Enttäuschung, wo nicht auch tiefe Liebe ist. Ja, ich liebe die Kirche, ich liebe ihre heiligen Mauern. Wie könnte es anders sein? Ich bin in der eher ungewöhnlichen Situation, Sohn, Enkel und Urenkel eines Predigers zu sein. Ja, ich erkenne in der Kirche den Leib Christi! Aber wie haben wir diesen Leib beschmutzt und verletzt durch soziale Verleugnung und Angst als Nonkonformisten zu gelten.
Es gab einmal eine Zeit, in der die Kirche sehr mächtig war. Es war zu dieser Zeit, dass die ersten Christen sich darüber freuten, wenn sie für würdig erachtet wurden, für das, was sie liebten, zu leiden. In dieser Zeit war die Kirche nicht nur ein Thermometer, das die Ideen und Prinzipien der öffentlichen Meinung anzeigte. Sie war ein Thermostat, das die Sitten der Gesellschaft veränderte. Wenn immer die ersten Christen eine Stadt betraten, wurde die dortige Machtstruktur gestört und versuchte unverzüglich, sie als „Störer des Friedens“ und „fremde Agitatoren“ zu verurteilen. Sie aber fuhren fort in der Überzeugung, eine „himmlische Bürgerschaft“ zu sein und Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Sie waren klein an Zahl, aber groß in der Überzeugung. Sie waren zu sehr von Gott getrieben, um besonders ängstlich zu sein. Sie führten das Ende der antiken Kinderaussetzung und der Gladiatorenkämpfe herbei.
Die Dinge sind heute anders. Die gegenwärtige Kirche ist oft eine schwache, ineffektive Stimme mit unsicherem Klang. Sie ist so oft die größte Unterstützerin des Status quo. Weit entfernt da-von, sich von der Präsenz der Kirche gestört zu fühlen, wird die Machtstruktur der durchschnittlichen Kommune beruhigt durch die Stille der Kirche und ihr oftmaliges verbales Absegnen der Dinge, wie sie sind.
Aber das Gericht Gottes liegt auf der Kirche wie nie zuvor. Wenn die Kirche von heute nicht den Opfergeist der frühen Kirche aufgreift, wird sie ihren authentischen Klang einbüßen, die Loyalität von Millionen verlieren und als unbedeutender sozialer Club des 20. Jahrhunderts abgewickelt werden. Ich treffe jeden Tag junge Menschen, deren Enttäuschung über die Kirche sich zu regelrechter Abneigung gesteigert hat.
Vielleicht war ich zu optimistisch. Ist die organisierte Religion zu sehr verbandelt mit dem Status quo, um unsere Nation und die Welt zu retten? Womöglich muss ich mein Vertrauen auf die geistliche, innere Kirche richten, die Kirche in der Kirche als die „wahre“ Kirche und Hoffnung der Welt. Wiederum bin ich Gott dafür dankbar, dass einige edle Seelen der Ränge der organisierten Religion sich aus den paralysierenden Ketten befreit haben und sich uns als aktive Partner des Freiheitskampfes angeschlossen haben. Sie haben ihre sicheren Kirchengemeinden verlassen und sind mit uns durch die Straßen von Albany in Georgia gezogen. Sie sind als Freiheitsfahrer (‚freedom rider‘) über die verwinkelten Schnellstraßen des Südens gekommen. Ja, sie sind auch mit uns ins Gefängnis gegangen. Einige sind aus ihren Kirchen geworfen worden und ha-ben die Unterstützung ihrer Bischöfe und ihrer Pfarrkollegen verloren. Sie sind in dem Glauben gegangen, dass das Recht, wenn auch besiegt, stärker ist als das triumphierende Böse. Diese Männer waren der Sauerteig im Klumpen der Rasse. Ihr Zeugnis war das geistige Salz, das die wahre Bedeutung des Evangeliums in diesen schwierigen Zeiten bewahrt hat. Sie haben einen Tunnel der Hoffnung gegraben durch den dunklen Berg der Enttäuschung.
Ich hoffe, dass die Kirche auch als Ganze die Herausforderung dieser entscheidenden Stunde bestehen wird. Aber selbst wenn die Kirche der Gerechtigkeit nicht zu Hilfe kommt, habe ich keine Sorge vor der Zukunft. Ich habe keine Angst vor dem Ausgang unseres Kampfes in Birmingham, auch wenn unsere Motive dabei gegenwärtig missverstanden werden. Wir werden das Ziel der Freiheit im Birmingham und über das ganze Land hin erreichen, weil das Ziel dieses Landes die Freiheit ist. Angegriffen und verletzt wie wir sein mögen ist unser Schicksal verbunden mit dem Schicksal Amerikas. Bevor die Pilger in Plymouth landeten, waren wir schon da. Bevor der Füllfederhalter von Jefferson über die Seiten der Geschichte die mächtigen Worte der Unabhängigkeitserklärung kratzte, waren wir da. Für mehr als zwei Jahrhundert haben unsere Vorfahren ohne Bezahlung für dieses Land gearbeitet; sie haben die Baumwolle großgemacht; sie haben die Häuser ihrer Herren gebaut inmitten von brutaler Ungerechtigkeit und schändlicher Verächtlichmachung – und zugleich sind sie aus unerschöpflicher Vitalität gewachsen und haben sich weiterentwickelt. Die unentschuldbaren Grausamkeiten der Sklaverei haben uns nicht stoppen können, die Opposition, die wir gerade erleben, wird gewiss unterliegen. Wir werden unsere Freiheit gewinnen wegen des heiligen Erbes unserer Nation und weil der ewige Willen Gottes sich in unseren entsprechenden Forderungen verkörpert …
Ich hoffe, dass dieser Brief euch stark im Glauben findet. Und ich hoffe, dass die Umstände es mir bald möglich machen, jeden von euch zu treffen, nicht als einen Befürworter der Rassenin-tegration oder als Bürgerrechtsaktivisten, sondern als Pfarrerskollegen und Glaubensbruder. Lasst uns alle hoffen, dass sich die dunklen Wolken der rassistischen Vorurteile bald verziehen und sich der tiefe Nebel der Missverständnisse von unseren furchtgetränkten Gemeinschaften hebt und in einer nicht zu fernen Zukunft die leuchtenden Sterne der Liebe und der Brüderlichkeit über unserer großartigen Nation scheinen mit all ihrer glitzernden Schönheit.

Euer in der Sache des Friedens und der Brüderlichkeit verbundener
Martin Luther King jr.

 

Hinweise und Fragen

Die Diagnose Martin Luther Kings über die Kirche seiner Zeit ist klar und so wohl auch heute wieder gültig. Wie sähe aktuell eine mögliche konkrete Besserung aus, damit die Kirche ihre ver-lorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnt?

Martin Luther King legt eine auch vor ihm schon oft vertretene Deutung der Geschichte des Christentums vor, in der die ersten Jahrhunderte einer Kirche ohne Macht und Privilegien der späteren Zeit kontrastiert wird, die dem gegenüber als Zeit der Laxheit und der Gefährdung des Evangeliums gilt. Eine solche Deutung ist populär, verkleinert aber die Möglichkeiten, die eine Kirche als Sauerteig eines bestehenden Systems hat, um die Situation für die Menschen konkret zu verbessern. Letzteres muss sie dann aber auch erreichen …

*1 Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, pp. 83-100. Das ausgewählte Zitat steht in einem längeren Brief aus dem Jahr 1963.

*2 Ross Barnett, von 1960 bis 1964 demokratischer Gouverneur des Bundesstaates Mississippi, widersetzte sich 1962 der Zulassung farbiger Studenten an der Universität Mississippi, die das oberste Bundesgericht zugelassen hatte.

*3 George Wallace, von 1963 bis 1967, von 1971 bis 1979 und von 1983 bis 1987 demokratischer Gouverneur des Bundesstaates Alabama. Bei seiner Amtseinführung 1963 erklärte er: „Rassentrennung heute, Rassentrennung morgen und Rassentrennung für immer!“


Martin Luther King, heute gelesen, Teil 2

Heute gelesen: Texte und Anregungen in der Zeit des Wartens

Martin Luther King
Martin Luther King 1964, bei einer Pressekonferenz.
(Bild Quelle: pixabay Lizenz/nur redaktionelle Nutzung)


Der Tag seiner Ermordung am 4. April 1968 ist in diesem Jahr wenig beachtet worden. Auch die Erinnerung an seinen Ge-burtstag am 15. Januar 1929 in Atlanta scheint zu verblas-sen. Immerhin haben die US-Amerikaner seit 1983 einen „Mar-tin-Luther-King-Day“, durch den sie am dritten Sonntag des ersten Jahresmonats an die Bedeutung des Bürgerrechtlers und Pfarrers erinnert werden. Und nahe der National Mall in der Hauptstadt Washington zieht seit 2011 das Martin Luther King Memorial viele Besucherinnen und Besucher an.

Ich möchte Ihnen in der nächsten Zeit einige der Texte von Martin Luther King zur Lektüre empfehlen. Grundlage dafür ist die Textausgabe Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, HarperCollins publishers 1992. Ich werde die Texte jeweils aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertra-gen, empfehle aber auch eine Lektüre im Original und vor al-lem im Audio-Format, wenn möglich von Reverend Dr. King selbst gesprochen.

Dr. Stefan Koch

 

"Our God is marching on(*1) – „Unser Gott marschiert weiter …“
Obwohl der Kongress der Vereinigten Staaten (Repräsentantenhaus und Senat) im Jahr 1964 endlich das Bürgerrechtsgesetz erlassen bzw. gebilligt hatte, duften viele Farbige in den Südstaaten immer noch nicht wählen. Und sogar der demokratische Nominierungsparteitag des Präsidenten dieses Jahres weigerte sich, den regelkonform gewählten Delegierten aus Mississippi Plätze zu geben. So entschlossen sich verschiedene Bürgerrechtsbewegungen zu einer „dramati-sierenden“ Aktion im Bundesstaat Alabama ab 1. Februar 1965. Die anschließenden Reaktionen der staatlichen Gewalt – zudem die Ermordung von Malcolm X am 25. Februar 1965 in New York City sowie die Ermordung von Rev. James Reeb am 9. März in Selma – verdichteten den bedrückenden Eindruck, dass der Staat in vielen seiner Gliederungen weiterhin eher auf unterdrückende Maßnahmen denn auf die Umsetzung der Bürgerrechtsgesetze bedacht war. Die durch die Bürgerrechtsbewegung dafür hergestellte Öffentlichkeit motivierte aber auch zunehmend nicht-farbige Amerikaner, die Anliegen der Aufhebung der Rassentrennung zu unterstützen. So wurde der 54 Meilen lange Fußmarsch von Selma nach Montgomery mit der symbolischen Überquerung der Edmund-Pettus-Brücke trotz der zuerst eingesetzten, überbordenden Polizeigewalt zum erneuten Aufbruchssignal. Am Ende der Aktion stand die folgende, in Auszügen wiedergegebene Rede von Martin Luther King jr. auf den Stufen des Regierungssitzes des US-Staates Alabama in Montgomery.

„Sie haben uns gesagt, wir würden es nicht schaffen, hierher zu kommen. Und es gab die, die gesagt haben, dass wir nur über ihre Leiche es hierher schaffen würden. Aber nun weiß alle Welt, dass wir hier sind und vor den Kräften der Macht im Staate Alabama stehen und sagen: "Wir lassen uns von niemandem den Weg versperren!"
Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 hat den Farbigen ein Stück ihrer zustehenden Würde gegeben, aber ohne das Wahlrecht ist das eine Würde ohne Stärke.
Erneut hat die Methode des gewaltlosen Widerstands ihre geschliffene Klinge enthüllt und erneut wurde eine ganze Gemeinde mobilisiert, den Gegner zu konfrontieren. Und erneut schrillt die Brutalität einer sterbenden Ordnung durch das Land. So wurde Selma in Alabama zu einem hell leuchtenden Ereignis für das menschliche Gewissen.

Es gab noch nie einen ehrenwerteren und inspirierenderen Augenblick in der amerikanischen Geschichte als den gemeinsamen Pilgerweg von Geistlichen und Laien jeder Rasse und jedes Glaubens, die nach Selma hereingeströmt sind, um sich in der Gefahr an die Seite der angegrif-fenen farbigen Menschen zu stellen.
Die Konfrontation von Gut und Böse, verdichtet in der kleinen Gemeinschaft von Selma, hat die große Kraft erzeugt, den Kurs der ganzen Nation zu verändern. Ein im Süden geborener Präsident hat das Gespür, den Willen des Landes zu empfinden, und macht in einer Ansprache(*2), die in die Geschichtsbücher als einer der passioniertesten Aufrufe zu Humanität jemals durch einen Präsidenten unseres Landes eingehen wird, verpflichtet die föderale Staatsgewalt, die Jahrhunderte alte Plage aufzugeben. Präsident Johnson hat zu Recht den Mut der Farbigen gepriesen, dass sie das Gewissen der Nation aufgeweckt haben.
Wir wiederum müssen unseren tiefen Respekt ausdrücken für die weißen Amerikaner, die ihre demokratische Tradition pflegen gegen die hässlichen Gewohnheiten und Privilegien von Generationen, und die mutig vorgetreten sind, um sich uns anzuschließen. Von Montgomery nach Birmingham, von Birmingham nach Selma, von Selma zurück nach Montgomery, eine Wundspur in einem Kreis, oft blutig, sie wurde zu einer breiten Straße herauf aus der Dunkelheit. Alabama hat versucht, das Böse zu hegen und zu verteidigen, aber das Böse ist zu Tode erstickt auf den staubigen Straßen und Wegen dieses Staates. So stehe ich an diesem Nachmittag vor ihnen (und erkläre), dass die Rassentrennung in Alabama auf ihrem Todesbett liegt und die einzige verbleibende Unsicherheit darin besteht, wie teuer die Rassentrennungsbefürworter und Wallace ihre Beerdigung machen wollen.
Unsere gesamte Kampagne in Alabama drehte sich um das Wahlrecht. Durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit der Nation und der ganzen Welt auf die offenkundige Verweigerung des Wahlrechtes legen wir die Ursünde, den Wurzelgrund der Rassentrennung in den südlichen Ländern offen.
Die (angebliche) Gefahr des freien Gangs an die Wahlurne durch farbige und weiße Massen gleichermaßen hatte zur Schaffung einer rassengetrennte Gesellschaft geführt. Sie haben das Geld des Südens von den Armen der Weißen abgetrennt, sie haben die Sitten des Südens von den reichen Weißen abgetrennt, sie haben die Kirchen des Südens vom Christentum abgetrennt, sie haben den Sinn des Südens von ehrlichem Denken abgetrennt, und sie haben die Farbigen von allem abgetrennt.

Wir haben einen langen Weg zurückgelegt seit der Travestie von Gerechtigkeit, die den amerikanischen Sinn durchdrungen hat. Heute möchte ich der Stadt Selma sagen, heute möchte ich dem Staat Alabama sagen, heute möchte ich den Menschen in Amerika sagen und den Nationen der Welt: Wir werden nicht wieder umkehren. Wir sind jetzt im Schwung. Ja, wir sind jetzt in Bewegung und keine Welle des Rassismus kann uns aufhalten …

Ich weiß, dass ihr heute fragt, wie lange es dauern wird. Ich bin hier an diesem Nachmittag bei euch, um zu sagen: wie schwierig auch der Augenblick ist, wie frustrierend auch immer die Sünde, es wird nicht lange sein, denn die unterdrückte Wahrheit wird sich erheben.
Wie lange? Nicht lange, denn keine Lüge kann ewig überdauern.
Wie lange? Nicht lange, denn du wirst ernten, was du säst.
Wie lange? Nicht lange. Denn der Arm der moralischen Welt ist zwar lang, aber er wendet sich zur Gerechtigkeit.
Wie lange? Nicht lange, denn „meine Augen haben die Herrlichkeit des Kommens des Herrn gesehen, der den Weinberg zertrampelt, in dem die Früchte des Zorns lagerten. Er hat das schicksalshafte Blitzen seines furchtbar eilenden Schwertes losgelassen. Seine Wahrheit wird erscheinen.(*3)
Er hat erschallen lassen die Trompeten, die niemals zum Rückzug blasen. Er hat die Herzen der Menschen vor seinen Richtstuhl gebracht. Eile, meine Seele, ihm zu antworten. Jubelt, meine Füße! Unser Gott marschiert weiter.“

 

Hinweise und Fragen

Die gegenwärtige Antirassismusbewegung tut sich schwerer, für ihren Protest gegen den heutigen Rassismus in solch kräftigen Bildern auch auf religiöse Sprache zurückzugreifen. Vielleicht, weil sie diese Sprache nicht mehr sehr gut kennt. Wahrscheinlich aber auch, weil eine solche Sprache von kirchlichen Vertreterinnen und Vertretern nur noch leise und fast ein wenig verschämt gesprochen wird …

Bei Martin Luther King mischen sich prophetische Erwartungen (Gott erscheint) mit apokalyptischen Bildern (z.B. Trompete des Gerichtes, Zerstörung der Früchte des Zorns). Für die prophetische Tradition sind im Alten Testament die Kapitel 40-55 im Buch des Propheten Jesaja einschlägig, für apokalyptische Bildwelten Texte wie die Visionen in Daniel 7-12 und die Nachtgesichte in Sacharja 1-6 (www.die-bibel.de). Sehr vereinfacht gesprochen kündet die Prophetie eine neue Zeit an, die Gott heraufführt, während die Apokalyptik das Ende der Gegenwart androht und damit trösten will, noch durchzuhalten. Für beides gibt es Anhaltspunkte auch im Denken von Martin Luther King. Mindestens aus der prophetischen Tradition bräuchte es solche Impulse für die Gesellschaft und gewiss auch für die Kirche auch heute.

*1 Rede am 25. März 1965 am Ende des Protestmarsches von Selma nach Montgomery, gehalten vor dem Kapitol der Hauptstadt des Bundesstaates Alabama, in: Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, pp. 120-124.

*2 In einer gemeinsamen Sitzung beider Kammern des US-Kongresses zur Einbringung des Bürgerechtsgesetzes 1964, bei der Lyndon Baines Johnson das Lied „We shall overcome“, „the great hymn of the Civil Rights Movement“ zitierte.
Amtierende Gouverneur des US-Bundesstaates Alabama.

*3 Im Original wörtliches Zitat der „Battlehymn of the Republik“, die als Gemeindegesang bis heute bei besonderen Gelegenheiten am Ende des Gottesdienstes vieler farbiger US-Kirchengemeinden gesungen wird – eine Art amerikanisches „Großer Gott, wir loben Dich“.


Martin Luther King, heute gelesen, Teil I

Heute gelesen: Texte und Anregungen in der Zeit des Wartens

Martin Luther King
Martin Luther King 1964, bei einer Pressekonferenz.
(Bild Quelle: pixabay Lizenz/nur redaktionelle Nutzung)


Der Tag seiner Ermordung am 4. April 1968 ist in diesem Jahr wenig beachtet worden. Auch die Erinnerung an seinen Ge-burtstag am 15. Januar 1929 in Atlanta scheint zu verblas-sen. Immerhin haben die US-Amerikaner seit 1983 einen „Mar-tin-Luther-King-Day“, durch den sie am dritten Sonntag des ersten Jahresmonats an die Bedeutung des Bürgerrechtlers und Pfarrers erinnert werden. Und nahe der National Mall in der Hauptstadt Washington zieht seit 2011 das Martin Luther King Memorial viele Besucherinnen und Besucher an.

Ich möchte Ihnen in der nächsten Zeit einige der Texte von Martin Luther King zur Lektüre empfehlen. Grundlage dafür ist die Textausgabe Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, HarperCollins publishers 1992. Ich werde die Texte jeweils aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertra-gen, empfehle aber auch eine Lektüre im Original und vor al-lem im Audio-Format, wenn möglich von Reverend Dr. King selbst gesprochen.

Dr. Stefan Koch

 

"I accept this award(*1) – „Ich nehme diese Auszeichnung an …“
Im Jahr 1964 wurde Martin Luther King als damals jüngstem bis dahin Ausgezeichneten der Friedensnobelpreis zuerkannt. Nach der Verleihung in Oslo bedankte sich King in seiner „acceptence speech“ (10. Dezember 1964, hier in Auszügen übersetzt) am Ende der Monate, die geprägt waren von der Er-mordung von John Fitzgerald Kennedy (22. November 1963), die dann aber auch die Verabschiedung der noch von Präsident Kennedy auf den Weg gebrachten und von seinem Amtsnachfolger Lyndon Baines Johnson in Kraft gesetzten Bürgerrechtsgesetze (2. Juli 1964) erlebt hatten.

„… Nach längerem Nachdenken komme ich zu der Einschätzung, dass die Auszeichnung, die ich für die Bürgerrechtsbewegung empfangen habe, vor allem eine Anerkennung dafür ist, dass Gewaltlosigkeit die Antwort auf die wichtigsten politischen und moralischen Fragen unserer Zeit darstellt – die Notwendigkeit, dass man Unterdrückung und Gewaltanwendung überwindet, ohne sie durch Gewaltanwendung und Unterdrückung zu vergelten.

Zivilgesellschaft und Gewalt sind einander diametral entgegengesetzte Herangehensweisen an die Wirklichkeit (vgl. King: ‚concepts‘). Die farbigen Menschen der Vereinigten Staaten, darin den Menschen Indiens folgend, haben demonstriert, dass Gewaltlosigkeit keine sklavische Passivität ist, sondern eine kraftvolle moralische Kraft darstellt, die zu sozialer Veränderung führt. Früher oder später werden alle Menschen auf der Welt einen Weg entdecken, miteinander im Frieden zu leben und dafür die anhaltende kosmische Klage in einen kreativen Psalm der Geschwisterlichkeit umformulieren. Um dies zu erreichen muss man eine Methode für alle menschlichen Konflikte entwickeln, die Rache, Aggression und Vergeltung zurückweist. Das Fundament dieser Methode ist Liebe.

Tief in meinem Herzen bin ich mir dessen bewusst, dass der Nobelpreis viel mehr ist als eine Auszeichnung für mich als Person. Jedes Mal, wenn ich einen Flug nehme, ist mir immer klar, wie viele Menschen mir eine erfolgreiche Reise möglich machen, die bekannten Piloten und die unbekannten Mitarbeitenden des Bodenpersonals. Sie ehren nun den überzeugten Piloten unsers Kampfes, der an den Instrumenten sitzt, da die Freiheitsbewegung in die Höhe steigt …

Sie ehren das Bodenpersonal, ohne dessen Arbeit und Opfer die Maschine, die zum Frieden fliegt, niemals den Boden verlassen hätte. Die meisten dieser Menschen werden es nie in die Überschriften der Zeitung schaffen und ihre Namen werden nie prominent werden. Aber die Jahre vergehen und wenn das helle Licht der Wahrheit auf die großartige Ära fällt, in der wir leben, dann werden Männer und Frauen wissen und man wird die Kinder lehren, dass wir in einem schöneren Land leben, ein besseres Volk geworden sind, eine edlere Gesellschaft – eben weil diese bescheidenen Kinder Gottes bereit waren, um der Gerechtigkeit willen zu leiden …

Ich nehme diesen Preis an im Namen aller Menschen, die den Frieden lieben und die Geschwisterlichkeit.“

 

Hinweise und Fragen

Viele der Texte von Martin Luther King greifen Formulierun-gen auf, die an biblische Texte erinnern. Ein Psalm, in dem sich die Klage in den Dank verwandelt, wie King das für die Zukunft erhofft, ist etwa Psalm 61, den ich zur Lektüre (www.die-bibel.de) und zum Nachdenken empfehle.

Ein zentraler Textraum für Martin Luther King ist die Berg-predigt mit dem Aufruf Jesu zur Gewaltlosigkeit. Wenn Sie die Zeit haben: die Seligpreisungen (Matthäus 5,3-10) kann man immer wieder lesen und könnte sie auch einmal auswendig lernen. King bezieht sich am Schluss seiner Osloer Rede auf Matthäus 5 Vers 9.

*1 Nobel Prize Acceptance Speech (1964), in: Martin Luther King jr.: I HAVE A DREAM. WRITINGS AND SPEECHES THAT CHANGED THE WORLD, edited by James M. Washington, New York 1992, pp. 107-111.


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Sippe Wölfe, 5. - 6. Klasse
Fr., 15:15 bis 16:45 Uhr
Sippenleiter Andreas Zeiser
Tel.: 08151 89370

Sippe Wanderfalken, 7. - 8. Klasse
Fr., 16:45 bis 18:15 Uhr
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Tel.: 0152 33868476

Evangelischer Frauenkreis Starnberg
Ansprechpartner sind :
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Margret Geske
Tel.: 08151 13528

 

 

 

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