Kolumne Juni 2019











Pfingsten – das Fest der „Schubumkehr“

Pfingsten, das Fest der SchubumkehrDer frühere Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, hat in einer Predigt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin das Pfingstfest einmal mit der Erfahrung der Schubumkehr verglichen. Schubumkehr – das ist die Umkehr der Kraft, die ein Flugzeug zu leisten hat, wenn es zum Anflug ansetzt. Wenn die Beschleunigung in eine Bremskraft verwandelt wird.

Als Passagier merkt man meist erst zu dem Zeitpunkt, wenn der Sicherheitsgurt einen zurückhält, in welch großer Geschwindigkeit das Flugzeug geflogen und was es bedeuten würde, wenn eben diese Schubumkehr ausbleiben würde.

Pfingsten ist ein Fest der Schubumkehr. Auch wenn dieses Wort in der Bibel noch nicht vorkommen kann und die Autoren vielleicht auch diesen Vergleich nicht gewählt hätten. Immer wieder aber ist von einer Umkehr die Rede. Umkehr vom rasenden Weg ins Verderben zu einem neuen Anfang. Umkehr des ängstlichen Sich-Verkriechens der Jünger zu einem mutigen Auftritt des Petrus vor der Menge in Jerusalem. Umkehr von der babylonischen Sprachverwirrung zur Verständigung der Völker.

Diese Schubumkehr beschreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Korinth, wo er von den verschiedenen Geistgaben spricht. Dabei unterscheidet Paulus zwischen dem Geist der Welt und dem Geist aus Gott. Er unterscheidet Torheit vom Dank. Es ist, als würde Paulus durch dieses Unterscheiden Denksperren beiseite räumen wollen, die sich seine Gesprächspartner auferlegt haben – z.B.. die Denkfigur, dass der Glaube von besonderen religiösen Genen abhängt, die man hat oder nicht hat. Oder die Denkfigur, nur der glaube, der das Datum seiner Bekehrung nachweisen könne. So als ob der Glaube nicht ein langer Weg sein kann, bei den sich die Klarheit plötzlich am Horizont zeigt, ohne dass ich genau sagen kann, seit wann sie in mein Blickfeld getreten ist.

Pfingsten gehört zu den großen Festen im Kirchenjahr. Und auch wenn Weihnachten und Ostern anschaulicher und greifbarer sind und deshalb mit viel mehr Brauchtum ausgestattet, ist Pfingsten doch nicht weniger bedeutsam. Denn diese Kraft, die Umkehr möglich macht, eröffnet neue Lebensmöglichkeiten.

Ein Leben lang sind wir mit den großen Fragen beschäftigt: Warum bin ich auf dieser Welt? Wem kann ich trauen? Auf was kann ich mich verlassen? Warum trifft es mich? Auf der Suche nach Antworten brauchen wir die Kraft, die Geister zu unterscheiden. Wir brauchen diesen Geist, damit wir nicht versinken in einen Geist des Kleinmuts, der wechselseitigen Abgrenzung und der Resignation.

In der Apostelgeschichte wird das Pfingstereignis mit Feuerflammen verglichen, die sich auf die Häupter setzen. Nicht nur auf das von Petrus, sondern auf jeden einzelnen und doch auf die Gemeinschaft. Auch das ist Pfingsten: Das Bewusstwerden, dass christlicher Glaube keine Privatsache ist, sondern Gemeinschaft stiftet und erhält. Keiner glaubt für sich alleine. Wir stehen auf den Schultern derjenigen, die vor uns geglaubt haben. Wir halten die Hände derer, die mit uns glauben. Und wir bieten hoffentlich auch die Schultern für diejenigen, die nach uns glauben wollen. So sind wir als glaubende Gemeinschaft, als Christi in Christi Sinn eine Verantwortungsgemeinschaft für das, was hilft, die Geister, auch die Geister der Zeit zu unterscheiden. Und wenn es sein muss, auch einzuschreiten, wenn Unrecht geübt wird – sei es im Kleinen einer Wohngemeinschaft, einer Kirche oder gegenüber Menschen in einem anderen Land dieser Welt.

Diesen Geist haben wir als Menschen nötig. Und um diesen bitten wir immer wieder. Ich schließe mit einem Gebet von Sylke-Maria Pohl:

Gott, guter Vater,
bei jedem Gefühl der Verlassenheit
begleite mich durch DEINEN HL. GEIST,
bei jedem Gefühl der Einsamkeit,
umarme mich durch DEINEN HL. GEIST,
bei jedem Gefühl der Schuld,
verzeihe mir durch DEINEN HL. GEIST,
bei jedem Gefühl der Schwäche,
stärke mich durch DIENEN HL. GEIST,
bei jedem Gefühl der Schmerzen,
heile mich durch DEINEN HL. GEIST,
bei jedem Gefühl der Trauer,
tröste mich durch DEINEN HL. GEIST
und bei jedem Gefühl der Freude freu DICH mit mir
DU HEILIGER GEIST GOTTES.
AMEN

Mit freundlichen Grüßen
Pfarrerin Birgit Reichenbacher