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Kolumne März 2019











Im Märzen

Am 1. März hat für Meteorologen der Frühling begonnen. Wer es freilich mathematisch genau nimmt, sollte den Tag des Monats herausfinden, an dem die Nacht und der Tag exakt gleich lange dauern (die sogenannte „Tag-und-Nacht-Gleiche“). Würden wir in Starnberg am Äquator leben und nicht am 48. nördlichen Breitengrad (eine entsprechende Markierung findet sich am Trottoire an der Wittelsbacher Straße, Ecke Ludwigstraße), so könnten wir erleben, dass an diesem 20. März 2019 die Sonne hoch oben im Zenit steht, genau im Osten auf- und exakt im Westen untergeht. Uns betrifft diese astronomische Frage aber auch elementar im Hinblick auf den Ostertermin. Wir feiern schließlich das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten immer am Sonntag nach dem ersten Vollmond der Tag-und-Nacht-Gleiche, also dem ersten Frühlingsvollmond, der heuer am 19. April 2019, dem Karfreitag, am Nachthimmel zu sehen sein wird.

Mit dem dritten Kalendermonat (noch bei den Römern war der März der Erste im Jahr, was man an den Namen von September und Oktober ablesen kann) verbinden sich zahlreiche Bräuche und Texte. Einer davon ist das kurz nach 1900 zum ersten Mal in Schlesien belegte Bauernkalenderlied, dessen Melodiebeginn den ersten vier Takten von Wolfgang Amadeus Mozarts „Hafner-Symphonie“ (Köchelverzeichnis 250, entstanden in Salzburg 1776) entnommen ist:

Im Märzen der Bauer die Ochsen einspannt,
bearbeit‘ die Felder, besäet das Land,
er pflanzet und pelzet all Bäumlein im Land,
das bringet uns alle in fröhlichen Stand.

Das hiergezeichnete Landleben klingt idyllischer, als es damals oder jemals war und heute ist. Es wird als gründlich fröhlich und geradezu unbeschwert geschildert. Wir begegnen den Bauersleuten und einem fröhlichen Gesinde beim Pflügen, Eggen, Säen und Graben. In der zweiten Strophe geht es um die mühelos scheinende Pflege der Wiesen und die Veredelung der Bäume. Und die (spätere) dritte Strophe schaut dann schon auf die Ernte im Herbst und einen müßigen Winter zurück …

Dass die regionale Landwirtschaft so ungetrübt heiter und unbedarft nicht betrieben werden kann, haben die Diskussionen um das Volksbegehren zum Thema „Artensterben“ gezeigt. Wenn es im März dann an den Baumschnitt und die beginnende Gartenarbeit geht, sind wir alle aufgefordert, sorgsam und schützend mit der Natur umzugehen. Wäre es denkbar, deshalb das Gras im Kirchgarten neben der Friedenskirche in Starnberg in diesem Jahr anders zu mähen, die Hecken am Pfarrhaus vorsichtiger zu schneiden und dem großen Kirschbaum dort einen pflegenden, aber eben nicht zu radikalen Schnitt angedeihen zu lassen?

Das Bauernlied vom Märzen hatte in Deutschland eine eigenartige weitere Karriere. Die DDR vereinnahmte es im Liederbuch „Sing mit, Pionier“ (1972) mit einer heute zum Glück vergessenen vierten Strophe für „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften“ (LPGs). Die Antiatombewegung im Westen nutzte es als Protestlied gegen Umweltverschmutzung.

Finden wir heute eine neue Form, der Natur als Gottes guter Schöpfung gerecht zu werden, ohne Idealisierung, ohne Vereinnahmung, ohne Ausbeutung und Missbrauch? Wir sollten damit vor der Haustür beginnen.

Pfarrer Dr. Stefan Koch

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